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Ahnungslos stiefle ich durch das Leonhardsviertel und die Weltgeschichte, bis ich den Wirt Heinrich Huth treffe.

Stuttgart - Ahnungslos stiefle ich durch das Leonhardsviertel und die Weltgeschichte, bis ich den Wirt Heinrich Huth vor seiner Kneipe treffe. Heinrich, 49, ist ein stattlicher Mann mit Zopf und Bauch. Seit zwölf Jahren führt er die Jakobstube. Er nennt sie ein „unverfälschtes Stück Altstadt“. Der Schwulen-, Damen- und Barhockertreff in der Jakob­straße 6 ist gut für einen Ab­sacker, ob am Tag oder in der Nacht spielt keine Rolle.

Eine Kneipe für zwei Dutzend Gäste, zentrale Theke, auffälligste Deko­ration zwei Spielautomaten. Neuerdings ­dürfen die Gäste auch vor der Tür sitzen. Zehn Jahre lang habe er bei den Ämtern für die Straßenbestuhlung gekämpft, sagt Heinrich. Er hat nicht aufgehört zu kämpfen. Bis heute hat er den Traum, die Altstadt, das heruntergekommene Viertel mit seiner Elendsprostitution, könne eines Tages ein buntes, lebenswertes Quartier werden.

Zufall, dass wir an diesem heißen Sommertag vor der Jakobstube plaudern. Es gibt immer viel zu diskutieren im Rotlichtmilieu, und Heinrich kennt sich aus. Er weiß, wem die übelsten Häuser in der Nachbarschaft ­­­­ge­hören, in welcher politischen Partei die Herrschaften sind, und er hat nachgeforscht, was es mit dem Gebäude der ­Jakobstube auf sich hat.

In dem Haus, in der Fußgänger­zone ­zwischen Leonhardsplatz und Weberstraße,wurde am 2. Januar 1807 Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann geboren. Keine Tafel erinnert an ihn. Vielleicht, sagt Heinrich, habe man den Mann vergessen, weil er ein radikaler Demokrat gewesen sei. Wilhelm Zimmermann war ein schwäbischer Dichter und Historiker, protestantischer Theologe, Doktor der Philosophie. Er schrieb Dramen, Novellen, Gedichte und veröffentlichte die berühmte „Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges“.

In Stuttgart besuchte er – zusammen mit seinem Freund Eduard Mörike – das Gym­nasium Illustre, heute Eberhard-Ludwigs-Gymnasium. Während der Revolution von 1848/49 wurde er im Wahlkreis Schwäbisch Hall als Ab­geordneter in die Frankfurter National­versammlung der Paulskirche gewählt; er zählte zu den konsequenten Linken. Kurz darauf zog er mit großer Mehrheit für den Wahlkreis Schwäbisch Hall in die verfassunggebende württembergische Landesversammlung ein.

Auf diese Dinge kommt man bei einem Spaziergang durch die Altstadt, bei einem Plausch mit Heinrich, dem aus Heidelberg stammenden Wirt. Es gibt in der Stadt auch eine Zimmermannstraße, zwischen Olga- und Alexanderstraße. Um etwas über den Namensgeber zu erfahren, braucht der ­Flaneur eine ­detektivische Ader. Gegen ein Schild mit der Aufschrift „Wilhelm-Zimmermann-Straße“ hat entweder die Stuttgarter Schildervorschrift oder die knappe Kasse gesprochen, so dass wir auf diesem Weg nicht über den Dichter stolpern.

Zimmermanns Geburtsstätte in der ­Jakobstraße 6 wurde zwischen 1700 und 1750 erbaut, als Barockhaus ist es ein Kulturdenkmal ersten Ranges. Vielleicht reicht ja die Stuttgarter Schilder­verordnung aus, dem Dichter Wilhelm Zimmermann ( er starb 1878) eine Erinnerungstafel zu widmen. Da würde sich nicht nur Heinrich freuen. Sollte das zu viel verlangt sein, bleibt uns ein Ausflug zur Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte in Dettingen an der Erms.

Via Zimmermannstraße lande ich vor einem weiteren wichtigen Geburtshaus, ich darf darauf hinweisen, dass heute vor 75 Jahren, am 26. Juli 1937, die weltberühmte Stuttgarter Fotografin Gerda Taro bei ihrer Arbeit im Spanischen Bürgerkrieg ums Leben kam. Sie wurde 26 Jahre alt. Neunzehn Jahre hat sie mit ihrer Familie in der ­Alexanderstraße 170 a gelebt.

Zurzeit wird in den politischen Gremien der Stadt darüber gestritten, wie der verwahrloste, erst 2008 eingerichtete Gerda-Taro-Platz am Olgaeck gestaltet werden könnte. Wer etwas über die große, stilprägende Kriegsfotografin erfahren will, erkundigt sich besser in New York, Madrid oder Paris. Bei uns stört Stadtgeschichte die weltstädt­ische Zukunftsplanung.

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