Bundestrainer Joachim Löw (links) und Jens Grittner, Pressesprecher der Nationalmannschaft, nehmen an einer Video-Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) teil. Foto: dpa/Thomas Böcker

Ein Bundestrainer, wie man ihn vermutlich noch nie erlebt hat. Eine Sportwelt, die vielleicht innehalten sollte, aber schon an den Terminen arbeitet, wenn die Corona-Pandemie überstanden ist. Nur wann das sein wird, weiß niemand.

Berlin - Joachim Löw hat mit einem beeindruckend-eindringlichen Appell weit über den Fußball hinaus ein Umdenken des Immer-Besser Immer-Schneller angemahnt. Die Sportwelt arbeitet aber schon wieder mit Hochdruck an neuen Kalendern für Rennen, Spiele und Turniere, selbst wenn das Coronavirus eine zuverlässige Planung gar nicht zulässt. Was droht, ist Termin-Chaos - trotz EM-Verschiebung auf den Sommer 2021, trotz Tokio ja oder nein

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Im Fußball, im Tennis, in der Formel 1 oder in allen anderen Sportarten: Die Ungewissheit, wann wieder richtig trainiert oder gar gespielt werden kann, überwiegt. Planungssicherheit Fehlanzeige. Im Kampf gegen Doping müssen die Wächter eines sauberen Sports zudem nun auch noch mehr als sonst auf ehrliche Athletinnen und Athleten vertrauen.

Löw stimmt Pandemie sehr nachdenklich

Die Coronavirus-Pandemie als Kraft- und Gewissensprobe, die den 60 Jahre alten Löw sehr nachdenklich stimmt. „Macht, Gier, Profit, noch bessere Resultate, Rekorde standen im Vordergrund. Umweltkatastrophen, wie in Australien oder sonst wo, die haben uns nur am Rande berührt“, sagte er. Nun habe die Corona-Krise die Welt fest im Griff.

Die vollständige Pressekonferenz sehen Sie im Video:

Es waren eindrückliche, nachdenkliche, aufrüttelnde und starke Worte, die Nationalcoach Löw per Videoschalte nicht nur an Fußball-Fans richtete. Er sprach vom kollektiven „Burn-out“ der Welt. „Ich habe auch so das Gefühl, dass die Welt und vielleicht auch die Erde sich so ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und deren Tun, denn der Mensch denkt immer, dass er alles weiß und alles kann und das Tempo, das wir so die letzten Jahre irgendwie auch vorgegeben haben, das war schon auch nicht mehr zu toppen.“

Nationalelf spendet 2,5 Millionen Euro

Seine Mannschaft spendete 2,5 Millionen Euro für soziale Zwecke. Unterdessen ist auch eine hitzige Debatte um einen Gehaltsverzicht der Fußball-Profis entfacht.

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Die EM-Verschiebung auf den Sommer 2021 ist auch für Löw alternativlos gewesen. Sportlich bietet sie die Termin-Lücken, die die Ligen und Verbände nutzen wollen. Aber reicht die Zeit? Kann nach dem 2. April in Deutschland wieder gespielt werden? „Wir müssen nun lernen, in Szenarien zu denken“, sagt DFB-Präsident Fritz Keller. Szenarien gibt es aber viele. Vor Ostern dürfte aufgrund behördlicher Verordnungen kaum gespielt werden. Bis Ende April sollte der Ball rollen, um die Saison bis zum 30. Juni noch abschließen zu können.

Veranstaltungen ins zweite Halbjahr verschoben

Wobei selbst der traditionelle Stichtag für Verträge von Spielern und mit Sponsoren nicht mehr unverrückbar scheint. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert: „Wir wissen, dass wir den Juni und theoretisch sogar bis in den Juli hinein planen können.“ Geklärt werden muss aber auch der weitere Verlauf im DFB-Pokal mit den ausstehenden Halbfinalspielen Ende April und dem Finale am 23. Mai im Berliner Olympiastadion.

Die Tendenz ist klar: In der Hoffnung, dass der Virus Sars-CoV-2 bis dahin unter Kontrolle ist und seine Ausbreitung gestoppt werden kann, planen nun viele Sportarten mit einem proppenvollen Terminkalender im zweiten Halbjahr. Fragezeichen hinter der praktischen Umsetzung inklusive: Die Formel 1 will angeblich teilweise im Wochentakt Gas geben, bestätigt ist noch nichts. Die Verlegung der French Open in den September bringt die Veranstalter in New York in die Bredouille. Denn eine Woche vorher würden die US Open eigentlich erst beendet sein. „Beispiellose Zeiten“, hieß es schon aus dem „Big Apple“.

Corona-Pandemie sorgt für weniger Dopingkontrollen

Selbst wenn auch die Spiele in Tokio vom 24. Juli bis 9. August gefährdet sind und viele Athletinnen und Athleten nur eingeschränkt trainieren können - nun wird auch noch weniger getestet, ob sie sauber sind. Reisebeschränkungen und Wettkampfabsagen sorgen für weniger Dopingkontrollen. „Ich glaube, dass wir in der augenblicklichen Situation diese Art von Schummeleien wenig erleben werden. Gerade, weil es um massive gesundheitliche Probleme gehen kann“, meint Andrea Gotzmann von der Deutschen Anti-Doping-Agentur.

Am Mittwoch machte der Präsident des Robert Koch-Instituts deutlich, was noch passieren kann. Lothar Wieler warnte vor einem Szenario mit zehn Millionen Coronavirus-Infektionen bis in einigen Monaten in Deutschland. Aktuell hat das RKI knapp 8200 bestätigte Fälle bundesweit gemeldet bekommen - und der Sport steht still.

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