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In den Gedichten von Thomas Gsella wird gedribbelt, geflankt und an die Latte geschossen.

Stuttgart - Wenn Gedichte von Thomas Gsella an der Straßenbahndecke spazieren fahren, wird gedribbelt, geflankt und an die verdammte Latte geschossen. Dann liegt guter Fußball in der Luft und Messi am Boden. Thomas Gsella, im Ruhr­gebiet geboren, in Aschaffenburg zu Hause, ist einer der wenigen Lyriker und Satiriker, die einen Reim auf Fußball hinbekommen, ohne die Würde des Fußballs dem Witz zu opfern.

Zwei Fußballgedichte von ihm habe ich in jüngster Zeit auf den SSB-Linien gesichtet, und ich werde (obwohl ich die Verse heimlich mit dem Taschentelefon abfotografiert habe) den Teufel tun und sie korrekt zitieren. Die Kunst des Fußballs muss jeder für sich allein erarbeiten. Wer nur Auto fährt, ist selbst schuld, wenn er doof bleibt.

Heute, wenn die Leute in der Straßenbahn über das Champions-League-Halb­finale zwischen Real Madrid und Bayern München diskutieren, werde ich weghören und schweigen. Zu schmerzhaft spuken in meinem Kopf Thomas Gsellas verfluchte Zeilen über den „Fußballspieler“ herum: „So sprintet er zurück zum Tor und wünscht den Tod, da heißt es: ‚Schlussoffensive! Alle vor!‘ Das Leben, ihn bescheißt es.“

Ja, diese Zeilen habe ich aus dem Zusammenhang gerissen, das Mannschaftsgefüge der Worte aus gutem Grund gesprengt. Denn bevor Real gegen Bayern antrat, hatte das andere Spiel stattgefunden, Barcelona gegen Chelsea, und vor lauter Zusammenhängen hat es mir das Herz zerrissen.

Gott war skrupellos. Das Leben hat Barcelona und das Leben hat das ganze Leben beschissen.

Nicht lange her, da habe ich in einem Interview mit dem spanischen Trainer Juan Manuel Lillo, einem Lehrmeister von Barcelonas Trainer Josep Guardiola, diese Stelle gelesen: Der Fragesteller bittet Herrn Lillo, Barcelonas Spielmodell „kurz“ zu „skizzieren“. Der Trainer sagt: „Das geht nicht. Dafür würden nicht mal fünfzehn Bücher reichen. Es gibt nichts Schwierigeres, als simple Dinge zu erklären. Das ist, als ob Sie mich fragen würden, ob ich das ­Leben ­erklären kann. Ich kann’s probieren, aber es ist unmöglich.“ Ja, unmöglich zu sagen, warum Gott es zulässt, dass das Böse über das Gute, das Hässliche über das Schöne und Beton gegen Anmut siegt. Und wenn es beim Fußball so ist, ist es woanders nicht besser. Ich wünsche dem großen Schiri da oben die Pest. Jaja, sagen Sie: Fußball ist nur ein Spiel. Doch „ist es ein Spiel“, sagt der Fußball-Poet Jorge Valdano, „das wir uns ausgesucht haben“: „Man spielt so, wie man lebt, wir sind so, wie wir spielen . . .“

Viele von uns spielen nicht, wie sie leben, und leben nicht, wie sie spielen. Wir schauen bloß zu. Und die meisten schauen ja nicht einmal zu, wie die Stuttgarter ­Kickers Lattenschuss für Lattenschuss in die Dritte Liga aufsteigen. Dabei sind es die Kickers, über die man einsteigen muss,wenn man vom Gott und vom Leben, von Barcelona und auch vom Fußball nichts versteht.

Hiermit habe ich es gesagt, auch wenn ich weiß, dass Thomas Gsellas Gedichte nicht in der Straßenbahn spazieren fahren, weil die Stuttgarter Kickers Viertliga-Meister werden. Die Gedichte kleben an der Decke, weil die Fußball-Europameisterschaft in Polen und in der Ukraine bevorsteht.

Zuvor aber, am Sonntag, müssen wir auf der Waldau mit Gottes Segen den FC Ingolstadt zwo besiegen. Und wenn Sie mich jetzt bitten, der Welt zu skizzieren, was es für ein Wichtigkeitsmodell sei, wenn die Stuttgarter Kickers den FC Ingolstadt zwo fertigmachen, dann sage ich ­Ihnen Folgendes: „Das geht nicht. Dafür würden nicht mal fünfzehn Bücher reichen. Es gibt nichts Schwierigeres, als simple Dinge zu erklären. Das ist, als ob Sie mich fragen würden, ob ich das Leben erklären kann. Ich kann’s probieren, aber es ist unmöglich.“

Spätestens das Spiel zwischen Barcelona und Chelsea, dieser erbärmliche Sieg von Gemeinheit und Niedertracht über Stil und Eleganz, hat mich gelehrt, noch jede Zeile über Fußball an der Straßenbahndecke todernst zu nehmen, auch wenn mir Thomas Gsellas Bahn-Verse nur beibringen, wieso Fußball ein anderes Spiel als Mühle ist. Womöglich ist der Unterschied zu Mühle in der Partie der Stuttgarter Kickers gegen Ingolstadt zwo für Sie nicht auf den ersten Blick erkennbar. Und auch unser Tag wird kommen, da heißt es: Das ­Leben, uns bescheißt es. Doch das ist uns scheißegal. Wir steigen auf und fahren ­hinauf mit der Straßenbahn zur Waldau. Das wird man doch mal sagen dürfen, in einem freien Land.

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