Der Gastwirt Ali Taner, der im Januar 2006 gestorben ist. Foto: Kraufmann

Joe Bauer über den Gastwirt Ali Taner, an den die Ausstellung im Linden-Museum erinnert.

Stuttgart - Im Linden-Museum am Hegelplatz wird am Sonntag (5. Juni) die Ausstellung "Merhaba Stuttgart" (Hallo, Stuttgart!) eröffnet. Die dokumentarische Schau beschäftigt sich zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Abwerbeabkommens von 1961 mit dem Leben der Einwanderer in Stuttgart – und erinnert mich an die Geschichte des legendären Gastwirts Ali Taner:

Ali hatte gerade die Kupferschmiede am Mozartplatz übernommen, als ich ihn Ende der siebziger Jahre kennenlernte. Seine Kneipe war eine Art Anlaufstelle für Heimatsuchende. In der Kupferschmiede wurden Freundschaften geschlossen, Beziehungen gerettet, Überlebensstrategien entworfen. Der Wirt führte ein offenes, internationales Haus, er war Vermittler und Berater in allen Krisen. Ohne ihn wäre manche Wohngemeinschaft verhungert oder, schlimmer, verdurstet.

Ali Taner wusste, was es heißt, nicht viel zu besitzen. 1931 wurde er in Istanbul geboren. In jungen Jahren arbeitete er als Kellner in den Tavernen der Stadt. Wenn er etwas Geld verdient hatte, ging er auf Reisen. Anfang der sechziger Jahre lebte er ein paar Monate in Italien. Eines Tages hatte er noch 60 US-Dollar und die Stuttgarter Adresse eines Landsmanns in der Tasche. Er fuhr nach Stuttgart, verdingte sich bald darauf als Lastwagenfahrer. Später wurde er Gemüsehändler in der Markthalle. Bald war er Wirt und stieg in der neuen Kneipenszene der Stadt zu einer Größe auf.

Ali bekochte die Gäste mit türkischen Kässpätzle

Ali zog das Publikum magisch an. Die Gäste tourten in seinem Tross durch die Stadt. Er stand hinter der La-Concha-Bar am Wilhelmsplatz und am Diogenes-Grill in der Olgastraße. Als der Feuilleton-Journalist Hans Fröhlich Anfang der Achtziger unter der Liederhalle seine  Kneipe eröffnete, wurde Ali eine Institution im Nachtleben. Der Laden, eine Sensation, hatte bis morgens um fünf geöffnet, und Ali bekochte die Gäste mit türkischen Kässpätzle.

Der Durchbruch als selbstständiger Wirt gelang ihm 1985 mit der Eröffnung des Litfass im Schwabenzentrum, der Nahtstelle zwischen Leonhardsviertel und Hans-im-Glück-Brunnen. Der Laden war Tag und Nacht geöffnet, bei gutem Wetter kämpften Kneipenflaneure um einen Platz auf der Treppe zum Biergarten. (Heute ist dort die Cocktailbar Meyer’s. Der Versuch von Alis Sohn Hasmet, gegenüber das Litfass neu zu beleben, war nicht besonders erfolgreich, inzwischen heißt der Club Madox.)

Ali hatte ein großes Herz für Musiker, er wollte nicht zulassen, dass Künstler, die etwas können, nichts verdienen. Also holte er sie selbst auf seine kleine Bühne. Unbekannte, aber auch gestandene Künstler wie die Rocksängerin Anne Haigis oder den Jazz-Bassisten Wolfgang Schmid. Beide sind bis heute gut im Geschäft.

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