Immer sofort zur Hand: Smartphone Foto: dpa

Dieser Tage haben Obertürkheimer Zollbeamte einen Mann mit 599 Gramm Marihuana erwischt.

Dieser Tage haben Obertürkheimer Zollbeamte einen Mann mit 599 Gramm Marihuana erwischt. Er hatte sich zwei seiner Drogenpäckchen mit Klebeband an die Unterschenkel gebunden. Der Mann, Sie ahnen es, war kein Obertürkheimer. Ein Obertürkheimer wäre nicht so dumm, sich selbst etwas ans Bein zu binden.

Ich bin zwar nicht aus Obertürkheim, bräuchte aber als Drogen-Muli ebenfalls kein Klebeband. Ich würde das Marihuana in meine Cowboystiefel stecken. Käme ein Zollbeamter mit der Frage "Was haben Sie in Ihren Stiefeln?", würde ich sagen: coole Socken und zwei bekiffte Unterschenkel.

Alles eine Frage der Körperbeherrschung. Die Redewendung, man trage etwas am Mann, hat Bedeutung. Sagt jemand, er trage etwas am Mann, meint er damit: Ich bin jederzeit gerüstet, ich habe die Dinge unter Kontrolle, ganz sichere Sache. Der grüne Bürgermeister Wölfle trug kürzlich sein nagelneues Dienst-Smartphone am Mann. Dummerweise aber hatte er es nicht mit Klebeband an seiner frisch rasierten Radfahrer-Wade befestigt. Es steckte auch nicht in seinem Schuhwerk, weil sich in den Frischluft-Tretern der Grünen nichts verstecken lässt, nicht einmal die eigenen Socken.

Die ganze Geschichte ist dank Internet inzwischen weltweit bekannt. Herr Wölfle, der moralische Zöllner der Grünen, hatte Filz in der Partei entdeckt, und weil er es eilig hatte, schickte er seinen Fahndungsbericht blitzschnell mit gezücktem Smartphone - allerdings nicht wie geplant seinem medialen Privatagenten, sondern versehentlich einer Zeitungsredaktion.

Bei uns verwandeln sich auch Kastanien in Pflastersteine

Rein technisch interessiert mich der Fall nicht. Es ist nichts Besonderes, wenn sich in Stuttgart eine SMS in ein Fax verwandelt. Bei uns verwandeln sich auch Kastanien in Pflastersteine. Der moderne Mensch schickt im Normalfall sowieso keine Faxe mehr. Wie so vieles in der Stadt ist das Faxgerät eine Erfindung aus dem vorigen Jahrhundert. Faxgeräte leisten sich eigentlich nur noch Museen und Zeitungen. Deshalb gelten sie als unmodern.

Hinter Herrn Wölfles Fehlbedienungs-Affäre - er hat sich über einen KreisligaReferenten und andere Regierungskollegen mokiert - steckt kein technisches Problem. Es ist ein emotionaler Defekt. Das immer und überall griffbereite Smartphone - ich spreche aus Erfahrung - verleitet beleidigte Männer zur Überreaktion. Keiner, der früher einen Liebesbrief mit der Hand geschrieben oder auf der Maschine getippt hat, ist sofort zum nächsten Briefkasten gerannt, um das Schriftstück falsch adressiert loszuschicken. Ein guter Mann hat seine Cowboystiefel ausgezogen, er hat sich den Brief unters Kopfkissen gelegt und eine einsame Nacht darüber geschlafen. Am anderen Morgen hat er seine Cowboystiefel angezogen, sich eine Zigarette zwischen die Zähne gesteckt und den Scheiß-Liebesbrief angezündet. Diese Frau war es nicht wert, einen Weltkrieg anzufangen.

Der grüne Bürgermeister Wölfe dagegen wollte seine Botschaft eilends aufs Telefon eines Gesinnungsgenossen transferieren, hat jedoch mit erigiertem Zeigefinger die Fax-Adresse einer Papierzeitung angetippt. Hätte er mehr schlechte Lebenserfahrung, wäre ihm bewusst gewesen: Erregung beim Simsen ist lebensgefährlich.

Wie man nicht nur auf einschlägigen Internetforen erfährt, werden heute extrem viele sexuelle Botschaften gesimst, auch in Parlamenten. Wer im Stuttgarter Rathaus hin und wieder genauer hinsieht, entdeckt überall vibrierende Smartphones im Schoß von Politikerinnen und Politikern. Da geht es schon lange nicht mehr um erschütternde Bahnhofsnachrichten oder gelangweiltes Kollegen-Mobbing. Vielmehr erkennt man darin das zeitgenössische Vorspiel des alten Geschlechtsakts oder aber den digitalen Totalersatz für hemmungslosen Live-Sex. Ich selbst neige zum Digital-Verkehr. Beim Simsen verlangt keiner, die Cowboystiefel auszuziehen.

In Wahrheit ist alles Kleinkram, die Tragweite eine andere

Die Chance, jede Gefühlsregung sofort via Mobiltelefon mitteilen zu können, birgt die Gefahr, statt in einem Rathaus-Fax in einer Handtasche des benachbarten Dreifarbenhauses zu landen. Diese schicksalhafte Verkettung hat dem grünen Bürgermeister Wölfle die große Bühne verschafft.

In Wahrheit ist alles Kleinkram, die Tragweite eine andere. Herrn Wölfles SMSAffäre steht für den historischen Niedergang der Grünen. Die Grünen sind alt, aber unerfahren. Ihre Zeit ist vorbei. Den Digital-Artisten der Piratenpartei wäre eine solche Panne in tausend kalten Wintern nicht passiert. Den alten Gaunern von der SPD übrigens auch nicht. Die hätten den Genossen Referent nicht per SMS angeschwärzt. Irgendein Schmiedel hätte ihm ans Bein gepinkelt - und den Rest dem Obertürkheimer Zoll überlassen.

Joe Bauer liest am Mittwoch, 28. September, in der Rosenau. Mit Zam Helga, Dacia, Toba Borke. 20 Uhr. Karten: 01805/700733.

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