Mari lyncht Monroe Foto: dpa

Wir leiden an einer Lachzwangsneurose. Symptom dieser Krankheit ist der Kalauer.

Wir leiden, das ist keine neue Erkenntnis, an einer Lachzwangsneurose. Symptom dieser Krankheit ist das Wortspiel, auf der unteren Satire-Ebene als Kalauer bekannt. Motto: Ente gut, China Food.

Kalauer kommen gut an bei einem Comedy-Publikum, das Witze mit Humor verwechselt. Mancher Kunde im Rasiersitz des Sprachfrisierers hält es für "Wortakrobatik", wenn ein Kreisklassekomiker seinem langmähnigen Kumpel Haarakiri empfiehlt. Der ist davon so begeistert, dass er nach einem Autorennen auf der Haarway to Hell für eine Radikalkur bei Mata Haari bezahlt. Mit der Hooligan-Glatze aus der Föhnkurve bedient, erhält er Grußworte seines Schopfgeldjägers: "Fröhliche Weihnachten und ein gesundes neues Haar."

Seit der Bürger zürnt, wird er so dummdreist als Wut- und Mutbürger durchgekaut.

Seltsamerweise hält sich ausgerechnet im Friseurgewerbe die Kalauer-Manie seit Jahren, als hätte die Branche herausgefunden: Der Kopf ist nicht so wichtig, solange der Haarmoniker die Haupt-Sache kennt - und seinen Laden so nennt. In meinem Alter bekommt man da greisrunden Haarausfall und ist danach ein Kahlauer.

Weil ich im Kampf mit den Wortspülern Zähne verlor, bin ich dental so schlecht drauf, dass ich nachts in meinen Träumen als blutrünstiger Scharfdichter das Beil schwinge: ,,Ich beziehe ein Pro-Kopf-Einkommen." Daneben leide ich an erotisch motivierten Selbstmordgedanken: "Mari lyncht Monroe." Nicht nur im Kino fahre ich deshalb im Bus ohne Wiederkehr.

Selbst das Thema "Stuttgart 21" hat Buchstabenverdreher hervorgebracht. Seit der Bürger zürnt, wird er so dummdreist als Wut- und Mutbürger durchgekaut, dass sogar der Food-Bürger glauben muss, neuerdings sei der Burger King. Ein zukunftsorientiertes Wortspiel erfand eine schwäbische Dame, als sie den Oberbürgermeister auf ihre Protesttafel hob: "Wolfgang gang!"

"Weniger ist leer"

Erstmals ernsthaft hat mich der Kalauer beschäftigt, als man die Wände der Stadt mit Plakaten für "Brot für die Welt" tapezierte. Darauf sieht man eine Schale mit einer Handvoll Reis. Daneben steht: "Weniger ist leer." Es ist so weit, dachte ich zunächst, mit Kalauern kämpft man nicht länger gegen den Humor, sondern gegen den Hunger. Doch "Weniger ist leer" kommt gar nicht so dumm daher. Der Satz trifft die Wahrheit. Und über eine Handvoll Wortspiele freut sich sogar der Berliner Satiriker Wiglaf Droste: " . . . dieser Mann gibt alles", schreibt er über eine Show von Joe Jackson, "aber weniger wäre ein Meer der Erleichterung und Freude." Derselbe Autor schwärmt von "der herrlichen Marlon Brandung", vom Schriftsteller Strittmatter als Herzstrittmatter und von sich selbst als Gatte macchiato. Das kann in Mecklenburg vorpommern. Auch dort gibt es nach dem Tod keine Leber.

Ich habe gegen Wortspiele seit jeher ein Aber, denn wer A sagt, muss auch Bäh sagen. Als ich in der U-Bahn-Station vor dem "Brot für die Welt"-Plakat stand, wollte ich schnell auf Buddhafahrt, landete jedoch, frei nach den Sketchen der Kleinen Tierschau, auf Kopftuchfühlung mit meiner Zuckerbäckerin. Am Ende stand ich ratlos schwäbelnd im Afro-Restaurant: "Kenia gar nedda."

Ähnliches wäre mir fast in Japan passiert. Zum Glück bin ich nicht Nagano. Ich gehe auch nicht nach Spanien: Madrid sich dauernd auf die Füße. Gleicht kommt der Matator des Monats, und die TierschauKomiker radebrechen auf der Bühne: "Corrida Vorhang endlich aufmache, Senor? Oder senor ita fertig?" Da lacht vermutlich auch der zugekoste Bayern-Bazi - in Münchner Bars als Running Geck bekannt.

Spontane Zweideutigkeiten sind des Kalaugenbäckers Laib und Seele

In meinem Stuttgarter Randbereich bleibt einem der Heslacher im Halse stecken, wenn man beim Gais-Burger King die Flinte ins Korntal wirft, weil der schlimme Hedelfinger einen Untertürkheimer baut. Soll ich das wiederholen? Kemnat infrage. Spontane Zweideutigkeiten sind des Kalaugenbäckers Laib und Seele.

Nicht anders als die amtliche Wahrheit aus der Geburtsurkunde vermittelt dagegen der ehrbare Name eines coolen Barbiers am Stöckachplatz. Sein Geschäft heißt Friseursalon Härle. Danke.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: