Eine Live-Szene aus dem Klang- und Lichtspektakel „Genesis“. Foto: /Jean-Christophe Dupasquier

Eintauchen in einen Raum voller Farben und Klänge. In der Johanneskirche im Stuttgarter Westen können derzeit Besucher die Schöpfungsgeschichte als immersives Licht- und Klangspektakel erleben.

Das ist der erste Satz in der Bibel im Buch Genesis: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ In der aktuellen Klang- und Lichtschau Genesis, die noch bis 2. Dezember mehrfach abends (außer Montags) in der Johanneskirche am Feuersee gezeigt wird, passiert genau das: Zahllose Lichtpunkte schweben durch den Raum. Und wenn sie aus dem Gewölk durchscheinen, könnte man sie auch für Sterne halten. Etwas später werden sie zu Lichtspuren oder Lichtlinien, auf jeden Fall nimmt die Helligkeit zu im Kirchenraum. Auch da gibt es die Entsprechung zum Bibeltext: „Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen.“

 

Ganz genau hält sich die 30-Minuten-Schau im folgenden nicht an das Bibelskript, es geht hier um anderes: „Erlebnis“, „immersives Lichtspektakel“ – das sind die Stichworte, die fallen, wenn die Künstler von Eonarium ihr Projekt bewerben. In den vergangenen Jahren haben sie damit schon mehrere sakrale Räume in Deutschland und außerhalb damit bespielt, jetzt sind sie erstmals in Stuttgart.

Von Gustav Mahler zu Joseph Haydn

Und auch hier in der Stadtmitte passt das gut zusammen: Klang, Raum, Licht, Architektur – all das verschmilzt hier stets aufs Neue, wird neu definiert, wird neu konstruiert und dekonstruiert. Musikalisch wird der Rahmen gesteckt von anfänglich lyrisch-entrückten Tönen aus Gustav Mahlers Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ bis zu Ausschnitten aus Joseph Haydns „Schöpfung“, in denen es chorisch und instrumental ziemlich zur Sache geht, dazwischen gibt es Ambient-Sounds oder auch mal reine Geräuschpassagen. Optisch ist sehr erstaunlich, mit welcher Farbsättigung heute Projektionen möglich sind in so großen Räumen wie in der Johanneskirche. Ist das rot, eher pink oder karmesin? – Die Fachleute mögen darüber diskutieren, doch da kommt schon ein knalliges Gelb, das in dem Raum einen Sonnenwirbel entfacht. Gleichzeitig können mit präzis geführten Lichtlinien neue Architekturen in dem gotischen Raum skizziert werden, die im Verlauf ziemlich erschüttert werden wie durch ein Erdbeben und dann in sich zusammenfallen.

Hier soll man sich überwältigen lassen

Genesis ist kein Abend der Analyse. Hier geht es darum, sich überwältigen zu lassen. Wer will, kann das auch alles gerne mit seinem Smartphone dokumentieren, nur das Blitzlicht sollte ausgeschaltet bleiben. Die Nackenmuskulatur wird etwas strapaziert, denn das meiste findet über den Köpfen der Zuschauer statt. Doch vorne beim Altarraum gibt es auch etliche Sitzkissen, da lässt sich viel einfacher eine meditative Haltung einnehmen. Die 30 Minuten vergehen wie im Flug. Und es spricht ja für diese Art von Veranstaltung, wenn selbst die hartnäckigsten Fotografen am Ende ihre Geräte weggesteckt haben, um sich dem Live-Erlebnis ganz hinzugeben.