Medienereignis Bauzaun Foto: dpa

So wie es beim Sex Liebestöter gibt, kennt man bei den Medien Quotenkiller für Zeitungskolumnen.

So wie es beim Sex Liebestöter gibt, etwa lange Unterhosen und Stuttgarter Bürgermeistergesichter, kennt man bei den Medien Quotenkiller für Zeitungskolumnen. Beispielsweise wäre es angesichts der "Bleiben Sie dran!"-Schleimerei tödlich, einen Text so zu starten: Heute, verehrte Leser, beginnt die Saison der Stuttgarter Kickers; der erste Gegner heißt Memmingen und kommt aus dem Allgäu.

Schon besser für meine Quote wäre die Meldung, der VfB habe gegen den Weltclub Molde FK sensationell ein 2:2 geschafft. Damit würde ich womöglich die Enthüllung toppen, Kachelmann sei schwul - und Mappus, Pforzheim, rückwirkend um die Moral im Mannheimer Knast besorgt.

Wenn Sie, verehrtes, Publikum, mir bis hierher gefolgt sind, gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Selbstlosigkeit. Bis auf die Tatsache vom Saisonstart der Kickers habe ich nur Bullshit erzählt. Ich bereite nämlich meinen Quoten-Selbstmord vor.

Warum es so weit kommen konnte, liegt auf der Hand: Seit Neujahr ist das Wetter katastrophal. Die Liebestöterkälte im Januar ging über in die Hirnkillerhitze des Juli und mündete in der Sintflut der Gegenwart. Herr Föll, der Erste Bürgermeister der Stadt, schwimmt bereits wie ein harpunierter Haifisch. Auf Geheiß des allerersten Bürgermeisters muss er als Nebenerwerbsberater der Firma Wolff & Müller abdanken; ähnliche Abzockerjobs werden überprüft. Selbst mieser Rat ist teuer.

Das Korruptionsgerede stört das Klima, denn das Baugewerbe ist groß im Kommen und Stuttgart in einem Image-Hoch wie noch nie. So berühmt wie heute war die Stadt nicht mal zu Stammheimzeiten.

Angefangen hat alles im WM-Sommer 2006. Fast täglich kamen Fernseh- und Zeitungsreporter in den Kessel, um spektakuläre Quotenbringer zu verbreiten: Schaut auf diese Stadt! Die Stuttgarter kehren nicht nur Tag und Nacht. Sie feiern und tanzen auch, ehe sie pennen gehen. Zuvor hatten dieselben Reporter immer nur berichtet, in Stuttgart sei Geschlechtsverkehr im Stehen verboten. Pietisten hätten Angst, die Sache könne in Tanz ausarten.

Dann stieg die Fußball-Party, und heute erleben wir ein Sommermärchen. Täglich berichten TV und Zeitungen bundesweit: Die Stuttgarter Hinterwäldler machen nicht nur Party. Sie hauen auch auf den Putz. Der Protest gegen S 21 ist die beste Imagekampagne aller Zeiten. Das neue Stuttgart-Logo dagegen Müll.

Alle großen Medien sind am Start, und alle Texte beginnen gut beraten wie der von "Spiegel online": "Ausgerechnet im beschaulichen Stuttgart proben Tausende Bürger den Aufstand . . ." Im "ARD-Morgenmagazin" hörte sich das so an: "Ja, eigentlich würde man das im schwäbisch-ordentlichen Stuttgart gar nicht erwarten: Tausende Menschen, die auf die Straße gehen und lautstark protestieren . . ." 

Geht mich zwar nichts an, wie andere Leute auf Quotenjagd gehen. Eines aber möchte ich klarstellen: Schon als Drittklässler haben wir im Schwäbischen Protestschilder wie Hellebarden hochgehalten: "Unser Boykott macht dich bankrott!!!". Da hatte der Schweinesystembäcker neben der Schule die Brezelpreise erhöht. Und man muss heute nicht einmal auf die Gräber des Dornhaldenfriedhofs blicken, um zu sehen, dass wir nicht die ersten schwäbischen Revolutionäre waren. Zuvor hatten sich Friedrich Schiller aus Marbach und Fritz Teufel aus Ludwigsburg gegen die Staatsgewalt erhoben - ehe Mappus gegen die Schwulenparade und der allererste Bürgermeister gegen den Ersten protestierte.

Fölls Gier nach der Kohle von Bau- und Abrissfirmen wäre akzeptabel, würde er sich dafür was Nützliches leisten. Aber Anstand, Stil und Intelligenz lassen sich nicht kaufen. Und ich will nicht maßlos werden, nur um die Quote hochzutreiben. Wir sehen uns ganz oben, bei den Kickers.

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