Abzocksäule Foto: Kern

Mich wundert, warum die Leute die neuen Wegelagerer-Säulen im Westen so klaglos hinnehmen.

Mich wundert, warum die Leute die neuen Wegelagerer-Säulen im Westen so klaglos hinnehmen. Schon die Bezeichnung "Parkraum-Management", dieser dumme, modisch aufgebrezelte Begriff, müsste stutzig machen. Das Wortmonstrum verschleiert nur die staatliche Abzocke. Wie Grenzpfosten stehen die Geldeintreiber-Böcke herum und verschandeln den schönen Westen. Die geschlossene Bauweise dieses großen Stadtteils hat man einst nicht zum Abstellen von Autos erfunden, das ist wahr. Aber erst recht nicht zum Aufstellen hässlicher Abgreif-Roboter.

Ich war ein paar Tage weg, jetzt bin ich zurück und weiß immer noch nicht, wo ich in Zukunft das Auto hinstellen soll, das mir nicht gehört, aber in der Absicht vorgefahren wurde, mich zu einer umweltfreundlichen Bahnreise zu bewegen. Beim nächsten Mal werde ich die Karre anzünden, damit alle das Fanal sehen: Vom 1. März an gibt es selbst bei der Bereitschaft zur Zahlung staatlicher Erpressungsgelder keine Chance, ein fremdes Auto über mehrere Tage hinweg legal im Westen abzustellen. Oder soll ich, als wäre ich Politikeradel mit Doktortitel, einen Livrierten anstellen, damit er in meiner Abwesenheit nachzahlt, wenn die Parkzeit abgelaufen ist?

Mögen diese Zeilen egoistisch klingen. Wahr ist: Andere Leute haben noch viel größere Probleme mit dem Parkraub-Management als ich, ein Spaziergänger.

Dann war ich in Berlin und dachte: Was ist wohl schwieriger - im Stuttgarter Westen für ein paar Tage sein Auto loszuwerden oder in Berlin pro Tag fünfzig Tonnen Hundekacke wegzuschaufeln?

Scheiße, wohin man sieht.

In der Kreuzberger Manteuffelstraße, unweit des Kottbusser Ufers, gibt es die Kneipe Intertank. Dort werden alle Spiele von Borussia Dortmund übertragen (unlängst war ich auch mal im Rössle in Neukölln, wo die VfB-Spiele zu sehen sind, aber das war langweilig und die Abstiegsgefahr noch nicht so groß wie heute).

Im Intertank setzte ich mich, unter dem Blechschild mit St. Paulis Totenkopf, an den Tresen. Ich hatte, das schwöre ich, noch kein Wort gesagt, weder Grüß Gott, Leck mich am Arsch noch sonst eine schwäbische Ehrerbietung, da ging es schon los. "Die Schwaben kaufen unsere Wohnungen weg", sagte der Kerl gegenüber, während er an seinem Joint zog, "die Schwaben machen ganz Kreuzberg kaputt."

Du Idiot, sagte ich, ich bin ein Parkraub-Management-Rebell aus Stuttgart, ich unterwandere nur meine eigene Stadt, weil ich mit eurer Hundekacke sowieso nicht fertig würde. Ich komme aus dem freien Westen, wir kämpfen gegen Parkplatz- und Eisenbahn-Imperialisten, wir haben den Aufstand bis in unsere Partnerstadt Kairo getragen. Wir sind die Graswurzelhauptstadt der Weltrevolution.

Der Typ auf der anderen Tresenseite verstand rein gar nichts, womöglich auch deshalb nicht, weil ich meinen Text nicht laut vorgetragen, sondern stumm in mich hineingedacht hatte. "Die Schwaben unterwandern uns total", sagte der Kiffer, "voll krass, schlimmer als die Türken."

Normalerweise sind Fußballkneipen-Kollegen überall gute Freunde (einmal kam ich in eine Dortmunder Kneipe, wo gerade eine Horde VfB-Fans saß. Einer erkannte mich als Kickers-Mann und brüllte: "Blaue raus!" Sein Nebenmann sagte: "Beruhige dich, das ist auch nur eine arme Sau."). 

In Berlin ist der Schwabenhass ungebrochen. Völlig wurscht, ob Iren, Spanier oder der fliegende Gutmensch-Milliardär Berggruen tonnenweise Euro in Berliner Immobilien pumpen. Am Ende waren es immer die Schwaben. Sie sind die Sündenböcke von der Spree. Schwaben, so glaubt man, sprächen jedes S (wie Seife) als Sch (wie Hundewürschtl) aus. In der Zeitung finde ich Schwaben so zitiert: "Wasch macht denn der Punk da?"

In aller Freundschaft, Berliner Dorfkiffer, ich habe nie zu einem Bullen gesagt: "Wasch macht denn die Parkraum-Management-Abzapfschäule da?" Bei uns sagt man nicht "wasch". Ich sage: Am Asch die Räuber. Und jetzt ist Sluss mit luschtig.

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