Eine Führungsposition teilen und das noch im gemischten Doppel? Wie das funktionieren kann, zeigt das Beispiel der beiden Bosch-Mitarbeiter Corinna Dornbusch und Jochen Göser.
Sie sind offen und direkt, werfen sich im Gespräch die Bälle zu und wirken als gemischtes Doppel wie ein eingespieltes Team. Seit Anfang 2022 teilen sich Corina Dornbusch und Jochen Göser eine Führungsstelle bei Bosch Power Tools in Leinfelden-Echterdingen, der Elektrowerkzeuge-Sparte des Bosch-Konzerns. Beide arbeiten je 80 Prozent – als Job-Tandem im Personalbereich.
Von der Suche nach einer passenden Stelle oder beruflicher Partnersuche, wie dies bei vielen Job-Tandems der Fall ist, kann keine Rede sein. „Das hat sich durch Zufall ergeben“, sagt Dornbusch, weil die Themen zweier bislang getrennt geführter Teams gebündelt wurden. Die 48-Jährige arbeitete bereits in Teilzeit, aufstocken kam für die Mutter eines zehnjährigen Sohnes nicht infrage. Warum also nicht Jobsharing? Ihre Chefin hat sie gleich unterstützt und Dornbusch wusste auch, mit wem sie sich ein Job-Tandem vorstellen konnte.
„Der Anruf kam im Urlaub“
„Der Anruf kam im Urlaub“, erinnert sich Jochen Göser an jenen Septembertag 2021. „Ich war überrascht, aber es war kein Schockanruf“, sagt er und lacht. „Wenn sich Dinge ändern, kann man Optionen ausloten.“ Göser (44) lässt sich auf das Führen in Teilzeit ein und reduziert seine Arbeitszeit von 100 auf 80 Prozent, „auch damit meine vier Mädels mehr von mir haben“, wie der Vater von vier sieben bis 14-jährigen Töchtern sagt. Eine bessere Balance zwischen Familie und Beruf ist ein wichtiger Treiber.
Doch es stecke noch mehr dahinter, sagt er. Freiräume schaffen und mehr Flexibilität sind dem Volkswirt und gebürtigen Heidenheimer auch wichtig, denn ihm liegen seine fachlichen Themen auch abseits der Bosch-Welt am Herzen. „Da ergeben sich ganz andere Möglichkeiten, sich inhaltlich damit zu beschäftigen“, sagt er. Er kann sich vorstellen, nebenher auch noch Vorlesungen an der Uni zu halten oder Fachartikel zu schreiben.
Ähnlich ist das auch bei Corinna Dornbusch, die nicht nur mehr Zeit für die Familie, sondern auch für ihr Steckenpferd Coaching haben will. „Ich habe so wahnsinnig viele Interessen und will mich fachlich weiter entwickeln“, sprüht sie geradezu vor Energie.
„Wollen nicht nur Führungskraft sein“
Die Interessen können verschieden sein, doch die Chemie und die gemeinsame Richtung müssen stimmen – das machen sie im Gespräch immer wieder deutlich. „Corinna und ich brennen für Themen und wollen auch als Experten anerkannt werden und nicht nur Führungskraft sein“, sagt Göser. „Jobsharing macht eine Kombination von beidem möglich und nicht nur das Eine oder Andere“, sagt Betriebswirtin Dornbusch. Sie arbeitet seit 2003 im Bosch-Konzern. Während ihre Schwerpunkte auf Personalentwicklung und Coaching liegen, befasst sich Göser vor allem mit Transformations- und Veränderungsprozessen. Beide sind auf Abteilungsleiterebene angesiedelt, führen gemeinsam ein Team von 14 Beschäftigten und befassen sich mit Innovationen im Personalbereich, um die Organisation von Bosch Power Tools mit weltweit rund 20 000 Mitarbeitenden noch schlagkräftiger zu machen.
„Zwei Köpfe, doppelte Expertise “
Jobsharing konnten sich beide nur vorstellen, weil sie einander kannten und wussten, wie sie im Job ticken. „Wir haben ähnliche Wertvorstellungen, schätzen und vertrauen uns. Dieses Vertrauen ist wichtig, sonst hätten wir uns nicht darauf eingelassen“, sind sich Dornbusch und Göser einig. Sie halten sich gegenseitig auf dem Laufenden, damit jeder auch aussagefähig ist. Auch das Team ist eingebunden, täglich gibt es ein kurzes Briefing, wer an was dran ist.
Die Themen haben sie sich nach Schwerpunkten aufgeteilt, die Mitarbeiter und Arbeitstage nicht. „Es ist nicht so, dass einer von Montag bis Mittwoch arbeitet und der andere von Mittwoch bis Freitag“, sagt Dornbusch. Oft sind beide im Büro. Auch Mitarbeiterentwicklungsgespräche führen sie gemeinsam. Das schätzten die Mitarbeiter, weil sie unterschiedliche Perspektiven erlebten, sagt Dornbusch. Zwei Köpfe bedeuten auch eine doppelte Expertise. „Die Entscheidungen sind reflektierter und die Lösungen sicher nicht schlechter“, so Göser.
Und wenn der eine Karriere machen will und der andere auf der Strecke bleibt? „Wir sehen uns nicht als Konkurrenten“, sagt Dornbusch. „Wir gönnen uns gegenseitig besondere Projekte und sind auf Augenhöhe unterwegs“, sagt die einstige Leistungsschwimmerin. Womöglich spiele der Teamsport da eine Rolle, lacht sie. „Die Konstellation hat sich überraschend ergeben, wenn sich die Situation ändert, muss man Dinge neu bewerten“, sagt Göser pragmatisch.
30 Jobsharing-Paare und zehn Topsharing-Paare
Als Job-Tandem haben die beiden, die als Führungskräfte Innovationen im Personalbereich vorantreiben, eine Vorreiterrolle. Bei Bosch in Deutschland gibt es derzeit gut 30 Jobsharing-Paare, Tendenz steigend – und zehn Topsharing-Paare, wie man Führungskräfte nennt, die sich eine Managementposition teilen. Dabei sei es den Mitarbeitenden überlassen, in Abstimmung mit der Führungskraft und dem Team die optimale Aufteilung zu finden, sagt eine Bosch-Sprecherin. Das kann je nach Aufgabe und Stelle 50:50, 70:50 oder beispielsweise 60:60 sein. Bei Göser und Dornbusch ist es 80:80.
Göser spricht von einem gewissen Signaleffekt. „Es ist nicht so, dass alle Schlange stehen und Jobsharing machen wollen, ich werde aber relativ häufig darauf angesprochen“, sagt er. Mit der geteilten Führung eröffneten sich auch für die Beschäftigten mehr Entwicklungsmöglichkeiten, ist Job-Tandem-Partnerin Dornbusch überzeugt. Für beide ist das kein reines Mütter- oder Väterthema.
Wenn sich Führungskräfte einen Job teilen
Topsharing
Das Wort setzt sich zusammen aus Top für Top-Management und Jobsharing für das Teilen einer Stelle. Der Begriff bezeichnet ein Arbeitszeitmodell bei dem sich zwei Führungskräfte eine Managementposition teilen.
Mitarbeiterbindung
Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gewinnt nach Angaben des Bosch-Konzerns zunehmend an Bedeutung und ist sowohl ein wichtiger Baustein zur Mitarbeiterbindung als auch bei der Gewinnung exzellenter Fachkräfte. Bosch fördert nach eigenen Angaben die Flexibilisierung der Arbeitszeit – unter anderem auch Jobsharing.
Job-Connector
Das ist eine Bosch interne Plattform, um eine passende Teilzeit- beziehungsweise Jobsharing-Partnerin oder einen Jobsharing-Partner zu finden. Derzeit sind dort 700 Mitarbeitende registriert. Bei Bosch in Deutschland arbeiten rund 1400 Mitarbeitende als Führungskraft in Teilzeit.