Foto: Kraufmann

Einstürzende Altbauten - Die Luft ist tödlich in der Tübinger und in der Marienstraße.

Stuttgart - Die Luft ist tödlich in der Tübinger und in der Marienstraße. Auf Schritt und Tritt riecht und schmeckt man die Ausdünstungen einstürzender Altbauten. Das ist der Sternenstaub raumfressender Investoren. Das Abrissgelände im Viertel, irreführend "Das Gerber" genannt, ist so groß, dass man in einen Bunker flüchten möchte, um die Gedanken zu ordnen. Städteplaner sind heute in der Lage, Orte schlimmer zuzurichten als seinerzeit die amerikanische und die britische Luftwaffe zusammen.

Die Lehre zeitgenössischer Architekten, Städte sanft und parzellenweise zu verändern und nicht ganze Blöcke niederzureißen, spielt im fortschrittlichen Stuttgart keine Rolle. Man macht es zukunftsbewusst so, wie man es früher auch schon falsch gemacht hat. Aufriss ist sexy.

Zum Glück will man in der Marienstraße sowieso nicht bleiben, auf dieser Meile fühlt man sich wie in einer Altöl-Wanne am Schnäppchen-Grill. Rasch weiter über die Eberhardstraße, ebenfalls eine Großbaustelle, zügig in die Ruinen der Altstadt.

Bewegung zwischen Klappsitz und Matratze

An der Ecke Leonhardstraße/Leonhardsplatz, neben dem mondänen Nachtclub Four Roses, hat vor Jahren ein gütiger Immobilenbesitzer einen roten Klappsitz an seine Hausfront montiert. Seitdem stehen sich die Huren nicht länger wie im Gassenhauer einer bayerischen Rock'n'RollKapelle die Füße platt. Im Stuttgarter Rotlichtviertel, wegen seiner apokalyptischen Kulisse von Altstadt-Veteranen "Tschernobyl" genannt, herrscht Bewegung zwischen Klappsitz und Matratze.

Heute, da oft - viel zu junge - Mädchen aus osteuropäischen Ländern in Bussen angekarrt werden, plant man im Viertel den wirtschaftlichen Fortschritt:

"Der Trend zur gewerblichen Zimmervermietung", heißt es im (mir vorliegenden) "Jahresbericht 2010" des Amtes für öffentliche Ordnung, gehe ungebremst weiter. Diese gute Nachricht ist in einem Quartier für käufliche Liebe zwar nicht ungewöhnlich. Lediglich die Hintergründe sind - in einer Stadt mit großer ökonomischer und pietistischer Vergangenheit - erregend. Im "Jahresbericht" heißt es:

"Insbesondere im Leonhardsviertel deuten verschiedene Entwicklungen darauf hin, dass sich die ,Szene' auf Stuttgart 21 und eine damit möglicherweise verbundene Erhöhung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen vorbereitet."

Das Amt hat die erotischen Gelüste analysiert

Zu Deutsch: Das Amt hat die erotischen Gelüste im Umfeld von Tunnel- und Bohrarbeiten analysiert. Dass sich die Beamten für milieukundig halten, wundert keinen. Bahnhofversenken gilt in Pro-21-Kreisen seit jeher als sexy. Allerdings bestätigt der "Jahresbericht 2010" nur die Uraltregel, wonach überall, wo Löcher gebuddelt werden, sofort die Freunde der Ehrenwerten Gesellschaft auftauchen. Sie sind es, die Bauarbeitern fern der Heimat die Sehnsüchte nach Glücksspiel, Jägermeister und Bunga-Bunga befriedigen.

Neuerdings stößt der angestrebte Horizontal-Service im Geschäftsbereich von Stuttgart 21 jedoch auf unerwarteten Widerstand. Beim ersten Treffen zwischen dem neuen katholischen Landesfürsten Kretschmann und seinem protestantisch geprägten Volk neulich auf dem Marktplatz konnte man über den Köpfen ein Schild lesen: "Huren gegen Stuttgart 21!"

Klare Ansage. Leider fand ich im Nieselregen keine Gelegenheit, der ehrbaren Dirne näher zu kommen, um ihr die entscheidende Frage zu stellen: Wo eigentlich positionieren sich ideologisch die Zuhälter? Da man sich laut Ordnungsamt im Leonhardsviertel auf die "Erhöhung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen vorbereitet", dürfte die Antwort, betriebswirtschaftlich gesehen, klar sein: Luden sind Proler. Tunneln und Bohren für Stuttgart 21 die legitimen Geschäftsinteressen.

Ob Kretschmann im Fall eines endgültigen Baustopps mit Schadenersatzforderungen aus der Rotlichtbranche zu rechnen hat, bleibt abzuwarten. Womöglich gleicht ein sozial geführter Versicherungskonzern den Verlust mit Naturalien-Boni an aufrechte Mitarbeiter aus.

Ich wiederum muss versuchen, gegen ein bodenständiges Honorar, in Fachkreisen "Kuppe" genannt, den roten Klappsitz in der Leonhardstraße zu mieten, um die Lage zu beobachten. Womöglich genügt hin und wieder auch ein Freier-Blick aus der Weinstube Fröhlich oder der Uhu-Bar, um den Sternenstaub von "Tschernobyl" zu atmen. Den Huren wünsche ich vorerst alles Gute - und bitte sie als Ihr ergebener Diener: Oben bleiben!

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