Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in Ellwangen wog Josef Köppel 160 Kilogramm. Heute weiß er, wie man abnimmt und sein Idealgewicht dauerhaft hält. [Plus-Archiv]
Schon als Kind ist Josef wohlgenährt. Daheim im schwäbischen Pfahlheim kocht die Oma mittags deftige Hausmannskost für ihn und seine beiden Schwestern. Nudelauflauf mit viel Speck und Sahne, Schnitzel mit Pommes, Pfannkuchen mit Nutella – all die Sachen, die sich Josef wünscht. Im Schulsport wird er, „das Moppele“, immer als Letzter in ein Team gewählt. Fußball macht Josef nur Spaß, wenn er samstags neben seinem Vater auf der Tribüne eines Bundesliga-Stadions sitzt. Er steht auf Borussia Dortmund und die Bratwurst in der Halbzeitpause.
Nach der Mittleren Reife beginnt Josef in Ellwangen eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Die Arbeit langweilt ihn, seinen Frust bekämpft er mit Fressen. Um die Ecke liegt eine Metzgerei, dort holt er sich in jeder Vesperpause zwei Fleischkäsebrötchen. Mittags geht’s in den Gasthof Hirsch, zum Tagesgericht bestellt Josef sich ein großes Spezi. Auf dem Heimweg hält er bei Burger King, um sich geschwind einen Whopper reinzupfeifen. Zwei Stunden später sitzt er mit seiner Familie beim Abendessen.
Männerbrüste und Dehnungsstreifen
Als Josef 23 Jahre alt ist, bringt er 160 Kilogramm auf die Waage. Bei seiner Körpergröße von 1,82 Meter ergibt sich daraus ein Body-Mass-Index von 48. Ab einem BMI von 25 gilt ein Mensch als übergewichtig, bei einem BMI von über 30 als adipös, auch fettleibig genannt. In der medizinischen Fachsprache leidet Josef unter Adipositas permagna, der stärksten Ausprägung der Fettleibigkeit. Er hat Männerbrüste, einen Schmerbauch und Dehnungsstreifen an den Beinen. Sein Cholesterin- und sein Zuckerwert sind entgleist, sein Blutdruck ist viel zu hoch. „Damals ist mir klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann“, erzählt Köppel. „Der Leidensdruck war einfach zu groß.“
Statistisch betrachtet ist Köppel eine Ausnahmeerscheinung: Er hat es nicht nur geschafft, innerhalb von zwei Jahren 80 Kilogramm abzunehmen, sondern auch, sein Idealgewicht dauerhaft zu halten. Weniger als zehn Prozent der Adipösen gelingt dieses Kunststück. Dabei ist Köppel überzeugt: „Fast jeder Mensch kann schlank sein, wenn er sich gut ernährt und genügend bewegt.“
Wenn Essen zur Sucht wird
Dicke gab es schon immer, aber bis vor etwa einem halben Jahrhundert waren sie Exoten. Erst in den 1970ern begann in den USA eine Übergewichtpandemie, die sich schnell auch in Europa ausbreitete. Adipositas-Forscher bezeichnen diesen Zeitpunkt als „Energy Flipping Point“. Seit diesem Energiewendepunkt kamen bei immer mehr Menschen immer mehr Pfunde hinzu.
Ursächlich für diese Entwicklung scheinen vor allem hochverarbeitete Lebensmittel zu sein. Studien belegen, dass Fast Food, Fertigmahlzeiten, Knabberkram und Süßigkeiten das Sättigungszentrum im menschlichen Gehirn übertölpeln. Die industriell produzierten Kombinationen aus Fett, Zucker, Stärke, Salz und diversen Aromastoffen macht süchtig: Statt satt zu werden, will man immer mehr davon.
Eine Last für die Betroffenen
Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland sind laut dem Robert-Koch-Institut übergewichtig, 23 Prozent sogar fettleibig. Für die Betroffenen stellt das in jeder Hinsicht eine Last dar. Dicke Menschen haben ein höheres Risiko für Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Demenz und Gelenkerkrankungen. Die Zuckerschwemme aus der Nahrung kann die Netzhaut schädigen oder die Niere zerstören. Und auch unter den schwer von einer Covid-19-Infektion Betroffenen finden sich überdurchschnittlich viele Adipöse.
Glaubt man der Ratgeberliteratur, lässt sich durch Diäten innerhalb von einigen Wochen oder wenigen Monaten ein neuer, fitter Körper formen. Auch Josef Köppel folgt zunächst einem populären Abnehmrezept: Eine Zeit lang isst er nur Kohlsuppe. Von dem Wasser-Gemüse-Mix soll er so viel löffeln, wie er runterkriegt, damit erst gar kein Hungergefühl aufkommt. Die Methode beruht auf der Annahme, dass der menschliche Organismus mehr Kalorien zum aufwendigen Verdauen des Kohls benötigt, als ihm durch die Suppe wieder zugeführt werden. Und tatsächlich nimmt Köppel rasch zehn Kilo ab, „aber ich habe mich dauernd müde gefühlt, hatte überhaupt keine Energie mehr“. Und einen Monat später wiegt er wieder so viel wie vor der Kohlsuppen-Radikaldiät.
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Zweiter Versuch: ein Pulver aus der Apotheke, das mit Wasser angerührt eine komplette Mahlzeit ersetzen soll – bei deutlich weniger Kalorien. „Abnehmen ohne Verlust von Vitaminen, Mineralstoffen und Muskelmasse“, verspricht der Hersteller. Doch die Drinks, Geschmacksrichtung Vanille, können Köppels Appetit nicht stillen: „Ich esse einfach zu gerne.“ Auch am Punktezählen mit Weight Watchers scheitert er: „Ich hatte ständig Hunger und schlechte Laune.“
Paprika statt Cheeseburger
Zwei Jahre lang hangelt sich Köppel von Diät zu Diät, nimmt ab und wieder zu – der berühmt-berüchtigte Jo-Jo-Effekt. Die ganze Quälerei hätte er sich sparen können. „Nichts hat sich als nachhaltig erwiesen“, erzählt er. „Es war deprimierend.“
2015, nachdem er das Fachabitur nachgemacht hat, zieht Josef Köppel zum Marketing-Studium nach Stuttgart. Ein Kommilitone nimmt ihn mit ins Fitnessstudio: „Du musst unbedingt etwas gegen dein Übergewicht tun!“ Das Training macht Köppel Spaß. Zusätzlich beginnt er, allein im Greutterwald zu joggen. Und abends setzt er sich an seinen Laptop und macht sich mit den Grundlagen der Ernährungslehre vertraut.
Bald begreift er, warum Vollkornbrot, Gemüse und Obst besser für ihn sind als ein Cheeseburger von McDonald’s: „Es ist faszinierend, wie viele verschiedene Nährstoffe, Spurenelemente, Vitamine und Ballaststoffe beispielsweise in einer Paprika stecken.“ Schließlich beginnt er, mit solchen kleinen Wunderwerken der Natur – Grünkohl, Süßkartoffeln, Brokkoli, Spinat, Rote Bete – selbst zu kochen. Fortan purzeln die Pfunde.
Glaubwürdiger Ernährungsberater
Nun hat er nur noch das Problem, dass das Fett zwar weg ist, aber sein Körper dennoch nicht besonders sportlich ausschaut: An manchen Stellen hängt die Haut schlaff herunter. „Alleine schaffe ich das nicht“, denkt er und googelt „Personal Trainer“. So lernt er den Fitness-Experten Jannik Eggs kennen.
Heute, drei Jahre später, sind die beiden Männer nicht nur beste Freunde, sondern auch Kompagnons der Ernährungsberatung Köppel & Eggs Coaching. Ursprünglich verbindet sie wenig: Jannik Eggs war im Sportabitur der Jahrgangsbeste – schon damals ein fescher Kerl mit Cristiano-Ronaldo-Muskulatur, der gerne rannte und auf gesundes Essen achtete. Josef Köppel ist hingegen ein lebender Beweis dafür, dass Dicksein kein unabwendbares Schicksal ist: „Es ist unheimlich wichtig, die Leute zu motivieren. Das funktioniert besonders, wenn sie meine Lebensgeschichte kennen.“
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Zu Köppel & Eggs kommen keine Models, die ihre Körper bis zur Perfektion shapen wollen, sondern Menschen wie du und ich. Zum Beispiel Sybille, 44, zwei Kinder, voll berufstätig: Zwölf Monate hat sie sich von den „beiden Jungs“, wie sie sagt, betreuen lassen und währenddessen 21 Kilo abgenommen. „Es war die beste Investition, die ich in meinem Leben gemacht habe, und zwar nicht nur für mein Aussehen, sondern auch für meine Gesundheit.“ Oder Thomas, 51: Früher stand der Chef eines Handwerksbetriebs am liebsten mit einem Bier in der Hand an seinem Gartengrill, heute erzählt er: „Mein neues Leibgericht ist eine Bowl mit Quinoa, Roter Bete, Linsen und Spinat.“
Kalorienarm essen, ohne auf Genuss zu verzichten
Josef Köppel setzt bei seinen individuellen Coachings, die per Videocall und Whatsapp stattfinden, weder auf Drill noch auf eine Diät. Nachhaltig wirke nur das, was jemand freiwillig mache und sich ohne großen Aufwand in den Alltag integrieren lasse.
Beim ersten Gespräch erfragt Köppel die Lebensgewohnheiten seiner Kunden. Dann erklärt er ihnen wichtige physiologische Zusammenhänge. Etwa, dass in unsere Muskeln und unsere Leber zusammen ein ganzes Pfund Zucker passt. Wenn man körperlich aktiv ist, leert der Körper zunächst diesen prallen Energiespeicher. Wenn man hingegen viel isst, aber sich kaum bewegt, wird der Zucker in Fett umgewandelt – man mästet sich quasi selbst.
Im zweiten Schritt versucht Köppel, „die Neugier und Begeisterung für gesunde Lebensmittel zu wecken“. Meistens, sagt er, gelinge ihm das: „Die Leute erkennen irgendwann, dass kalorienarm essen nicht bedeutet, dass man auf Genuss verzichten muss.“
Fettpolster durch Corona
Über mangelnde Nachfrage kann sich Köppel nicht beklagen – was auch mit Corona zu tun hat. Laut einer Studie der TU München haben zwei von fünf Deutschen während der Pandemie zugenommen, und zwar im Schnitt um fünfeinhalb Kilo. Das Homeoffice, wo der Schreibtisch nur wenige Schritte vom Kühlschrank entfernt steht, und die zeitweise stark eingeschränkten Bewegungsangebote haben bei vielen Berufstätigen zur Folge, dass sich Fettpölsterchen in Fettpolster verwandeln. Da bringt es auch nichts, ständig den Bauch einzuziehen.
Josef Köppel hat solche Probleme nicht mehr. Vor einigen Wochen sitzt er im Gasthof seines Heimatdorfs, als ihn ein alter Bekannter anspricht: „Josef, du warst doch mal arg moppelig. Wie hast du’s bloß geschafft, all die Pfunde loszuwerden?“ Die Wirtin kommt an den Tisch. Köppel bestellt sich Gemüse mit Vollkornreis. So einfach ist das.
Dieser Text erschien erstmals am 03.05.2022.