Ray Martin als Elvis, Kimberley Trees als Ann-Margret Foto: Piechowski

Der Sommer ist eröffnet. Schlossplatz und Königstraße überfüllt. Dorfkirmes, Kirmesdorf allenthalben.

Stuttgart - Die Sommerstadt ist eröffnet. Schlossplatz und Königstraße überfüllt. Dorfkirmes, Kirmesdorf allenthalben. Lasse mich treiben, vorbei an den Kinos in der Bolzstraße, den klimatisierten Erholungsoasen der Sommerstadt. Durch die Unterführung, auf die andere Straßenseite. Zum Varieté.

Der Friedrichsbau: 1994 eröffnet, irgendwie am Leben, eine Station historischer Unterhaltungskunst. Vor dem Eingang Ray Martins schwarzer Lincoln-Oldtimer, eine Stretch-Limousine. Ray Martin, 47, ist unser Elvis, die King-Kopie aus Stuttgart-Hofen; noch bis zum 9. Juni ist er Chef im Ring der Show „Welcome to Las Vegas“.

Der Name des Varietés erinnert an den zerbombten Friedrichsbau; von 1933 an spielten die schwäbischen Komödianten Willy Reichert und Oscar Heiler auf dieser Bühne. Heute stehen die Humoristen, einst als Häberle & Pfleiderer berühmt, in steinerner Würde vor dem Varieté. „Oscar mit c“, wie sich Herr Heiler gern nannte, hat die Eröffnung des Etablissements noch erlebt; ein Jahr später ist er mit 88 gestorben.

Lustigerweise hat die Artistenbühne Unterschlupf in einer Bank gefunden. Als die Banker nicht wussten, wie sie ihre blanko für „Kultur“ gebaute Rotunde bespielen sollten, kam der Berliner Groß-Impresario Peter Schwenkow und schnappte sich den Laden. Stuttgart hat eine große Tingeltangel- und Zirkusvergangenheit mit berühmten Varietékünstlern wie dem Clown Grock, der Sängerin Claire Waldoff, dem Dichter Joachim Ringelnatz. Es ist gut, wenn es noch ein Haus gibt, das die Manegen-Geschichten erzählen kann. Längst dominieren weltweit die Themenshows des Megakonzerns Cirque du Soleil das Varieté-Geschäft.

Es kann nur die diabolische Ironie des Bühnengotts dahinterstecken, wenn „Welcome­ to Las Vegas“ in einem Bank­gebäude steigt, zu einer Zeit, wo das Kasino eine Metapher für das globale Finanzgebaren ist, wo die Zocker-Gier die Wirtschaft beherrscht. Auch die Luxus-Limousine rollt als Symbol für die Macht des Geldes durch die Welt der Kunst; gerade hat der Regisseur David Cronenberg in Cannes seine Verfilmung von Don DeLillos Roman „Cosmopolis“ vorgestellt. Das 2003 erschienene Buch, zufällig habe ich es kürzlich gelesen, erzählt fast hellseherisch, wie der junge Währungsspekulant Eric Packer auf einer New Yorker Höllenfahrt in seiner Luxuskarosse die Explosion des Geldes und die Revolte gegen die Banken erlebt.

Auch die Geschichte des Showgeschäfts kennt lustige Parallelen. Immer wieder haben Menschen einen Haufen Immobilienkohle aus der Wüste gebuddelt, mal in Las Vegas/Nevada, mal in Möhringen/Stuttgart. In Vegas war es der Mafioso „Bugsy“ Siegel, der ein Hotel mit Kasino und Showbühne in die Pampa stellte, in Möhringen tat es ihm der Geschäftsmann Rolf Deyhle nach.

So schnell kann einem das kleine Varieté den Blick auf die große Welt öffnen, auch wenn uns Ray Martin und seine erstklassigen Kollegen in „Welcome to Las Vegas“ auf einen anderen Trip mitnehmen. Rays Lincoln lockt uns vor der Tür als mythisches Vehikel aus der Vergangenheit, und es scheint, als spräche der Schlitten zu uns: Herrreinspaziert, der Laden rockt und rollt, und die Becken kreisen wieder.

Die Nummernrevue im Friedrichsbau ist eine zeitlose Old-Fashioned-Show. Erstaunlich, wie viele frische, junge, moderne Acts die Hommage an den King und seine Partnerin Ann-Margret befeuern. Ein schönes Lehrstück, wie man mit präzisem ­Timing, einer guten Band und charmanten Ideen die Bilder von gestern ins Heute zaubert. Das macht Spaß. Hat Sex.

Keine Nummer der Artisten aus Berlin, Paris, Sydney, New York erstarrt im Blendax-Grinsen nostalgischer Butterfahrten-Schmiere. Egal ob Jongleure, Tänzerinnen, Lassowerfer, Körperkünstler: Immer erlebt das Publikum eine Überraschung, etwas Unerwartetes. So geht Varieté.

Und unser Held aus Hofen macht seine Sache tadellos. Verausgabt sich an der Rampe, nimmt sich elegant-respektvoll zurück, wenn sein Part den Auftritten der Kollegen dient. Seit Jahren ist es Ray Martins Job, den einzigartigen Gesangs- und Bewegungskünstler Elvis Presley zu imitieren. Dieses Ding zu machen, mit Leder, Glitter, Girls. Im Friedrichsbau steht ein feiner, demütiger Kerl mit spürbarem Teamgeist und kluger Disziplin auf der Bühne, ein Ray Martin, wie ihn seine Freunde auch im richtigen Leben kennen. Manche Sachen funktionieren in Las Vegas und New York nicht anders als in Hofen. Aber Vorsicht: nur im Varieté.

Joe Bauers Flaneursalon lädt am Sonntag, 24. Juni, zum überdachten Open Air am Neckar im Stuttgarter Hafen. Mit Putte & Edgar, Roland Baisch & The Countryboys, Dacia Bridges, Beatboxer Pheel. Karten: 07 11 / 22 11 05. www.musiccircus.de
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