Gefangene Heringe. Foto: AP

So schnell werde ich die Sache nicht vergessen, auch wenn zwei Tage dazwischen liegen.

Es ist noch was offen. So schnell werde ich die Sache nicht vergessen, auch wenn zwei sonnige Tage dazwischen liegen.

Am Sonntag bin ich nicht weit gekommen, etwas angeschlagen ging ich spazieren in meinem westlichen Hamsterrad. Es macht mir nichts aus, wenn man mir Westlastigkeit vorwirft. Nie, heißt es, käme ich nach Hoffeld, Sillenbuch und Birkach. Ich war auch nie in Hebsack, Kiel und China.

Der hintere Westen ist schön. Kurz vor Mittag kam ich an der Bauernmarkthalle vorbei, draußen saß der österreichische Schriftsteller Heinrich Steinfest beim Kaffee. Herr Steinfest lebt im Westen und hat Cheng erfunden, den wienerisch-chinesisch-stuttgarterischen Detektiv. Er schreibt nicht nur Krimis. Mehr als die Schnüffelei interessiert ihn die virtuose Verkettung der Wörter. Ich wünschte Herrn Steinfest einen guten Morgen, obwohl der Morgen auch ohne mich gut gewesen wäre, und ging weiter, nach Westen.

Bergauf, bis zur Chamissostraße. Der Chamisso, dachte ich, war ein Kerl wie der Steinfest. Er hat den Schlemihl erfunden, einen Mann, der seinen Schatten für einen Sack voll Gold an den Teufel verkauft. Ich würde meinen Schatten ebenfalls verkaufen. Aber keiner will ihn. Die meisten Leute haben selber einen.

Vor einem der Häuser oben im Westen stand eine Kiste mit Büchern und einer Spardose aus Pappe auf der Gartenmauer. Ein Buch kostete 50 Cent, und ich habe "Der kleine Prinz" mitgenommen. Vielleicht schenke ich das Buch einer Dame mit den Worten: Da kannst du mal sehen, was man für 50 Cent bekommt.

Da war noch dieser Vorfall; auf dem ganzen Weg konnte ich ihn nicht vergessen. Tags zuvor hatte der Schiedsrichter drei Spieler unserer Mannschaft vom Platz gestellt und zwei Elfmeter gegen uns verhängt. Hätte der Schiri, dachte ich, lieber seinen Schatten dem Teufel verkauft. So müssen wir vermuten, dass er 50 Cent in Wettbüros verdient, auch wenn das Sportskamerad Cheng noch nicht ermittelt hat.

Es war ein seltsamer Tag, der 4. September 2010, als die Kickers drei Mann und das Spiel mit 1:2 gegen Nürnberg II verloren. Die schöne Waldau erstrahlte in jener sonnigen Friedlichkeit, wie wir sie sonst nur von den Protestmärschen in der Stadt kennen. Kein Mensch dachte an Aufruhr, das Spiel war fair und nicht so schlecht, wie man über uns denkt. Und es war einer dieser seltenen Tage, an denen nichts auf ein Verbrechen hindeutet. Dann kam der Schiedsrichter aus dem Schatten, ein junger Typ mit gelben Streifen auf dem roten Trikot. Als müsste er herannahende Eisenbahnzüge vor sich warnen. Wie gesagt, lange hatte Frieden geherrscht, wie man ihn an keinem Runden Tisch aushandelt. Am Ende aber waren wir nur noch acht. Der Leibhaftige hatte uns verkauft.

Niemand begriff, was los war, ich schon gar nicht, und man konnte spüren, wie der Zorn der Leute gegen das Unbegreifliche wuchs. Alle Frauen und Männer brüllten "Schiedsrichter raus!", und der Typ im roten Trikot mit den gelben Streifen merkte nicht, mit wem er sich da angelegt hatte. Ignorant wie alle Mächtigen stand er im Hurrikan der härtesten Proteststadt der Welt, und er war ein Pups im Wind.

Von der Haupttribüne kam ein Feuerzeug geflogen, es brannte nicht, streifte aber die Schirilippe. Dafür wird man uns hängen. Oder zum Schutz der Schiris einen Bauzaun errichten. Wir kennen das. Wegen eines anderen Vorfalls schreiender Ungerechtigkeit hatte man uns einmal die Freiheit und Würde mit einem Fangnetz geraubt. Als wären wir Heringe. Wir haben es erduldet, und wir haben überlebt.

Gnade ihnen Gott, wenn sie nach dem Bahnhof auch die Waldau angreifen.

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