Einmal essen, nie vergessen! Foto: dpa

Nach der Volksabstimmung gibt es noch mehr Demokratie-Experten als schon zuvor.

Nach der Volksabstimmung, das erfahre ich aus vielen freundlichen Leserzuschriften, gibt es in der Stadt noch mehr Demokratie-Experten als schon zuvor.

Inzwischen spaziere ich nur noch mit Kapuzenjacke und schlechtem Gewissen durch Stadtviertel, in denen die Menschen mehrheitlich gegen die Mehrheit stimmten, wie die Barbaren in den Bezirken Süd und Ost, West und Mitte. In der Eberhardstraße kam ich an einem heimeligen Imbiss mit einladenden Außendüften vorbei. Erst bei näherem Hinsehen erschreckte mich die furchtbare Drohung des Gastwirts. An seinem Schaufenster steht: "Einmal essen, nie vergessen."

Ich ging schnell weiter und stoppte erst wieder vor einem anderen kleinen Lokal. Es heißt Häberle & Pfleiderer, und das machte mich neugierig. Hinter Häberle und Pfleiderer verbergen sich die schwäbischen Komödianten Willy Reichert und Oscar Heiler. Zwar haben sie uns beide, wenn auch in gebührendem Abstand, etwas zu früh verlassen. Aber trotz ihrer vielen anderen Zicken darf man sie heute zu den demokratischen Geistern von Stuttgart rechnen. Die Humoristen Willy Reichert und Oscar Heiler feierten nicht nur große Bühnen- und Fernseherfolge. Mit ihrer legendären schwäbischen Version des Einakters "Die Friedenskonferenz" verhalfen sie Weltpolitikern wie Dulles und Mollenkopf zur Unsterblichkeit.

Dass Herr Mollenkopf bis heute auch eine gewisse Bekanntheit genießt, weil internationale Terroristen ihre Wurfbrandgeschosse in leicht abgewandelter Form in seinem Namen führen, ist ein weiteres, interessantes Kapitel in der Geschichte der Demokratie. Leider aber kann ich auf den Mollenkopf-Cocktail an dieser Stelle so wenig eingehen wie auf die KomikerKarriere von Häberle und Pfleiderer, da mein Spaziergang durch Stuttgart-Mitte noch nicht beendet ist.

Die Gaststätte Häberle & Pfleiderer im schönen Schwabenzentrum serviert schwäbische Gerichte, auf einem Plakat im Schaufenster kann man die kulinarische Philosophie des Hauses lesen: "Der Karle secht ,Kitchen'. Mir saget immer no Küche wie onser Oma Auguste." Sprachwissenschaftlich wäre jetzt zu klären gewesen, ob Oma Auguste tatsächlich "Küche" sagte oder nicht eher "Kuche" - hätte ich am Kneipenfenster nicht auch den Hinweis auf ein konzertantes Ereignis im Hause Häberle & Pfleiderer entdeckt:

"Jam-Session mit Doc Roth & Friends".

Oma Auguste war wohl in Wahrheit eine jammende Hexe in Hell's Kitchen.

Wovon ich Ihnen hier erzähle, hat nichts mit einem richtigen, einem ziellosen Stadtspaziergang zu tun. Vielmehr war ich, mitten im Strom der renitenten Falschwähler im Bezirk Mitte, auf dem Weg vom Gerberviertel zum Charlottenplatz, um eine Stadtbahn in das ebenfalls aufmüpfige Quartier Süd zu nehmen.

Bis nach Süden kam ich jedoch nicht, und was ich Ihnen jetzt berichte, ist ein normales Kapitel aus dem Alltag des Spaziergängers. Bevor ich meinen Bahnsteig der Linie 1 erreichen konnte, sprach mich im Untergrund ein fremder Mann an. Vielleicht war er aus Afrika, Sri Lanka oder Stammheim, jedenfalls fragte er mich in gutem jugendlichem Deutsch: "Geht Zug nach Tokio oder New York?"

Obwohl als Spaziergänger gewohnt, seltsamen Figuren wie Demokraten auf Bahnhofsmission oder Oma Auguste bei der Jam-Session zu begegnen, schaute ich ziemlich dumm aus der Wäsche. Ich begriff nicht, was der Mann meinte. Auf einem Wagen der Linie 6, die vor unserer Nase hielt, war zwar groß und bunt die Werbung von Air Berlin abgebildet.

Ob die Bahn deshalb aber Tokio oder New York anflog oder doch eher wie gewohnt Richtung Fasanenhof rollte, konnte ich so schnell nicht klären. Ich versuchte, die Sache diplomatisch zu regeln. "Sir, für Tokio und New York sind wir in Stuttgart leider noch nicht zuständig", sagte ich. "Wenn Sie aber kurz mal fünfzehn, zwanzig Jahre hier stehen bleiben könnten, bringen wir Sie allez hopp nach Bratislava, Paris und Ulm."

Diese Antwort schien meinem Mann nicht zu gefallen. Er brüllte mich an: "Warum du nicht gleich sagen New York?" Bevor ich etwas erwidern konnte, rannte er zur Linie 6 und erwischte sie, bevor sich die Türen schlossen. "Scheiße, Mann", rief ich hinterher. "Steigen Sie sofort wieder aus. Diese Bahn fährt nach Tokio."

Da war es schon zu spät. Mein Mann drohte mir zum Abschied durchs Stadtbahnfenster mit der Faust. Ich weiß nicht genau, was er genommen hatte, aber ich hatte eine dunkle Ahnung:

Einmal essen, nie vergessen.

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