Joe Bauer in Stuttgart Das vergessene Genie

Von Joe Bauer 

Pragfriedhof: Karls sterbliche Überreste wurden 1951 aus Los Angeles überführt Foto: jb
Pragfriedhof: Karls sterbliche Überreste wurden 1951 aus Los Angeles überführt Foto: jb

Als neugieriger und humorvoller Spaziergänger erkundet unser Kolumnist Joe Bauer Stuttgart - und die Stadt an sich. Auf der Suche nach Geschichten entdeckt er auch an kleiner Orten der Heimat Spuren der großen Welt.

Stuttgart - Heute berichte ich von einem Mann, dessen Leben die Grenzen meiner Vorstellungskraft sprengt. So unglaublich wie seine Geschichte (und die seiner Familie) ist die Tatsache, dass er heute weitgehend ­ver­gessen ist, vor allem in seiner Heimat. ­Dieser Stuttgarter Kosmopolit und Künstler hat weltweit beachtete Werke geschaffen – unter anderem maßgeblich am Drehbuch für Josef von Sternbergs berühmten Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich mitgewirkt. Geboren am 7. Mai 1878 in der einstigen Kasernenstraße im Stuttgarter Westen, starb das Universalgenie Karl Vollmoeller am 10. Oktober 1948 in Los Angeles.

Die folgenden Zeilen können bestenfalls mithelfen, das Interesse oder die Erinnerung an Karl Vollmoeller zu wecken. Das Thema ist zu groß für nur eine Kolumne.

Die Vollmöllers waren beispielhafte Sozialreformer

Neulich war ich am Grab der Familie Vollmöller auf dem Pragfriedhof: Abteilung 2, Reihe 11, Nummer 33/34. Am ­Friedhofseingang findet sich auf diese ­Ruhestätte kein Hinweis wie etwa auf die Gräber von ­Eduard Mörike, Ferdinand Graf von ­Zeppelin, Karl Gerok. Karls sterbliche Überreste wurden 1951 auf Initiative seiner langjährigen Lebenspartnerin, der ­legen­dären Berliner Schauspielerin, Schrift­stellerin und Antifaschistin Ruth ­Landshoff-Yorck nach Stuttgart überführt.

Etwas verwirrend ist die Schreibweise des Namens: Die Vollmöllers, eine Fabrikantenfamilie, die sich in Vaihingen, dem heutigen Stadtteil, schon früh mit beispielhaften Sozialreformen für die Rechte der Arbeiter einsetzte, schreiben sich mit „ö“. Sohn Karl, der Dichter und Kulturmanager, wählte, mit Rücksicht auf seine Arbeit in den USA, das „oe“ im Nachnamen.

Auf dem ehemaligen Gelände der Trikotagenfabrik Vollmöller beim Vaihinger Bahnhof steht heute das Hotel Pullmann. Die Adresse lautet Vollmoellerstraße, fälschlicherweise mit oe geschrieben. Mein Hinweis auf die Schreibweise der Namen ist notwendig, um Irrtümer zu vermeiden. Die Emilienstraße in Vaihingen wiederum ­erinnert an Karls Mutter, eine christlich und sozial ­engagierte Frau, die mit 42 Jahren starb; nach ihrem frühen Tod 1894 begann der 16-jährige Karl Gedichte zu schreiben.

Das unfassbare Leben eines Künstlers

Heute existiert zwar auf Wikipedia ein ausführlicher ­Eintrag über Karl Gustav Voll­moeller. Die Beschaffung von Literatur zum Thema allerdings erweist sich als schwierig. Mit Glück habe ich eine 800 ­Seiten starke, sehr klein bedruckte Bio­grafie auf­getrieben: „Karl Vollmoeller. Dichter und Kulturmanager“ von Frederik D. Tunnat, erschienen in der Autorenedition ­Vendramin (benannt nach Vollmoellers einstiger Villa in Venedig).

Ich erreichte den Autor Tunnat ­telefonisch in Litauen, wo er zurzeit an einem Buchprojekt arbeitet. Er ist der wohl einzige deutsche Publizist, der sich seit Langem gründlich mit Karl Vollmoeller ­beschäftigt: mit dem unfassbaren Leben eines Künstlers und Kultur-Vernetzers, der schon in den zwanziger Jahren mit seinem ­Pantomime-Theaterstück „Das Mirakel/The Miracle“ weltweit Erfolge feiert. 1924 wird es in der Inszenierung von Max ­Reinhardt mit der Musik von Engelbert Humperdinck am New Yorker Broadway aufgeführt. 300-mal ist es aus­verkauft, bevor es für Jahre auf Tournee durch die Vereinigten Staaten geht.

Der Biograf Frederik D. Tunnat, 1953 in Göttingen geboren, hat von 1963 bis 1974 in Stuttgart gelebt und eine Lehre in Weises Hofbuchhandlung abgeschlossen, bevor er in Berlin und London Kulturmanagement studierte. Seine Familie wohnte in der Nähe der Hasenbergsteige; dort steht bis heute die ehemalige Vollmöller-Villa, ein rotes ­Backsteingebäude, Hausnummer 27. ­Tunnat erinnert sich noch an die Einkäufe mit den Eltern in der einst branchenführenden Triko­nagenfabrik Vollmöller. Im Krieg zerstört und danach wieder aufgebaut, ­wurde sie 1971 verkauft und weitgehend platt­gemacht. Im letzten noch stehenden ­Gebäude aus der Gründerzeit, dem ­ehemaligen Gasthaus Filderhof, ist heute ein ­Seniorenheim.

Schon früh von der Kunst infiziert

Karls Eltern, der Kommerzienrat Robert und Emilie Vollmöller, geborene Behr, ­widmen sich neben ihrer Arbeit leidenschaftlich der Kultur. Ihre Villa ist auch Künstlersalon – und ein Freund des Hauses König Wilhelm II., der auf seinen Spaziergängen regelmäßig bei den Vollmöllers vorbeischaut, um eine von Roberts Havanna-­Zigarren zu genießen. In diesem Klima werden Karl und seine neun Geschwister schon früh von der Kunst infiziert. Eine von Karls Schwestern ist die später erfolgreiche Malerin Mathilde Vollmöller-Purrmann, Frau des Maler Hans Purrmann. Karl wird zunächst von Hauslehrern unterrichtet, besucht das Karlsgymnasium, lernt mehrere Sprachen und lebt von 1897 an regelmäßig in Italien, von wo aus er die Welt bereist.

Anfang des 19. Jahrhunderts startet er auch eine Karriere als Rennfahrer, ­Höhepunkt ist die Teilnahme an der ersten Tourenwagen-Rallye um die Welt. Im ­Februar 1908 in New York gestartet, belegt er mit seinem Team auf einem Auto der ­italienischen Marke Züst den dritten Platz. Zuvor hat er mit seinem Bruder ­Hans ­Robert Flugzeuge konstruiert; eine der ­Maschinen fliegt 1910 nonstop von ­Cannstatt zum Bodensee.

Stuttgart solle seinen genialen Sohn endlich angemessen würdigen

Als Dramatiker und Lyriker ist er befreundet mit vielen großen Kollegen wie André Gide, Rainer Maria Rilke, August Strindberg. Als Filmautor baut er Brücken zwischen den Studios in Babelsberg und Hollywood, trifft sich mit vielen ­Größen wie ­Charlie Chaplin, Josephine Baker, Greta Garbo. Bilder aus Hollywood zeigen, dass er selber zu den Stars des Films gehört. Karl Vollmoeller ist es auch, der Marlene ­Dietrich dem Regisseur von Sternberg für den „Blauen Engel“ empfiehlt und ihr die Rolle der Lola Lola auf den Leib schreibt (das Drehbuch verfasst er zusammen mit Carl Zuckmayer und Robert Liebmann).

1939 emigriert Vollmoeller in die USA – und wird 1941 mit zigtausend anderen ­deutschen Exilanten unter Naziverdacht interniert. Möglicherweise sind ihm ­Verleumdungen oder auch ein Fehltritt zum Verhängnis geworden: 1937 hat er ein Drehbuch für den Film „Hundert Tage“ mit ­Gustaf Gründgens nach einem Theaterstück des italienischen Faschisten Mussolini ­verfasst; er engagierte sich aber auch für die ­Rettung von Juden. Nach 13 Monaten und schweren Erkrankungen kommt er frei und lebt bis zu seinem Tod 1948 vorzugsweise in New York.

Der Biograf Tunnat schreibt im ­„Nachklang“, Karl Vollmoeller sei zeit ­seines ­Lebens seiner Heimat sehr verbunden ­gewesen – und appelliert an die Stadt ­Stuttgart, ihren genialen Sohn endlich ­angemessen zu würdigen. Nie zuvor, heißt es im Vorwort, sei ein großer Dichter im ­eigenen Land „rascher und grausamer ­vergessen worden“ als Karl Vollmoeller.

Da gibt es einiges zu tun.

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