Schlossplatz Foto: StN

Das Café Königsbau ist etwas so Stuttgarterisches, dass man befürchten könnte, es werde bald verschwinden.

Das Café Königsbau mit seinen Lüstern und Tischlampen im ersten Stock des Gebäudes ist etwas so Stuttgarterisches, dass man befürchten könnte, es werde bald verschwinden. Von meinem Fensterplatz aus kann man die Landesfahnen sehen. Schwarz-gelb und aufgeregt flattern sie in diesen föhnverwöhnten Tagen über dem Neuen Schloss und der Villa Reitzenstein wie die Regierung im Gegenwind. Mit meinem Fernglas erkenne ich im Wappen die drei Löwen. Ähnlich würdevolle Geschöpfe sucht man in der Regierung vergeblich.

Nur Wochen, nachdem die Schlichtungsshow im Konflikt um Stuttgart 21 gelaufen ist, posaunt der große Berliner Komplize die Wahrheit hinaus: Große Projekte, sagt der Innenminister, werde man künftig ohne Bürgeranhörungen durchziehen. Kaum hat er ausgeredet, muss er seine Bibelausleger bemühen, um den Unsinn zu erklären.

Warum können sich die fruchtbaren Juristen in der Regierung nicht so ausdrücken, dass das Volk sie versteht? Weil sie das nicht interessiert. Es geht nicht darum, sich verständlich zu machen. Man muss die Macht verteidigen. Vermutlich hat sich der Herr Minister gedacht: Das Schlichtungsfernsehen ist beendet, jetzt schaffen wir wieder Fakten. FAKTEN! Das Leben, auch ihr eigenes, kennen die meisten Politiker faktisch nur aus dem Fernsehen. 

Eine Weile spazierte ich herum, bevor ich mich mit meinem Taschencomputer in mein Lieblingscafé gesetzt habe. In der Bolzstraße, wo heute die Kinos sind und früher der Bahnhof war, sind schon vor einer Weile zwei gute Bars verschwunden, die Marshall-Bar und das Mezzanin. Die Namen der Lokale kann man noch lesen, der Rest ist Untergang. Marshall & Mezzanin waren bereits stilvolle Plätze, als die Hinterwäldler im Rathaus noch Wirten empfahlen, ihr Lokal nicht "Bar" zu nennen - dies könne an Altstadt-Spelunken erinnern. Das ist nicht lange her, und so blind muss man erst einmal sein, die Königsklasse der Gastronomie mit Rotlicht-Kaschemmen zu verwechseln. Inzwischen ist das Angebot an Bars in der Stadt nicht schlecht, an guten Tagen kann man sogar in Partyläden der Heussstraße die Stimmen von Ray Charles und Nina Simone aus den Gräbern hören. 

In der Bolzstraße, wo der monumentale Marquardtbau steht, ist der Name Marquardt nahezu aus der Öffentlichkeit verschwunden. Das 1857 zum Hotel umgebaute Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach unter dem neuen Besitzer Eugen Mertz wieder aufgebaut. Bis heute gehört es der Familie Mertz. Das Haus ist die Heimat der Komödie im Marquardt. Man muss aber genau hinsehen, um diesen Namen auf den alten Werbeflächen zu entdecken. Über dem Eingang prangt nur noch groß und rot "Komödie", und das Café Marquardt hat man schon vor Jahren in Café Schlossblick umgetauft. Auf diese Weise verschwindet Geschichte aus der Stadt, aber man darf das nicht sagen, sonst erzählen einem die Bulldozer-Politiker und deren Komplizen wieder etwas von Romantik und Moderne, auch wenn sie von beidem nichts verstehen.

Bis 1938 gab es das Hotel Marquardt, es muss ein mondäner, geheimnisvoller Ort gewesen sein. Franz Liszt hat hier 1860 Klavier gespielt; in diesem Jahr wird sein 200. Geburtstag gefeiert, und am Tag, als ich im Königsbau saß, hat das Stuttgarter Kammerorchester mit dem Pianisten Florian Uhlig ein schönes und wildes Liszt-Konzert im Theaterhaus gegeben. Deshalb ist mir die Sache mit dem Marquardtbau eingefallen. Im Hotel haben neben Liszt noch andere berühmte Leute übernachtet, darunter die Tunichtgute Richard Wagner und Otto von Bismarck.

In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Hotel Sammelbecken für Hochstapler, Heiratsschwindler und andere Ehrenmänner. Der Schriftsteller Walter Serner (1942 ist er im KZ umgekommen) hat gute Geschichten darüber geschrieben. Vielleicht müsste man im Marquardtbau eine wilde Ganoven-Gala feiern, bevor ein weiteres Stück Identität mit der Stadt verloren geht.

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