Khalaf Almousa will Jordaniens Hauptstadt Amman mit seinen Kindern so rasch wie möglich verlassen – wenn nur der Krieg aufhören würde. Foto: Schiermeyer

Jordanien trägt schwer an den Folgen des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien. Die Leidensfähigkeit der Menschen scheint unendlich. Doch in der jordanischen Bevölkerung wächst die Unzufriedenheit – von außen ist dringend Hilfe nötig. Hat die Welt das kleine Land vergessen?

Amman - Wer Khalaf Almousa besucht, muss in die grauen Häuserschluchten von Amman eintauchen – vorbei an bröckeligen Wänden, Bauschutt, Kabeln und Rohren, hinunter ins Souterrain. Nur die zum Trocknen aufgehängte Wäsche bringt etwas Farbe in die Tristesse. In der Hauptstadt Jordaniens gehört der Stadtteil Haj Nazal zu den unansehnlichsten. In der Betonwüste wohnt, wer woanders keine Bleibe findet: vornehmlich Opfer des Bürgerkriegs in Syrien.

85 Prozent aller Flüchtlinge leben in Jordanien außerhalb der gigantischen Zeltstädte – auch Almousa, seine Frau und die sechs Kinder aus Haj Nazal. „Wenn der Krieg aufhört, werde ich hier nicht eine Nacht mehr verbringen“, sagt der 43-Jährige nach vier Jahren des Wartens. Noch sei es in der Heimat nicht sicher genug für seine Kinder von ein bis elf Jahren. Ihr früheres Dorf nahe Aleppo war heftig umkämpft von Armee und Rebellen, die Luftschläge kamen immer näher. Also blieb nur die Flucht, die kein Ende nehmen will.

Einige Flüchtlinge fühlen sich nicht mehr willkommen

Die Familie fand eine Behausung, die mit nur einem vergitterten Fenster einer urbanen Höhle gleicht und ihre Bewohner im Winter krank macht. Der Putz hat sich gelöst, Schimmel hinterlässt hässliche Flecken. Der große braune Teppich und ein kleiner orangefarbener Gasheizstrahler machen den Raum nicht behaglicher. Khalafs Frau Amonah Aljumaa holt ihre besten Gläser aus dem einzigen Schrank im Raum und füllt Saft für die Gäste ein. Je länger Almousa berichtet, desto mehr Frust bricht sich Bahn. Es sei sein „größter Fehler“ gewesen, in den ghettoartigen Stadtteil zu ziehen, um Bekannten nahe zu sein. „Wir fühlen uns nicht mehr willkommen.“

Die Kinder sähen sich bedroht. Wie zum Beweis kommt sein Sohn Mezar Khalaf heulend in den Raum gestürmt, weil Nachbarskinder ihn bedrängt hatten. Wortlos eilt Almousa mit dem Sechsjährigen raus, um dem Jungen Beistand zu leisten. Auch für ihn selbst ist Amman kein gutes Pflaster mehr. Er schlägt sich als Tagelöhner durch. Derzeit verdient er als Lagerarbeiter zehn Dinar (13 Euro) pro Tag in einem Supermarkt. „Es wird immer schwerer, einen Job zu finden“, klagt er. Die 150 Dinar (200 Euro) Miete für die kahlen Räume sowie Elektrizität und Wasser kann er davon nicht bezahlen, obwohl ein Nachbar zusätzlich 30 Dinar (40 Euro) spendet. Immerhin hat die Familie freien Zugang zu allen staatlichen Gesundheitsleistungen.

80 000 leben im Niemandsland

Ohne Hilfsprogramme wie die „Winterhilfe“ von der Diakonie Katastrophenhilfe wären die meisten Vertriebenen völlig mittellos. Die Almousas gehörten zu den ersten von 220 Familien, die eine elektronische Geldkarte erhalten haben. Die wird monatlich mit 100 Dinar (133 Euro) aufgeladen – Guthaben, das in ausgewählten Shops ausgegeben werden kann. Das Clanoberhaupt Khalaf hat damit Kleidung für seine Liebsten bezahlt. Berücksichtigt werden aber auch jordanische Familien, um den Neideffekt einzudämmen. Betreut werden die Programme von der Partnerorganisation IOCC. Bisher hat die Diakonie Katastrophenhilfe an die 50 Millionen Euro für die Krisenregion bereitgestellt.

Kaum ein Nachbarland leidet so sehr unter dem Krieg wie Jordanien. Mehr als 655 000 Flüchtlinge sind dort registriert, hinzu kommen etwa 139 000 nicht-registrierte Menschen. Zaatari nahe der Grenze gehört zu den größten Lagern weltweit, zur Entlastung entstand mitten in der Wüste Azraq – beide Camps versorgen insgesamt mehr als 130 000 Heimatlose. Ferner verharren 80 000 im Niemandsland, weil Jordanien nach einer Terrorattacke im Dezember die Grenze aus Furcht vor IS-Milizen dicht hält und fast keinen Flüchtling mehr reinlässt.

Das Land kann sich nicht selbst ernähren

Das zumeist aus Wüste bestehende Land hat nichts, um Wohlstand zu schaffen: kaum Rohstoffe, immer weniger Wasser – und der Handel ist kollabiert, weil nur noch die Grenze zu Saudi-Arabien offen gehalten wird. Zudem bleiben seit Jahren die Touristen weg. Ministerpräsident Hani Mulki sieht die Kapazitäten erschöpft – immer neue Hilferufe sendet er an die Weltgemeinschaft aus. Jordanien hat etwa 9,5 Millionen Einwohner. 1,3 Millionen stammen aus Syrien und 300 000 aus dem Irak. Dass dieses schmale Land die Invasion ohne Proteste erträgt, lässt sich nur mit der Vergangenheit erklären: Seit dem Weltkrieg mussten Millionen vertriebener Palästinenser integriert werden; von 2003 bis 2006 kamen dann die kriegsgebeutelten Iraker – diese aber mit ihrem Einkommen, wie sich der IOCC-Helfer Osama Daibes erinnert. Nun die bitterarmen Syrer. „Doch jeder wird aufgenommen, egal, woher er kommt – das ist Teil unserer Kultur.“

Die Tochter von einem Krieg in den anderen geschickt

Auch Rouzah Almustafa fühlt sich gut behandelt: Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern harrt sie bei Mafraq aus, zehn Kilometer von der Grenze entfernt: im halb fertigen Haus eines Jordaniers, der derzeit in Bahrein arbeitet. Neun Monate steckten sie im Lager Zaatari fest, dann wurden die Bandenkonflikte immer unerträglicher. Zudem irrte ihr Sohn Omar oft desorientiert durch das Camp – jetzt lebt die Familie auf einem umzäunten Grundstück, da hat ihn die Mutter stets im Blick. Der stämmige 17-Jährige wirkt neben ihr wie ein unbeholfenes Kleinkind. Er sei durch Luftangriffe traumatisiert, erklärt die resolute Frau. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat ihr eine Betreuung im Heim angeboten, doch will sie Omar keinesfalls in fremde Hände geben.

Ein schwarzer stählerner Ofen mit einem dicken Rohr zur Decke bildet das Zentrum des kahlen Raums. Wärme gibt er nicht ab, es mangelt an Brennmaterial. In der Ecke steht ein alter Röhrenfernseher, gespendet von einem Nachbarn. Mehr Interieur gibt es nicht. Almustafa hat eine Tochter, die wegen Augenproblemen vom Mann verlassen wurde – und eine weitere, die nach Libyen verheiratet wurde. „Ich habe mein Kind von einem Krieg in den anderen geschickt“, sagt sie bitter.

Wenn es sein muss, zu Fuß nach Hause

Die Familie erhält Mietkostenzuschüsse von der Diakonie. Doch auf ewig möchte sie nicht zur Last fallen: „Wenn der Krieg endet, gehe ich notfalls zu Fuß heim und schlage in dem von Raketen zerstörten Haus ein Zelt auf.“ Ihre Mutter und einige Schwestern seien noch geblieben. „Sonst würden wir unser Eigentum verlieren und könnten nicht mehr zusammenkommen.“

Das Königreich wandelt auf einem schmalen Grat: Acht von zehn jungen Menschen wollen es verlassen, weil sie kein Vertrauen mehr in eine korrupte Regierung haben. Die Arbeitslosenquote beträgt 27 Prozent, elf Prozent der Jordanier sind unter die Armutsgrenze gefallen. Das Grummeln wird immer lauter. Die Regierung hat nicht erwartet, dass die Syrer so lange bleiben – jetzt bemüht sie sich notgedrungen um ihre Eingliederung.

Die große Wohnraumnot fördert den Mietwucher

Manch ein Jordanier nutzt die Krise für den großen Reibach. „Der Mietwucher beschäftigt uns am meisten“, sagt der IOCC-Helfer Osama Daibes. Wajihah Hamandoush und ihre Familie leben in einer Wohnung, die gerade im Rahmen eines Renovierungsprojekts der Diakonie Katastrophenhilfe für 1000 Dinar (1330 Euro) renoviert wurde – mit Türen, Putz und Farbe an der Wand sowie einer Abtrennung von Küche und Sanitärbereich. „Selbst die Nachbarn kommen zur Besichtigung“, sagt Hamandoush. Der Haken: Mit dem Vermieter wurde vertraglich vereinbart, dass die Familie lediglich ein Jahr vor dem Rauswurf gesichert ist – und Daibes ahnt bereits, dass sie am ersten Tag nach Vertragsablauf rausgeworfen wird, damit der Besitzer seine Wohnung für das Sieben- bis Achtfache der ursprünglichen Miete weitervermitteln kann. Schon jetzt nimmt er 80 statt vorher 20 Dinar. „Wir hatten keine andere Wahl“, sagt Daibes. Dieser Kompromiss sei der einzige Weg, um an Wohnraum für Flüchtlinge zu kommen. Selbst Ställe und Garagen werden schon als solcher vermietet.

Neben den zwei Kindern betreut die 28-jährige Wajihah Hamandoush noch ihren Mann Tamir Alhussain, der im Krieg drei Monate verschwunden war und in dieser Zeit so schwer geschlagen wurde, dass er fast nichts mehr hört und unter Gleichgewichtsstörungen leidet. Es gibt hier keine Flüchtlingsfamilie, die nicht Dramatisches zu erzählen hätte. Völlig apathisch verfolgt der 36-jährige frühere Fliesenleger neben ihr auf dem Teppich sitzend das Gespräch. Seine Frau sagt: „Das Leben hier wird zu beschwerlich.“ Sie wollen zurück – wenn das Grauen in der Heimat je zu Ende geht.

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