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Die ganze Innenstadt, und nicht nur die, ist eine Baustelle, eine offene Wunde.

Stuttgart - Die ganze Innenstadt, und nicht nur die, ist eine Baustelle, eine offene Wunde. Das überträgt sich auf den Menschen. Spätestens als ich gesehen hatte, wie sie sogar dem Hochhaus am Charlottenplatz, diesem stoischen Sechzigerjahre-Lulatsch, mit Gerüsten zu Leibe rücken, gab meine körpereigene Statik nach. Schnell wurde mir klar, dass Wartungs- und Renovierungsarbeiten am eigenen Mann fällig waren. Es war unumgänglich, die Werkstätten des biologischen Wiederaufbaus aufzusuchen.

Mein Lamento wäre kaum dazu geeignet, eine handelsübliche Scheißerei als privates Handicap zu diagnostizieren. Es lagen andere, zum Glück reparable Risse im Verputz vor. Egal. Auch das Hochhaus am Charlottenplatz, ein architektonisches Unikum, hat schon bessere Zeiten erlebt. Erst gab es dort das Nobel-Restaurant Le Gourmet, später stürmten dort alle, die sich für schick und wichtig hielten, eine Disco namens Treibhaus, bevor der Angeberladen in sich zusammenfiel wie ein nasser Sack.

Einheimische nennen die Gegend Klein-Istanbul

Die Phase meiner Renovierung nutzte ich, weiträumig herumzu­gehen, angetrieben von einem großartigen Dialog, den ich in der Straßenbahn aufgeschnappt hatte. Eine Frau erkannte einen Mann, der gerade zu­gestiegen war, sie fragte: „Und? Geht es Ihnen gut?“. Der Mann antwortete: „Wenn‘s nicht schlimmer kommt, dann geht’s.“

Nie zuvor hatte ich einen präziseren Satz über die philosophische Betrachtung des Kommens und Gehens gehört. Fast hätte ich aus alter Gewohnheit dahinter Zynismus vermutet, wäre mir nicht eingefallen, dass der Humor des Zynikers ausgedient hat, seit die Zynismen des realen Baustellenlebens zwischen Wahn und Untergang jeden Komiker in den Schatten stellen.

Ich ging viel herum während meiner Instandsetzungsarbeiten. Im Hospitalviertel stand ich vor der Synagoge der jüdischen Bürger und in der Feuerbacher Mauserstraße vor der Moschee der Muslime. Wieder einmal wunderte ich mich, wie schnell man von einer Welt in die andere gelangt. Oft braucht man mit der Straßenbahn nur Minuten von einem Erdteil zum anderen. Die Mauserstraße mit ihren türkischen Märkten und Lokalen liegt im Industriegebiet, in der Nähe von Bosch und Behr, wenige Minuten von den Straßenbahn-Haltestellen Bahnhof und Borsigstraße entfernt. Einheimische nennen die Gegend Klein-Istanbul.

Das Herumziehen dient nicht nur der Wiederbelebungsmethode, sich über den Umgang mit der Stadt zu ärgern, man stößt auch auf Neuigkeiten. Im Hospitalviertel treffe ich Marc Hug von der Filmgalerie 451, dem bestem Video- und DVD-Verleih der Stadt (Gymnasium-/Leuschnerstraße). Demnächst feiert der Laden sein 25-jähriges Bestehen, doch Herr Hug sucht neue Räume, die Mietkosten drücken. Die letzte Szene in diesem Fall ist noch nicht gedreht.

Man muss sich schämen für diesen ewiggestrigen Ungeist der Provinz

Weiter durch die Stadt, zum Schlossplatz. Der City-Manager, ansonsten für den Rolltreppen-Rummel langer Kaufhausnächte mit unterirdischen Slogans zuständig („S-City leuchtet“), hat eine Debatte um die Skateboard-Rampe von Michel Majerus angestachelt. Er vergleicht sie mit der Eislaufbahn am Schlossplatz und fordert „Gleichbehandlung“ von Kunst und Kirmeskram. Das Kunstmuseum präsentiert zurzeit das Bilder-Vermächtnis des Luxemburger Künstlers und ergänzt es durch dessen 42 Meter lange Skulptur, die seit Wochen in einem Zeltbau aufgestellt wird.

Michel Majerus studierte in den acht­ziger Jahren an der Stuttgarter Kunst­akademie auf dem Weißenhof, 2002 kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Darüber zu streiten, ob seine Arbeit, einen Steinwurf von zerstörtem Park und geschändetem Bonatz-Bau entfernt, „die Stadt aufwertet“ oder den Tourismus stört, ist eine Schande. Man muss sich schämen für diesen ewiggestrigen Ungeist der Provinz.

Auf dem Bahnhofsvorplatz, vor dem ­Gebäude, das bis 2010 nach Hitlers Weg­bereiter Hindenburg benannt war und heute namenlos ­herumsteht, flattern fünf Werbefahnen mit der Botschaft: „Einkaufen am schönsten Platz Stuttgarts“. Man erkennt auf den Fahnen einen kleinen Hinweis auf den ­Königsbau, muss als Fremder aber glauben, mit dem schönsten Platz der Stadt sei die Autobahn zwischen Hauptbahnhof-Ruine und ehemaligem Hindenburgbau gemeint. Das ist das Niveau von City­Management zur Stadtaufwertung .

Da verstehe ich den Punk auf den Treppen vor dem eingezäunten, abgeholzten Schlossgarten. Auf sein glatt rasiertes Haupt hat er sich einen Künstlernamen tätowiert. Er heißt jetzt „Don Promillo“, und ich möchte ihm zurufen: „Wenn’s noch schlimmer kommt, dann geht’s ab.“ (Ich melde mich wieder Ende März.)

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