Zwei Ministranten richten bei der Marienvesper im Eichsfeld in Etzelsbach das Gewand von Papst Benedikt XVI. Foto: dapd

Bierleichen proben ihre Wiederauferstehung und Gottes Stellvertreter gibt uns seinen Segen.

Stuttgart - Diese frühen Herbsttage im späten September sind meine Lieblingstage. Es ist nicht zu kalt und nicht zu feucht, auf dem Wasen proben die ersten Bierleichen ihre Wiederauferstehung, und landauf, landab gibt uns Gottes Stellvertreter seinen Segen.

Das Volksfest allerdings hat wie immer unser Rhetorik-Papst, der Herr Schuster, eröffnet. Bereits im vergangenen Jahr brillierte er beim Fassanstich mit vollendeter Komik, als er seine Lachsack-Prosa über den lustigen Stuttgart-21-Protest vortrug. Zu voller Blüte reifte diese von einem Schuster'schen Geisterbahnschreiber verfasste Humor-Nummer über die Baumbewohner des Parks, als dortselbst Wasserwerfer der Polizei slapstickartig Schulkinder aus den Turnschuhen schossen.

Masseninszenierungen wie der Papst-Auftritt im Berliner Olympiastadion und die Schuster-Performance auf dem Wasen haben insofern etwas gemein, als sie von der göttlichen Kraft ihrer Helden und vom spirituellen Rauschbedürfnis der Menschenmenge abhängig sind.

Vom Heiligen Geist angefixte Dorfpfaffen

Ohne die liturgische Virtuosität der Katholischen Kirche wären weder das Showgeschäft noch die große Kunst in ihrer heutigen Form denkbar. Die Parallelen haben nichts damit zu tun, dass vor dem Papst auch schon der Comedian Mario Barth und die Komiker von Hertha BSC das Olympiastadion füllten. Vielmehr liegt es am Talent, das große Publikum mit Musik und Reden, mit Requisiten und Kostümen, mit Sounds und Showeffekten (Weihrauch = Bodennebel) zu steuern.

In dieser Beziehung habe ich vor der Katholischen Kirche allerhöchsten Respekt. Ohne sie gäbe es kein Las Vegas, keine Madonna, keine Mäulesmühle. Die magische Kunst der religiösen Menschenfischerei hat viele Superstars des Entertainments inspiriert, der Geistlichkeit nachzueifern. Nicht nur im Showgewerbe, auch im Schaustellergeschäft.

Vor einigen Jahren wurde ich am helllichten Tag Augenzeuge, wie der allmächtige Festwirt Walter Weitmann auf dem Wasen die Bühne seines Bierzelts erklomm, die Arme messiashaft in Richtung Menschen ausbreitete - und dazu seine Kapelle den Titelsong aus "Jesus Christ Superstar" anstimmen ließ. Das war keineswegs vermessen. Schon zuvor hatte ihn die im Showgewerbe eher prüde Evangelische Kirche Deutschlands mit der Silbernen Martin-Luther-Medaille ausgezeichnet. 2007 verstarb der Festwirt, verarmt.

Das Talent zu künstlerischer Größe geht oft Hand in Hand mit der Neigung zu kirchlichen Ritualen und religiösen Gesten. Das gilt nicht nur für gläubige brasilianische Fußballspieler wie den VfB-Star Cacau oder vom Heiligen Geist angefixte Dorfpfaffen wie Herrn Bräuchle. Neulich, an einem dieser verheißungsvollen Herbsttage, als ich einige Stuttgart-Spuren zurückverfolgen wollte, kaufte ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung die "Biografie eines Superstars", Oliver Hilmes' Buch über Franz Liszt. Der junge Herr Liszt - in diesem Jahr feiert man seinen 200. Geburtstag - gab bereits als Zwölfjähriger in Stuttgart Klavierkonzerte, eines davon mit rauschendem Erfolg im Königlichen Hoftheater. Als er 1860 im Hotel Marquardt (in der heutigen Bolzstraße) erneut am Flügel saß, eilte dem genialen Virtuosen und Komponisten längst der Ruf eines coolen Lebemanns und Frauenhelden mit tiefer Verwurzelung im katholischen Glauben voraus.

Besuch bei den Blauen Göttern

Franz Liszt war einer der ersten großen Showstars im internationalen Tournee-Betrieb, wenn auch noch nicht so perfekt gemanagt wie heute der Papst, der seine Gastspiele im eigens für ihn erbauten Papamobil ansteuert. Jahrelang wurde Liszt in der Pferdekutsche durchgeschüttelt, weil es noch keine Eisenbahn und in Stuttgart keinen verdammten Bahnhof gab.

Leider werden die ekstatischen Zusammenhänge zwischen kirchlicher Zeremonie, artistischem Genie und kirmestauglicher Publikumsverführung kaum noch erkannt, weil man heuer selbst auf dem echten Volksfest von München nur ziemlich irdische Gaben wie "Scharfe Möpse" besingt - und dieselben auf dem Cannstatter Wasen in die Böblinger Büstenzwangshalter des nachgeäfften Dirndl-Outfits klemmt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auf allen denkbaren spirituellen Ebenen ein erregendes Wochenende. Ich besuche heute das Spiel der Stuttgarter Kickers, besser bekannt als Blaue Götter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: