Jörg Widmann Foto: www.marcoborggreve.com/Borggreve

Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann hat das Stuttgarter Kammerorchester dirigiert – mit faszinierendem Ergebnis.

Die Wellen sind spitz, hoch, schnell, sie haben Kontur, Glanz und ungeheure Kraft. Hat man die Ouvertüre, die Felix Mendelssohn 1929 nach einer Schottlandreise schrieb, je zuvor schon so klar, so deutlich und so rasant gehört? Am Pult des Stuttgarter Kammerorchesters steht am Sonntagabend Jörg Widmann, und unweigerlich denkt man, so wie er kann nur ein Komponist dirigieren, so analytisch, so strukturklar, so präzise ausbalanciert, so fokussiert auf das Wesentliche – und dabei so leidenschaftlich. Weil Widmann außerdem nicht nur Komponist ist, sondern auch Klarinettist, nimmt er vor dem Klarinettensolo der „Hebriden-Ouvertüre“ nicht nur das Tempo zurück, sondern lässt die Streicher zudem noch weicher spielen als ohnehin.

 

Das machen diese nicht nur gerne, sondern exzellent. Die Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit treibt die Violinen hochenergetisch an – Widmann hat gute Gründe, ihr nach dem Konzert besonders zu danken. Auch für die Radikalität, die später Mozarts Adagio und Fuge KV 546 ausstrahlen, mitsamt einer Fuge als durchchromatisiertem Extremfall.

Faszinierende Klangwelten zwischen Neuer Musik und Romantik

Man hört das Stück allerdings mit vorgeformten Ohren. Vor Mozart steht ein Stück von Jörg Widmann auf dem Programm, und „Versuch über die Fuge“ (hier in der Fassung für Sopran, Oboe und Orchester) entwickelt aus losen, immer wieder kanonisch zusammengeführten Themenfäden einen faszinierenden Sog. Im Wechsel zwischen Strengem und Freiem, Exerzitium und (teils witzigem) Spiel, zeitgenössischem Experiment und romantisch anmutender Schönheits-Sehnsucht behauptet sich neben dem Oboisten Ivan Danko die Sopranistin Sarah Maria Sun mit starkem Ausdruck und einer oft fast instrumental geführter Stimme.

Das Publikum im nahezu voll besetzten Hegelsaal fremdelt nicht mit dem Neuen, weil sich die Spannung der Aufführung unmittelbar mitteilt. Der lange Beifall nach Mendelssohns „Reformations-Sinfonie“ zum Abschluss kommt lautem Jubel gleich. Zurecht!