Gestern habe ich mir überlegt, ob es nicht besser wäre, eine Kolumne abzuschreiben, als eine zu erfinden. Im Internet müsste sich ein Brüller kopieren lassen.

Gestern habe ich mir überlegt, ob es nicht besser wäre, eine Kolumne abzuschreiben, als eine zu erfinden. Im Internet müsste sich ein Brüller kopieren lassen. Das Leben ist kurz, und viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Heute um sieben ist Anpfiff bei den Stuttgarter Kickers.

Ich dachte: Pfeif auf die Stadt, schalte den Computer an, surfe in die Welt. Diesen Gedanke hatte ich noch nicht zu Ende gedacht, als ein Dutzend junger Menschen an der Straßenbahnhaltestelle eintrafen. Ich stand unten in der Station Stadtmitte und traute mich nicht ans Tageslicht. Früher roch es nur am Aufgang zur Marienstraße nach Imbissfett. Heute stinkt es am Ausgang Richtung City Plaza genauso entsetzlich. Den Schnäppchenbuden-Bunker auf dem Gelände des abgerissenen Radio-Barth-Gebäudes "City Plaza" zu taufen, schreit nach Vergeltung. Jede schlechte Architektur beginnt eines Tages zu stinken.

Da stand ich mit gereizter Nase in der U-Ebene und ließ eine Bahn nach der anderen davonfahren. Schließlich rückten diese jungen Menschen in Uniformen an. Die Jungs trugen Lederhosen, die Mädels Dirndl. So verkleidet und entstellt gehen heute viele zum Volksfest auf den Wasen.

Es gibt kulturhistorische Abhandlungen über die Trachtenmode. Darauf will ich nicht eingehen. Mir gefällt es nicht, wenn man Dinge kopiert. Nachäffen ist das Letzte. Auf dem Wasen singen rote Fußballfans "Zieht den Bayern die Lederhosen aus". Und dann tragen sie selber welche.

Pfui Teufel. Geklaute Folklore. Ich trage Cowboystiefel mit Stolz, weil ich weiß, wo ich lebe. Im Westen. Aus dem Volksfest wird kein Oktoberfest, wenn man Böblinger Busen in Dirndl steckt: Hütten ohne Holz. Sind Fasnet und Halloween noch nicht genug? Muss man sich jetzt auch noch mit Bazi-Kostümen entwürdigen?

Was dabei herauskommt, wenn man einen Stuttgarter in die Krachlederne zwängt, wissen wir seit Mario Gomez. In München hat er hinter einem überdimensionierten Hosentürl, früher Schamklappe genannt, seine Manneskraft verloren. Das Wort Schamklappe habe ich aus dem Internet kopiert. Das ist fast so verwerflich, wie im Dirndl beim Göckeles-Mayer die Hirschkuh mit Arschgeweih zu spielen.

Das Wort Dirndl, habe ich gelesen, rühre von Dirn (Mädchen) her; man dürfe aber aber um Gottes willen die Dirn nicht mit der Hure verwechseln. Keine Sorge. Man könnte, das weiß ich genau, nicht ganze Bierzelte auf dem Wasen mit Dirnen füllen, wo die Damen dieser Branche doch seit geraumer Zeit wieder in Armeestärke durch die Altstadt ziehen. Sogar im verschlafenen Leonhardsviertel sind sie wieder aufgetaucht. Meist sehr, sehr junge Mädchen aus schönen Urlaubsländern wie Ungarn, Rumänien und der Tschechei.

Oft stehen die Damen der Straße direkt neben ihren Managern, jungen Herren, denen man ansieht, dass sie für ihr Geld extrem hart in Fitness- und Kickbox-Studios arbeiten. Diese Typen sind sehr gescheit. Syphilis halten sie für eine Edelnutte.

Vielleicht, meine Damen und Herren, erinnern Sie sich noch an das WahlkampfGeschrei des Innenministers Rech und des Justizministers Goll, als es darum ging, ein Fellbacher Billig-Bordell zu schließen.

Kinderstrich in der Altstadt klingt nicht so attraktiv wie Flatrate-Puff in Fellbach. Ist nur viel brutaler. Also vergessen.

Ich schätze, es war heute nicht sehr fair, Bayern-Dirndl und Altstadt-Damen zusammenzupacken. Es ist nicht lustig, Äpfel mit Dirnen zu vergleichen. So kalauerdumm aber wird einer, wenn er wie ich sein Leben zurechtkopiert. Ich muss mich bessern, zurückkehren in ein ehrliches Leben.

Heute hauen wir den KSC II in den Sack.

Joe Bauer stellt am 22. Oktober im Theaterhaus sein neues Buch vor. Mit den Musikern Eric Gauthier, Roland Baisch & The Countryboys, Dacia Bridges. Michael Gaedt moderiert. Karten: 4 02 07 20

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