Als eigentliches "Städtle" bezeichnet man das Bohnenviertel und das Leonhardsviertel. Foto: Kern

"Vom Städtle zum Weltstädtle" - dieser Werbeslogan ist ein hoffnungsloser Fall!

Der Sänger trug Schlips und Smoking, er sang im Freien in der Abenddämmerung. Aus meinem schon etwas angenagten Korbsessel konnte ich die schöne eiserne Brücke der Gäubahn sehen. Der Sänger sang Lieder von Robert Schumann mit Texten von Heinrich Heine, und selbst wenn ein Zug über die Brücke donnerte, konnte man ihn gut verstehen. Ein gutes Lied, schrieb ich in mein Notizbuch, verstummt auch nicht, wenn die Eisenbahn es überrollt.

So war das neulich in der ehemaligen Gärtnerei Jakob am Nordbahnhof, einer Trutzburg namens Jakob 17, die noch einige Wochen lang ein paar Künstlern als Spielstätte dient, bevor sie Stuttgart 21 geopfert wird. Im Publikum saß auch der Immobilien-Mann der Deutschen Bahn, und ich lüge nicht, wenn ich berichte: Auch der ehrenwerte Vermieter der Jakob-Idylle war sichtbar gerührt, als der Opernsänger sang: "Die alten, bösen Lieder, / Die Träume bös und arg, / Die lasst uns jetzt begraben, / Holt einen großen Sarg."

Und so geschah es. Am Ende des Konzerts verabschiedete sich das Publikum, begleitet vom Pianisten, von den Künstlern im Chor: "Die Gedanken sind frei".

Das gefiel mir. Gedanken sind frei, sie fliegen und stürzen ab, bis eines Tages die Stadt erwacht. Die Nacht brach herein, ich fuhr noch eine Weile mit der Straßenbahn herum und ging ein Stück zu Fuß, als ich auf dem Weg zum Neckartor an einer Hauswand diese Riesenwerbung sah: 
"Vom Städtle / zum Weltstädtle".

Uli Keuler hat schon schon vor Jahrzehnten die schwäbischen Diminutiv-Laberer als Trottel vorführte.

Fast immer wenn mich die schwäbische Verkleinerungsform grüßt, erleide ich einen Anfall Grönemeyer'scher Schnappatmung. Obwohl selbst ein gelernter schwäbischer Kleingeist, kommt es mir hoch, sobald ich am Wortschwanz die erzwungene Endung "le" höre. Das gilt selbstverständlich nicht für den Bäcker Schmälzle, für Herrn Häberle oder Kumpel Karle. Doch bis heute bin ich dem schwäbischen Kabarettisten Uli Keuler dankbar, weil er schon vor Jahrzehnten die Diminutiv-Laberer als Trottel vorführte, indem er ihr "Ländle" wie "Länd-lö" aussprach.

Mit Ländle ist gemeinhin das auch in unserer Region nicht unbekannte Bundesland Baden-Württemberg gemeint. Leider aber wird das entwürdigende Unwort "Ländle" nicht nur von Kleinkunst-Komikern der auswärtigen Medien benutzt. Es dient auch im eigenen Stall zur folkloristischen Hinrichtung des Selbstwertgefühls.

Sei's drum. "Ländle" ist nicht mehr aus dem Sprachgebrauch zu tilgen. Dieser Kampf ist verloren, ich weiß. Dass aber ein anderes Verhunzungswort kursiert, nämlich das "Städtle", kann nicht straffrei durchgehen. Die Städtle-Leier ist schlimmer als Nasepopeln. Vor allem junge Menschen, vorzugsweise die Content-Apostel am Lifestyle-Counter, gebrauchen das Dummwort "Städtle", sobald sie beim Breuninger Unterhosen kaufen oder sonstwo die Innenstadt heimsuchen. Keiner hat ihnen beigebracht, wofür "Städtle" eigentlich steht - nämlich für die Altstadt bzw. was von ihr übrig geblieben ist.

"Städtle" war der Kosename für das Rotlichtmilieu

Ging ein erfahrener Mann einst ins "Städtle", landete er zwischen Charlotten- und Wilhelmsplatz, zwischen Hauptstätter Straße und Olgastraße. Genau genommen diente der Begriff "Städtle" als Kosenamen für das Rotlichtmilieu. Das klang ehrenvoller und origineller als Strich oder Gosse, zumal das Stuttgarter Städtle früher als subkultureller Kiez mit eigener Sprache halbwegs Respekt verdiente.

Das heutige Babylon in den Köpfen ist einfach zu erklären: Die Altstadt ist nicht mehr als urbanes Zentrum Stuttgarts im Bewusstsein. Man lässt das Quartier seit Jahrzehnten verkommen, kümmert sich weder um Bausubstanz noch um Denkmalschutz. Die architektonische Psychologie des Viertels ist zerstört. Ein Jammer. Dutzende alter Häuser sind erhaltenswert. Teilweise gehen ihre Ursprünge zurück bis ins 15. Jahrhundert. Es gibt eine lange Liste mit den wichtigsten Kulturdenkmälern aus Epochen wie Gotik, Barock, Klassizismus, Jugendstil.

Die liebevolle Bezeichnung Städtle war früher der Altstadt gewidmet, unserer heute vergessenen CITY. Es ist nichts als Hochstapelei, im Investorenfieber geplante Einkaufszentren wie an der Tübinger Straße als "neue Mitte" auszurufen.

"Vom Städtle zum Weltstädtle" 

Das Städtle - mit Bohnenviertel und Leonhardsviertel - wäre immer noch in der Mitte der Stadt, nämlich im Herzen vieler Stuttgarter, würde man es nicht behandeln wie eine Quarantäne-Station für Abgeschriebene und Unerwünschte.

Es ist hoffnungslos. Wenn heute ein Werbetexter die Fluglinie Stuttgart-New York als Reise "Vom Städtle zum Weltstädtle" verkauft, hat er womöglich den weltweiten Einfluss der schwäbischen Sprache neu entdeckt. Auch die Amerikaner kennen Verniedlichungswörter mit der Swabian-Diminutiv-Endung "le". Zum Beispiel Asshole. Gedanken sind frei.

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