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Eine der schönsten Übungen des Spaziergängers ist es, in die Abenddämmerung hineinzugehen.

Stuttgart - Eine der schönsten Übungen des Spaziergängers ist es, in die Abenddämmerung hineinzugehen. Er startet im Licht und landet im Dunkel, marschiert er vom Marienplatz bis zur Stadtmitte.

Der Marienplatz scheint immer beliebter zu werden. Ganz in der Nähe des Platzes, in der Filderstraße, hat wieder ein neues Restaurant eröffnet, das Madagascar mit afrikanischer Küche. Das Gebäude Nummer 61 ist eine altbekannte Adresse, nicht nur für erregte Herren, die sich in einem der oberen Stockwerke von Wellness-Damen bedienen lassen. Im Erdgeschoss gab es über Jahrzehnte hinweg einige gute Lokale.

Das berühmteste, in den achtziger Jahren, war das Exil, ein unvergessener Laden, der einen Schuss urbane Qualität in den Süden brachte. Der schwäbische Exil-Wirt Götz Bremme hatte zuvor in Berlin Lebenserfahrung gesammelt und Frontstadt-Stil ent­wickelt. Im Exil verkehrten junge Punks, abgehangene Bar-Hocker und Leute aus der Nachbarschaft, eine Mischung, die in der Stadt ihresgleichen suchte. Frühstück gab es bis 14 Uhr, und das war nicht die einzige Sensation. Man feierte wilde Themenpartys, als noch keiner wusste, was das ist.

Herr Bremme übte sich an der Exil-Theke in der gerade neu aufkommenden Kunst des Cocktail-Mixens und erreichte darin erstaun­liches Niveau, ehe er sein Können von 1986 an in die neue Cocktail-Bar Hans im Glück am Hans-im-Glück-Brunnen einbrachte. In der Gastroszene galt er als einsamer Rufer, seine Drinks hatten die Klasse von Schumanns Bar in München.

Heute floriert am Hans-im-Glück-Brunnen der Party-Kreisverkehr. In den Räumen vom „Hans“, wie man die Bar bis zum ihrem Ende 2005 nannte, ist das Lokal Mrs. Jones ein­gezogen; mit der früheren Daiquiri- und Gimlet-Kultur hat es nichts zu tun. Götz Bremme ist 2007, viel zu früh, gestorben.

Der kurze Marsch vom Marienplatz bis zur Altstadt reicht, um solche Anekdoten abzurufen. Durch die Tübinger Straße, vorbei am großen Fahrrad-Geschäft, wo blaues Licht an der Fassade schimmert.­Unterwegs ein Stopp vor der Riesenbaustelle, dem kriegsgleichen Abbruchgelände für die neue Shopping Mall. Am Bauzaun ist sie als „Das Gerber“ ausgewiesen, eine haus­hohe Tafel verbreitet die lustige Botschaft: „Heute: schippen. Morgen: shoppen. Hier wächst Stuttgart zusammen.“

Kein Mensch begreift, warum ausgerechnet konfektionierte Konsumkästen an der Paulinenbrücke die Stadt zusammenwachsen lassen sollen. Irgendwer im Marketing-Stall hat wohl generell zu stark gewachst: „Hier wachsen 24.000 m² Ladenfläche – für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens genauso wie für exklusive Marken, die es in Stuttgart bisher noch nicht gegeben hat.“

Ich rätsle, was die Propaganda „Heute: schippen. Morgen: shoppen“ bedeuten könnte, bis es mir kommt: Sie meinen Kohle schippen. Raus mit den ungedeckten Kreditkarten! Die große Immobilien-Krake, von allseits bekannten Herren in guten Anzügen gelenkt, ist ungehindert in der Goldgrube Stuttgart unterwegs, gaukelt den Leuten mit peinlichen Phrasen eine neue Realität vor: „Ein Ort, der die Stadt verbindet, der uns noch näher zusammenbringt.“

Wie sollen „uns“ Beton- und Glaskomplexe näher zusammenbringen? Noch näher ­womöglich, als es bereits die Autobahn zwischen Hans-im-Glück-Brunnen und Leonhardsviertel, zwischen Staatstheater und Staatsgalerie gelingt? Bis heute ist Stuttgart weltweit eine der wenigen Städte, wo man Angst haben muss, beim Verlassen des wichtigsten Kunstmuseums am Platz von einem Lastwagen überrollt zu werden. Wo Theaterbühnen und Galerien durch vierspurige Straßen ins Abseits befördert werden.

Nie haben sich die Politiker dazu durchgerungen, dieses hässliche Loch im Stadt­leben zu deckeln, um die Bürger und ihre Kultur näher zusammen­zubringen. Die große Immobilien-Krake hatte anderes vor.

Ersatzweise soll die Stadt mit Hilfe eines Einkaufs- und Bürozentrums in der Tübinger Straße „zusammenwachsen“, vielleicht bald auch auf einem neuen Abriss­gelände in der Calwer Passage, von der Parkwüste am Bahnhof ganz zu schweigen. Die Propaganda vom Sich-näher-Kommen und Zusammenwachsen wird so penetrant eingesetzt, als müsse man den Leuten einhämmern, ohne Aussicht auf Massen-Events würden sie als Individuen elendig zugrunde gehen.

Wir kommen uns näher und näher in der Stadt. Umarmen uns in Supermärkten, vereinen uns im Angesicht scheinexklusiver Marken, bis die ­Reklametypen den ultimativen Slogan tapezieren: „Heute: schippen. ­Morgen: shoppen. Übermorgen: poppen.“

Das Leben ist schön. Dieses Wachstum.

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