Fiebert mit jungen Talenten mit: Elisa Carrillo Cabrera leitet seit Januar die John-Cranko-Schule. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Elisa Carrillo Cabrera ist seit Januar Direktorin der renommierten Stuttgarter Ballettschule. Auch jenseits der Tanzbühne sind starke Persönlichkeiten ihr Ziel.

Nein, das Buch von Anne Brockmann, einer ehemaligen Erzieherin der John-Cranko-Schule, die in einem Roman den Umgang mit jungen Menschen in Ballettinternaten kritisiert, hat Elisa Carrillo Cabrera noch nicht gelesen, als wir sie Ende Februar zum Gespräch treffen. Die Arbeitstage der neuen Direktorin der Cranko-Schule, die seit 1. Januar die renommierte Ausbildungsstätte in der Nachfolge von Tadeusz Matacz leitet, sind lang und zum Start entsprechend intensiv. Zudem steht Anfang März der erste Auftritt unter der neuen Direktorin an.

 

Dem Bereich des Internats will Elisa Carrillo Cabrera in jedem Fall besondere Aufmerksamkeit widmen. „Wir haben eine neue Internatsleitung und besprechen uns täglich; alle arbeiten mit neuer Energie Hand in Hand, um jedes Kind in seiner individuellen Situation zu begleiten. Dabei ist mir der Rat der Erzieherinnen sehr wichtig, denn sie sind die Profis“, erklärt Elisa Carrillo Cabrera und ergänzt: „Wir haben alle den gleichen Wunsch: Wir wollen wie in einer Familie für die Kinder da sein.“ Probleme anpacken und nicht schwelen lassen, ist die Devise.

Neue Herausforderungen sind wichtig für die Motivation

Im Gespräch mit der gebürtigen Mexikanerin zeigt sich schnell: Elisa Carrillo Cabrera hat bereits nach sieben Wochen einen guten Einblick in die Arbeit der Schule und erste Ideen davon, wo sie neu justieren will. Neben Balletten, die bereits einstudiert sind, gibt es beim anstehenden Auftritt in Schwäbisch Gmünd deshalb auch Neues von Marco Goecke und Uwe Scholz zu sehen. „Wir freuen uns, dass wir das in der kurzen Zeit geschafft haben“, sagt sie und betont, wie wichtig neue Herausforderungen für die Motivation des Nachwuchses seien.

„Die Schule ist toll, das Team ist super professionell. Aber man kann sich immer weiterentwickeln und das muss in einer so berühmten Einrichtung auch sein“, sagt ihre neue Direktorin. Das Rachmaninow-Klavierkonzert von Uwe Scholz, das jetzt in einem Satz, bei der Matinee im Sommer im Opernhaus in Gänze zu sehen sein wird, soll für ein neues Wir-Gefühl sorgen. „Dieses Ballett wird unsere Schule näher zusammenbringen“, ist sich Elisa Carrillo Cabrera sicher. Schon als Solistin in Stuttgart habe sie das gespürt: „Wenn bei Scholz nicht alle zusammenwirken, hat das Ganze keinen Sinn.“ So darf man die Wahl des Stücks auch als Hinweis auf ihre Haltung als Direktorin sehen. „Für meine Entscheidungen ist es wichtig, andere zu hören. Nur mit der Unterstützung des ganzen Teams können wir weiterkommen“, sagt die 44-Jährige

Elisa Carrillo Cabrera als Solistin in Stuttgart (mit Filip Barankiewicz in „Corps“ von Hans van Manen) und in Berlin (mit Mikhail Kaniskin in „Daphnis et Chloé“ von Jean-Christophe Maillot) Foto: dpa/Bernd Weißbrod, /imago/Martin Müller

Wie macht man aus Kindern nicht nur gute Tänzer, sondern auch gute Menschen? „Es ist wichtig, dass sie körperlich und im Kopf gut vorbereitet sind, um die tägliche Arbeit zu absolvieren“, sagt Elisa Carrillo Cabrera. Nur so lässt sich der Stress bewältigen, den Bühnenkünste mit sich bringen. Die Direktorin will Kinder stark machen, indem sie lernen, über ihre Situation zu sprechen. „Bühnenmomente vergehen schnell, aber der Weg dahin ist ein Abenteuer – und die beste Zeit“, weiß die ehemalige Tänzerin. Das bewusste Erleben dieses Prozesses soll Talenten dabei helfen, auch mal Frustrierendes wie eine schlechte Vorstellung wegzustecken. „Nicht nur der Moment auf der Bühne zählt“, betont die Ex-Ballerina. Ehrlich, respektvoll und mit einem positiven Feedback: So wünscht sie sich den Umgang im Ballettsaal. „Kinder sind sensible Wesen“, sagt sie. Momentan müssten die Akademieschüler den Druck von Vortanzterminen aushalten. „Wir fiebern alle mit ihnen“, sagt ihre neue Direktorin. 

Veränderung versteht Elisa Carrillo Cabrera als langsamen Prozess, doch sie sieht bereits, was sie weiterentwickeln möchte – etwa die Arbeit mit modernen Bewegungsformen, mit denen sie Kinder früher vertraut machen will. Manche Kompanien hätten ein modernes Repertoire, das größer sei als das klassische, sagt sie und betont, dass der Akzent aber weiterhin auf der klassischen Ballettausbildung liege. Auch den Pas-de-deux-Unterricht will sie stärken, um Tänzer besser vorbereitet in ihren Beruf zu entlassen. Zudem hält sie mehr Bühnenerfahrung für sinnvoll. „Wir haben eine tolle Verbindung zum Stuttgarter Ballett. Aber es ist etwas anderes, wenn man allein auf der Bühne steht und nicht in einer Gruppe. In einem fremden Studio zu trainieren oder vor neuem Publikum aufzutreten erhöht den Energiepegel.“ Ein erster Schritt soll eine stärkere Nutzung der Probebühne sein.

Enorme Ausdruckskraft zeichnete Elisa Carrillo Cabrera als Interpretin großer Handlungsballette aus. Und sie ist sich sicher: Nur wer gelernt hat, über eigene Emotionen zu sprechen, kann diese auch auf der Bühne ausdrücken. „Kommunikation, Dialog ist mir wichtig“, sagt sie. „Ich will, dass Kinder lernen, über Gefühle zu reden. Sie sollen aussprechen könne, was sie beim Tanzen empfinden – sonst können sie es auch nicht zeigen.“ Selbstsichere Menschen, die ihre Stärken kennen und in einer Kompanie nicht untergehen, sind ihr Ziel. „John Cranko hat Persönlichkeiten zum Strahlen gebracht, das muss auch eine Cranko-Schule leisten“, freut sie sich sichtbar auf die Aufgabe, die vor ihr liegt.

Von der Tänzerin zur Direktorin

Künstlerin
Die in ihrer Heimat und in London ausgebildete Mexikanerin kam 1999 als Elevin nach Stuttgart und stieg hier zur Solistin auf. 2007 wechselte sie ans Berliner Staatsballett, wo sie 2024 ihre Karriere als Erste Solistin beendete. Als Elisa Carrillo Cabrera die neue Aufgabe in Stuttgart angeboten wurde, musste sie nicht lange nachdenken. „Meine Karriere war meine Leidenschaft, aber die Geburt meiner Tochter, die im April zehn Jahre alt wird, hat mein ganzes Leben verändert. Ich liebe Kinder, sie sind die Zukunft und ich genieße es, mit ihnen zu wachsen“, sagt sie und fügt an: „Ich durchlebe bei der Arbeit mit ihnen Gänsehautmomente, als wäre ich selbst auf der Bühne.“

Direktorin
Ihre Erfahrung als künstlerische Co-Direktorin der National Dance Company in Mexiko hat Elisa Carrillo Cabrera den Einstand in der Cranko-Schule erleichtert. Ihre Ausbildung zur Ballettpädagogin hatte sie bereits Anfang der 2000er Jahre absolviert. „Die Aufgabe an der Cranko-Schule ist eine große Ehre, auch weil John Cranko einer meiner Lieblingschoreografen ist“, sagt die neue Direktorin.