In Stuttgart hat Jonas Kaufmann demonstriert, warum er als Weltstar gefeiert wird. Foto: dpa

Der Startenor Jonas Kaufmann hat in der Stuttgarter Liederhalle sein Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen.

Stuttgart - Die beiden Englischhörner intonieren ihre melancholische Melodie, die der Sänger passgenau mit seinem ersten Ton aufgreift. Wie Jonas Kaufmann sich den emotionalen Gehalt in Halévys Arie „Rachel, quand du Seigneur“ aus der Oper „La Juive“ anverwandelt, ist geradezu sensationell. Zu jedem Zeitpunkt vermittelt der Tenor den Eindruck, seine vokalen Möglichkeiten so perfekt zu beherrschen, dass er sich voll und ganz dem Augenblick hingeben und somit diese fünf Minuten Musik in große Kunst verwandeln kann. Kein Wunder, dass dem Sänger mit dem Latin-Lover-Image der voll besetzte Beethovensaal förmlich zu Füßen liegt. Allerdings dauert es einige Zeit, bis Kaufmann auf diesem Niveau ankommt. Vorsichtshalber kündigt er selbst Unpässlichkeit an, die aber eher nicht der Grund für den eher ambivalenten Eindruck in Meyerbeers „O Paradis“ gewesen sein dürfte. Eher muss Kaufmann nach seiner vokalen Einstellung suchen, die in der ganzen er­sten Programmhälfte – bei aller Begeisterung – einen zentralen Mangel aufweist.

Kaufmann nähert sich Arien wie „Ah! ­lève-toi, soleil!“ aus Gounods Oper „Roméo et Juliette“ nicht mit einer genuin französischen Stilistik und Technik. Vielmehr siedelt seine Stimme in der bei ihm sehr markanten Brustlage, teilweise zieht der Tenor die Töne mit deutlich brustigem Kern nach oben. Diese bei Verdi und Puccini gängige Art führt dazu, dass Kaufmann genau das fehlt, was genuin für die französische Oper ist: die Voix mixte. Erlaubt diese Technik die subtile Tönung der Klänge und das bruchlose An- und Abschwellen der Phrasen, weicht Kaufmann stattdessen immer wieder in das für ihn charakteristische, teils fahle Piano aus. Das raubt Passagen wie dem finalen Aufgang auf das hohe B in der Blumenarie des Don José aus Bizets „Carmen“ einen Teil ihres Effekts.

Perfektes Wort-Ton-Verhältnis

Umso eindrucksvoller gelingen dem heftig umjubelten Tenor die Arie des Faust „Merci, doux crépuscule“ aus Hector Berlioz’ „La damnation de Faust“ und vor allem Jules Massenets „O souverain, ô juge, ô père“. Faszinierend ist, wie sich Kaufmann jeweils in Sekundenschnelle auf die Emotion der Arie einstellt. Dabei entwickelt er jede Phrase aus einem perfekten Wort-Ton-Verhältnis mit einer Vielzahl an fein differenzierten Klangfarben. Und natürlich demonstriert er auch das ein oder andere Mal die volle Pracht seiner Spitzentöne.

Raumfüllend funkeln die hohen Töne, haben Körper und Charakter und überstrahlen mühelos das Orchester. Begleitet wird er dabei von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die ihre Aufgabe bravourös erfüllt und mit ihrem kompakten, dabei transparent durchhörbaren Klang begeistert. In den eingestreuten Wunschkonzert-Nummern, etwa Sätzen aus Bizets „Carmen-Suite“, zeigen die Musiker viele aparte Momente. Jochen Rieder lenkt in bester Kapellmeister-Tradition das Orchester und bietet Kaufmann und der eher blass bleibenden Kate Aldrich den perfekten Boden. Die Mezzosoprani­stin steuert die Carmen-Habanera bei, hat aber naturgemäß wenig Chancen gegen Jonas Kaufmann, der an diesem Abend nachhaltig demonstriert, warum er als Weltstar gefeiert wird.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: