Joseph Kosuth, 1991 Foto: Kraufmann

Neulich bin ich vom Weg abgekommen, und das passierte mir nicht zum ersten Mal im Leben.

Neulich bin ich vom Weg abgekommen, und das passierte mir nicht zum ersten Mal im Leben. Der Haufen, in den ich getreten war, fühlte sich feucht und schmierig an, wie frisch vom Hund. Aber ich hatte Glück. Es war nur Laub im Schlossgarten.

Ich möchte in diesen Tagen nicht in der Zeltburg der Stuttgart-21-Gegner im Park übernachten. Andererseits ist bald Weihnachten, und zu dieser Jahreszeit wurden auf der Welt schon ganz andere Kontakt- und Herbergsprobleme gelöst.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen Herrn Dr. Pro vorstellen, einen ehrbaren Mann aus dem Juristenfach. Er heißt nicht mit richtigem Namen Dr. Pro, ich habe ihn so getauft. Der Name Dr. No war bereits vergeben, zum einen an einen berühmten Film-Verbrecher, zum anderen an einen realen deutschen Bankenchef.

Dr. Pro und ich pflegen seit Monaten so etwas wie eine sportliche E-Mail-Korrespondenz. Er ist für Stuttgart 21, ich nicht. Unsere Computer-Dialoge arten nie aus, Herr Dr. Pro - ich kenne ihn nicht persönlich - fragt höchstens mal nach meinem Zustand, etwa warum ich so "giftig" sei.

Einmal hat mir Dr. Pro geschrieben:

"Allein ich frage mich, ob Sie es mit Rücksicht auf Ihre Fans im unduldsamen wohlstandsverwöhnten Lager wagen, mal eine deftige Kolumne auf den esoterischen Baum-Hokuspokus im Schlossgarten zu schreiben: Teddies an Bäumen (so entsorgen Halbhöhen-Mamas ihren Schwiegermutterschrott), Grableuchten allenthalben, Sprüche, reif für SWR 4 (,Mein Freund der Baum ist tot') und Schlimmeres. Ich wette, Sie wagen es nicht, und das macht mich eigentlich ein wenig traurig. Mehr als das bevorstehende Einknicken der Politik vor dem wohlsituierten Mob."

Ich habe geantwortet, anders als ein wohlsituierter Jurist habe ein Mitglied des Zeitungsschreiber-Mobs keine Fans, und esoterische Dinge gebe es überall, wo Menschen seien: im Gerichtssaal, im Fußballstadion, auf Schloss Neuschwanstein. Herr Dr. Pro reagierte auch darauf nicht mit Groll; ohnehin drohte er mir nie wie andere Leute, die Zeitung abzubestellen. Zuletzt adelte er mich sogar mit der Bemerkung, unser Gedankenaustausch mache Spaß.

Mehr kann man nicht wollen in einer zerrissenen Gemeinde namens Stuttgart, von der es heißt, sie sei inzwischen die weltweit berühmteste geteilte Stadt nach Jerusalem und Böblingen-Sindelfingen.

Kürzlich las ich in "Spex", dem Magazin für Popkultur, ein Interview mit dem amerikanischen Künstler Joseph Kosuth über Architektur. Mr. Kosuth, 65, ein Pionier der Concept Art, hat von 1991 bis 1997 an der Stuttgarter Kunstakademie gelehrt; heute lebt er in New York und Rom. Zum Glück habe ich ihn das eine oder andere Mal noch erlebt, beispielsweise wenn er in der Weinstube Fröhlich im Kreis seiner Studenten einen "Schnäps" nahm. Joseph Kosuth sagt über S 21 und den zerstörten Stuttgarter Hauptbahnhof:

"Selbst wenn etwas nicht vollständig abgerissen wird, so lässt man in der Regel nur die Fassade stehen und baut dahinter praktische Gebäude. Das ist ein rückschrittliches Architekturverständnis. Architektur hat die Psychologie eines Ortes zu konservieren, dadurch ist es uns Menschen möglich, eine Verbindung herzustellen zu den Menschen, die vor uns dagewesen sind. Durchbricht man diese Logik, indem man nur die Fassade stehen lässt, verändert man die Städte, in denen wir leben, in eine Art Euro-Disneyland."

Diese präzisen Worte haben mir gutgetan. Joseph Kosuth ist der Mann, der die beleuchtete Schrift mit dem berühmten Hegel-Zitat geschaffen hat, welche die Frontseite des Paul-Bonatz-Baus schmückt: " . . . daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist."

Im Wissen, dass Dr. Pro der bildenden Kunst zugeneigt ist, mailte ich ihm sofort die Sätze über das Stuttgarter Fassaden-Verbrechen. Mr. Kosuths Abrechnung mit dem rückschrittlichen Architekturverständnis der S-21-Planer war mir geradezu eine Genugtuung. Ständig hatte mir Dr. Pro meine ( angebliche ) Abneigung gegen "Fortschritt" und "Veränderung" vorgehalten. Diesen Vorwurf habe ich stets als unzutreffendes Klischee dementiert. Nach meiner Botschaft mit den Kosuth-Gedanken machte ich mich auf eine deftige Antwort von Dr. Pro gefasst. Wenig später traf diese Mail ein: "Der Mann hat recht. Schönes Zitat - werde ich mir speichern."

Inzwischen habe ich einige andere schöne Zitate gesammelt, und ich schätze, der amüsante Austausch mit Dr. Pro beginnt erst jetzt in der zerrissenen Stadt.

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