Die Strukturkrise zeigt im Kreis Esslingen Auswirkungen. Arbeitnehmer in scheinbar sicheren Jobs müssen sich umorientieren. Das bedeutet Herausforderungen für die Arbeitsagentur.
Die Situation am Arbeitsmarkt im Kreis Esslingen bleibt angespannt. Zu dieser Einschätzung kommt die zuständige Agentur für Arbeit Göppingen – und das, obwohl die Statistik für Mai einen leichten Rückgang im Vergleich zum Vormonat zeigt (minus 2,3 Prozent auf 14.666 Personen). Jedoch zeigt der Abgleich mit dem Vorjahr, dass weit mehr Menschen arbeitslos gemeldet sind, als noch im Mai 2025 (plus 3,9 Prozent). Besonders stark ist der Unterschied bei jüngeren und älteren Personen. Und Menschen in Berufsgruppen, die sich bislang sicher wähnten, müssen umdenken.
„Die Zahl der Arbeitslosen ist wegen saisonaler Effekte gesunken – eine echte Frühjahrsbelebung ist der Rückgang nicht“, sagt Bettina Münz, stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur Göppingen. Derzeit beträgt die Arbeitslosenquote im Landkreis 4,7 Prozent. Als Ursache sieht Münz unter anderem schon länger wirksame strukturelle Belastungen und aktuelle geopolitisch verursachte Unsicherheiten.
Kreis Esslingen: Probleme bei Jobsuche nach dem Studium
Mit Blick auf zahlreiche Industrieunternehmen, die sich mit Stellenabbau beschäftigen – zuletzt meldeten beispielsweise Festo und Pilz entsprechende Pläne – , sei der Arbeitsmarkt im Kreis Esslingen im Vergleich mit anderen im Südwesten stark betroffen von der strukturellen Krise, sagt Münz. Jedoch handle es sich auch weiterhin um einen wirtschaftlich lebendigen Raum mit entsprechenden Chancen.
In der Altersgruppe unter 25 ist die Zahl der Arbeitslosen seit dem Vorjahr überproportional gestiegen (8,1 Prozent) – allerdings seit April auch wieder stärker gesunken als in anderen Kohorten. Unter den Betroffenen haben laut Münz gut zwei Drittel keine abgeschlossene Berufsausbildung. Es gebe aber auch immer mehr Hochschulabsolventen, die Schwierigkeiten haben bei der Arbeitsplatzsuche – selbst in über viele Jahre gefragten Fächern. In ihrer Berufslaufbahn habe sie zuvor nicht erlebt, dass frischgebackene Maschinenbauingenieure Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden.
„Wir kommen aus Jahren, in denen sich junge Absolventen ihre Stelle aussuchen konnten“, sagt Münz. Nun seien Unternehmen zurückhaltender, es werde schwieriger für die Bewerberinnen und Bewerber. Doch wer sich flexibel aufstelle und anstrenge, werde auch etwas finden, sagt die Vizeagenturchefin. Es gelte zu lernen, die Chancen zu ergreifen, die der Markt noch biete. Sie hofft aber auch auf Unternehmensseite auf die Einsicht, dass das Potenzial junger Erwerbsfähiger mit Blick auf den demografischen Wandel genutzt werden müsse.
Arbeitsagentur: Manche müssen wohl Gehaltseinbußen hinnehmen
Die Herausforderungen für ältere Arbeitssuchende – ihre Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent gestiegen – sieht sie darin, sich Gedanken über neue berufliche Wege zu machen. „Es ist sicherlich kein Geheimnis, dass mittlerweile ehemalige Unternehmen und Berufsgruppen von der strukturellen Krise betroffen sind, die sehr gut gesettelt waren“, so Münz. „Das hat zur Folge, dass Menschen arbeitslos werden, die bislang Gehälter bezogen haben, die sie so wahrscheinlich nicht mehr realisieren können.“ Für sie gelte es, bei der Perspektiv- und Jobsuche Abstriche zu machen – doch das falle schwer, weil jeder sich in gegebenen Rahmenbedingungen einrichte.
Die aktuelle Situation bedeutet auch für die Agentur für Arbeit Herausforderungen. Im Beratungsprozess gelte es, gemeinsam Perspektiven herauszuarbeiten. „Wir haben aber auch keine Glaskugel und können nicht mit Sicherheit die Frage beantworten, was zukunftsträchtig ist“, sagt Münz. Beispielsweise werde die Beschäftigung in der IT-Branche mittlerweile stark durch Künstliche Intelligenz beeinflusst. Und im Öffentlichen Dienst gebe es aufgrund der schlechteren Finanzausstattung der Kommunen Grenzen.
Der Göppinger Agenturbezirk bekommt derzeit mehr Personal zugewiesen. „Wir schauen derzeit, dass wir Prozesse so anpassen und Schwerpunkte so zu setzen, dass jeder, der sich arbeitslos meldet, schnell ein Erstgespräch bekommt“, so Münz. Auch mit Blick auf die Finanzierung von Qualifizierungsmaßnahmen sei die Agentur für dieses Jahr gut aufgestellt.