Der Charlottenplatz, romantisiert. Foto: Kraufmann

Wer von früher spricht, der verklärt und romantisiert doch nur - es lebe die Tsssukunft.

Stuttgart - Es sind die Tage zwischen altem und neuem Winter, die uns auf Trab halten. Die Sache, das hat mir mein Nussknacker erzählt, ist noch nicht gelaufen. Es wird noch einmal reichlich Eis und Schnee geben, und das bringt mich darauf, über die neue Stuttgarter Kälte nachzudenken.

Der Konflikt um Stuttgart 21 hat alles verändert in der Stadt. Die Atmosphäre, den Ton - oder soll ich sagen: "the sound oft the city", seit auf Milka-Nussschokolade "Whole Hazelnuts" steht? Noch weiß ich, warum ich zu Ritter-Sport, heute Waldenbuch, früher Cannstatt, stehe.

Das Wort "früher" löst beängstigende Reaktionen aus. Sobald ich mich, wie zuletzt beim Marquardtbau, um Stadtgeschichte kümmere, kommen Pro-21-Leute ums Eck: Wer sich mit Historie beschäftigt, "verklärt", "romantisiert", trägt die "rosarote Brille". Vergangenheit ist vergangen. Man muss sie so wenig kennen wie die Heslacher Wasserfälle.

Es lebe der Fortschritt. Tsssukunft!

Heute bin ich so weit, dass ich aus Sicherheitsgründen erkläre, was ich mache. Ich fülle eine Kolumne. Zeitungskolumnen hat man erfunden, um Freiräume für Meinungsbeiträge zu schaffen. Tsssukunft- und Schreib-Spezialisten monieren meine fehlende "sachliche Berichterstattung". Es ist ein Vergehen, wenn in einer Meinungsspalte Meinung steht, vor allem die falsche.

Auch bei diesen Zeilen handelt es sich um Füllmaterial für eine Kolumne. Dieses Material besteht aus subjektiven Dingen wie Beobachtung, Gefühl, Meinung. Manchmal verdichten sich diese Dinge. Bei gutem Wetter glückt eine Pointe oder gute Polemik. Polemik ist eine Spielart der Glosse.

Wie bitte, was soll das sein? Satire? Ich verstehe Spaß, sagen die Tsssukünftigen, aber da hört der Spaß auf. Der Spaß nämlich hatte immer aufzuhören, auch schon, als es noch gar keine Tsssukunft gab.

Die Stuttgarter Hassel-Nuss ist kaum noch zu knacken. An selektiver Wahrnehmung, auch Scheuklappensicht genannt, ist nicht nur die Tsssukunft-Fraktion erkrankt. Es gibt die irrwitzigsten Vorfälle.

Vor Weihnachten habe ich im Theaterhaus Anekdoten aus der zehnjährigen Geschichte unserer Benefiz-Show "Die Nacht der Lieder" vorgelesen. Dazwischen sind mir zwei halbwegs lustige Bemerkungen zu Stuttgart 21 rausgerutscht. Kurz darauf hat ein Veranstalter angefragt, ob ich besagten Text nicht bei seinem Protestabend gegen Stuttgart 21 vortragen könne. Offenbar hatte er von 150 Zeilen nur die zwei gegen S 21 wahrgenommen.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein: Von den Amerikanern haben wir nicht nur Whole Hazelnuts, Starbucks und meinen Stetson übernommen. Wenn es so weitergeht, haben wir angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen den amerikanischen Tea-Party-Sound in der Stadt und damit die totale Konfrontation.

Dr. Pro beispielsweise, mein juristisch geschulter Für-S-21-Berater, moniert inzwischen nicht mehr nur meine Geschichtsauffassung. Jetzt beschwert er sich schon, weil ihn beim Joggen im Schlossgarten der Rauch von den Protestfeuern in der Nase kitzelt. Das habe ich noch mit der Zeile "Wutbürger rußten / Anwälte husten" abgetan. Aber das Propaganda-Getue wird täglich schärfer. Demnächst wird Dr. Pro mit Gasmaske durch den Schlossgarten joggen und nicht mehr sehen, dass ich, Gott zum Gruße, meinen Stetson ziehe.

Wir leben in einer seltsamen Stadt. Neulich habe ich mich im östlichen Teil herumgetrieben. Am Stöckachplatz kam ich an dem Laden vorbei, an dem bis zum heutigen Tag "Radiohaus Ost" an der Wand steht, gegenüber verrottet die Ruine des Tanzlokals Gutshof, und wenn man die Neckarstraße stadtauswärts fährt, kann man das Ristorante da Toni sehen. Das Lokal hieß einst Neckarklause, und bis heute ziehe ich meinen Hut, wenn ich mit der Bahn an der Kneipe vorbei und in die Tsssukunft hineinfahre. In der Neckarklause hat der irische Dichter und Nobelpreisträger Samuel Beckett nach seiner Arbeit für den SDR gesessen. Das war früher, in den Achtzigern, als es noch keine Tsssukunft, aber schon ein paar fortschrittsbewusste, aufgeklärte Stuttgarter gab.

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