Vor zwei Jahren wurde das Coronavirus in Baden-Württemberg nachgewiesen. Drei Menschen erzählen, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat: ein Tübinger Pathologe, ein Unerschrockener, der in Freiburg gegen Impfverweigerer auf die Straße geht, und eine Pflegedienstleiterin in Wyhl.
Tübingen - Überall Blutgerinnsel, Thrombosen in der Lunge, in den Beinvenen, mikroskopisch kleine Verklumpungen in den Kapillarschlingen der Nieren. Noch nie habe er auf dem Seziertisch und unter dem Mikroskop so etwas gesehen, sagt Hans Bösmüller, Pathologe mit Jahrzehnten Berufserfahrung, und klingt mitgenommen. Selbst amputierte Hände oder Beinteile habe er zur Untersuchung erhalten. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Infektionserkrankung so etwas anrichten kann.“
Zwei Jahre ist es her, dass das Virus, das die Welt verändert hat, in Baden-Württemberg nachgewiesen wurde – einer der ersten Patienten war Hans Bösmüller. Am 25. Februar 2020 vermeldete eine Pressemitteilung des Sozialministeriums die Ankunft von Corona. Die damals 24-jährige Tochter des Tübinger Pathologen und deren Reisebegleiter hatten sich bei einem Kurzurlaub in Mailand angesteckt und eine Krankheit importiert, deren tödliches Ausmaß lange unterschätzt wurde. „Wir waren alle unbedarft“, erinnert sich Bösmüller, der bald etwas Husten, leichtes Fieber und Nackenschmerzen hatte. Nach einem positiven Test wurde er zusammen mit seiner Tochter auf der Isolierstation der Universitätsklinik untergebracht, der Patient Null lag in einer Klinik in Göppingen.
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Sie hätten alle drei ein „Riesenglück“ gehabt und keinerlei Spätfolgen, sagt Bösmüller und rollt auf seinem Schreibtischstuhl durchs Tübinger Institutsbüro. Der 61-Jährige trägt Jeans und ein kariertes Hemd, es ist ihm anzusehen, dass er regelmäßig das Fitnessstudio besucht und sommers joggt. „Mir geht es wieder gut“, versichert Bösmüller. Die Lunge funktioniere super, die Blutgerinnung sei völlig normal, und der seifige Geschmack, der ihm zu Beginn der Erkrankung das Essen vermiest habe, sei komplett verschwunden.
An der Wand hängen in einem Rahmen all die Zeitungsartikel, die über den Pathologen geschrieben wurden. Noch aus der Quarantäne heraus gab der Mediziner mit den Antikörpern die ersten Interviews, er war ein gefragter Gesprächspartner. Mit den steigenden Fallzahlen kamen die Toten auf seinen Seziertisch, er machte Dutzende Autopsien, um mehr zu erfahren über die unbekannte Krankheit und ihre Behandlungsmethoden.
Bösmüller: „Omikron meint es ja im Grunde gut mit uns“
Bösmüller kennt Corona von beiden Seiten: als Arzt und als Erkrankter. Er hat sein Wissen immer weiter vertieft und sich mit den Mutationen beschäftigt. „Omikron meint es ja im Grunde gut mit uns Menschen“, sagt der gebürtige Österreicher in einem nüchtern bilanzierenden Ton, „es macht nicht schwer krank und wir profitieren von einer Immunisierung.“
Die jüngste Variante könnte den Anfang des Endes der Pandemie bringen, glaubt er. „Das Virus wird endemisch“, es verschwindet nicht mehr, verliere aber seinen Schrecken. Der Pathologe erwartet künftig mildere, saisonale Erkrankungen, ähnlich wie bei der Grippe. „Ich bin optimistisch“, sagt er und sieht mit Erleichterung das Abflachen der Omikron-Welle.
Die Andersdenkenden hat Jochen Sautter zu Tausenden im Rücken. Sie fordern „Keine Genexperimente am Mensch“, sie trommeln für „Freiheit statt Zwang“ und sind seit Monaten lautstark auf der Straße. „Die würden mich am liebsten zum Teufel jagen“, weiß der 59-jährige Impfbefürworter und wagt in Freiburg, was deutschlandweit einzigartig ist. Wenn sich Samstag für Samstag in der Innenstadt der Protestzug jener formiert, die die staatliche Coronapolitik ablehnen, stellt sich Sautter provokant an die Spitze. „Ich bin die Gegendemo“, sagt er und hat sich aus einer alten Gardinenstange und einem Brett ein Schild gebastelt. Er hält seine Botschaft stundenlang hoch, „Impfen = Solidarität“ steht darauf. Die Querdenker sagten ihm anfangs, das ginge nicht und wollten ihn vertreiben. „Der Effekt ist enorm“, freut sich der Frontkämpfer, „ich werde von den Passanten gesehen und beklatscht.“
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Jochen Sautter hat weder ein besonders breites Kreuz noch ist er scharf auf Ärger. „Ich war einfach nur wütend.“ Der IT-Spezialist und Physiker sitzt an seinem Holzschreibtisch, am Regal lehnt ein Fahrrad. Von seinem Bürofenster aus, einem imposanten Freiburger Altstadtbau, hätte er sie bestens im Blick gehabt und vor allem gehört, erzählt er. „Es ist eine Anmaßung zu sagen, wir haben hier eine Coronadiktatur und kämpfen dagegen“, ärgert sich Sautter, deshalb habe er sich Anfang Dezember das erste Mal mit seinem Schild unter die Demonstranten gemischt. Es sei „rempelig“ gewesen, er, der Anti-Anti-Mann, ein Unerwünschter. Selbst die Polizei, darauf erpicht, Konflikte zwischen den Fronten zu minimieren, machte ihm klar „Sie stören“ und geleitete ihn aus dem Gedränge hinaus.
Ganz vorne lassen sie ihn in Ruhe, das hat er bald verstanden. Sautter trägt kein Megafon mit sich, er ist ein Mensch, der sich den Debatten über die Sinnhaftigkeit von Lockerungen und dem Brass der Maskenverweigerer stellt. Der sich nicht gleich abwendet, wenn die Verschwörungstheoretiker ihre absurden Thesen auspacken, und dem regelmäßig gedankt wird, dass er bereit sei zum Dialog. Ob er mit seinen Argumenten fürs Impfen durchdringt? Er wisse es nicht, sagt Sautter und erzählt mit einem Schmunzeln, dass er immer wieder aufgefordert werde, die Seite zu wechseln, schließlich sei er doch „ein sympathischer Typ“.
Sautter: „In Sachsen würde ich das aber nicht machen“
Der Demozug führt inzwischen nicht mehr vor Sautters Büro vorbei. Ans Aufhören denkt er deswegen aber nicht, jemand müsse ja dagegenhalten. „Solche Aufmärsche im liberalen Freiburg“ hätte er sich früher nicht vorstellen können. „Ich bin der einzige Bürgerliche, der dort regelmäßig unterwegs ist.“ Klar, es stünden auch „die von der Antifa“ hinter den Absperrgittern, die seien jünger, aggressiver, brüllten gegen die Demonstranten an. Vielleicht genau das Falsche, das, was die Kluft noch größer macht. „Ich will keinen Stress, ich bin Familienvater“, sagt Sautter und geht seinen Weg des Widerstands. Eine One-Man-Show, mutig und, wie Sautter es empfindet, „gar nicht gefährlich“ angesichts der Hundertschaften an Polizei und der Friedfertigkeit der Demonstranten. „In Sachsen würde ich das aber nicht machen“, schiebt er hinterher.
Nicht nur auf der Straße, auch im Netz stellt sich Sautter den Diskussionen. „Ich will mich inhaltlich einmischen“, sagt er und meldet sich neuerdings in einem eigenen Blog zu Wort. Aus den Telegramkanälen, wo sich die Demonstranten feiern und die Rechtsextremen mit Aufrufen zu Gewalt eine Radikalisierung der Proteste vorantreiben, hat sich Sautter zurückgezogen. Da sei der Ton ein anderer, zu ruppig, zu beleidigend. Auf den Demos, wo sich die Menschen ins Gesicht schauten, sei das anders. „Ich bin kein einziges Mal attackiert worden.“
Als Artemis Triantafyllou zum ersten Mal von dem Virus gehört hat, hielt sie es für unmöglich, dass es Europa erreichen würde. Als es da war, ging sie fest davon aus, dass es aufzuhalten sei. Das große Sterben – für sie unvorstellbar. „Das war ein Fehler, ich habe dazugelernt“, sagt die 33-Jährige, eine hippe Frau mit blondierten Strähnen und Gesichtspiercings. Sie musste erleben, wie mit Corona auch die Angst vor Ansteckung und Tod ins Pflegeheim kam. Auch in jenes farbenfrohe Haus der Benevit-Gruppe in Wyhl am Kaiserstuhl, wo sie als Pflegedienstleiterin arbeitet. „Bei uns gab es in der Pandemie zwei Tote, eine Bewohnerin hat sich im Krankenhaus infiziert und ist gestorben.“
Es seien schwierige Zeiten, sagt Triantafyllou und wirkt kein bisschen so, als habe sie der fortwährende Ausnahmezustand ihrer Kräfte beraubt. Die Griechin, die nach dem Studium nach Deutschland zog, um in der Pflege zu arbeiten, ist ein Energiebündel und eine, die ihren Job liebt, wie sie sagt. „Die Pandemie ist eine Katastrophe, jede Quarantäne auch“, hält sie fest und redet dann über die Dinge, die gut laufen. Zum Beispiel, dass unter den 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus nur zwei nicht geimpft seien und deshalb freigestellt wurden. Das Gehalt erhielten sie momentan weiterhin.
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Ihr Chef, der Benevit-Geschäftsführer Kaspar Pfister, ist schneller als das Gesetz. Bereits im Dezember hat er die Impfpflicht für das Pflegepersonal eingeführt. Von den rund 1800 Beschäftigten an 30 Standorten sind 32 freigestellt worden, von 18 hat sich das Unternehmen verabschiedet. „Bei uns gilt: Sicherheit geht vor“, sagt Triantafyllou, schließlich ginge es darum, Leben zu retten. Der eine Ungeimpfte in ihrem Haus in Wyhl habe zugesagt, sich Novavax spritzen zu lassen. Die andere, eine Schülerin, die müsse womöglich ihre Ausbildung abbrechen. Das sei schade, aber nur konsequent.
Der nächste Schritt müsse die Einführung der Impfpflicht für alle sein, fordert Triantafyllou. Die gelte dann ebenso für die Bewohner, denn noch immer gebe es vereinzelt Impfverweigerer, eine Gefahr für die Gemeinschaft. Verärgert ist die Pflegefachkraft auch darüber, wie viel Nonsens über das Coronavirus verbreitet wird, das Netz sei voll davon. „Wir haben in Griechenland ein Sprichwort“, sagt sie, „Halbwissen ist schlimmer als gar kein Wissen.“
Immer genügend Schnelltests und Schutzmaterial
Keinen Tag habe es in ihrem Haus an Schnelltests oder Schutzmaterial gemangelt, lobt die Pflegedienstleiterin. Angesteckt hat sie sich trotzdem. Es passierte in einer Nachtschicht auf der Station mit dem Corona-Ausbruch. Eine infizierte Seniorin war gestürzt. Ein Sensor meldet es aufs Diensttelefon, wenn jemand nicht ins Bett zurückkehrt. „Ich bin ihr ganz nah gekommen“, erinnert sich Triantafyllou. Kurz darauf war sie fiebrig und Corona-positiv. Ihr reichten zwei Wochen zur Genesung, dann war sie schon wieder im Dienst.
„Vielleicht habe ich eine rosa Brille“, sagt Triantafyllou und strahlt übers ganze Gesicht, „aber wir bekommen das hier alles ganz gut hin.“