Rohdiamant oder Altersgruppe ohne Schliff: Die 1995 bis 2010 Geborenen stellen besondere Anforderungen an Arbeitgeber. Zu recht?, wurde in Aichtal gefragt.
Manche Kissensprüche kann man so stehen lassen: „More Espresso less Depresso“ stand etwa auf einem der Sitzkissen für die Podiumsgäste des Wirtschaftsempfangs in Aichtal – und dieser Satz war Programm. Denn stark wie ein Espresso und ein Stimmungsaufheller war der auch vom örtlichen Bund der Selbstständigen organisierte Talk bei der Arnold Group im Gewerbegebiet Südliche Riedwiesen. Es ging um die Generation Z Die Frage war: Sind die zwischen 1995 und 2010 Geborenen wirklich aus Sicht von Arbeitgebern Rohdiamanten oder eine Altersgruppe ohne jeden Schliff?
Manche Kissensprüche kann man so nicht stehen lassen. Das „Tutto Bene“ auf einem anderen Sitzkissen bei „Aichtal Connect – Wirtschaft im Dialog“ passte wiederum nicht. Denn nicht alles auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist gut. Die Generation Z ist ein anspruchsvoller Hoffnungsträger. Die erste Altersgruppe, die vollständig in einer digitalen Welt aufgewachsen ist, habe hohe Ziele wie eine Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit, wünsche sich eine direkte Kommunikation im Job und setze auf Individualität, erklärte Marcus Bez vom Bund der Selbstständigen in seiner Einführung. Für die „Gen Z“ sei das Gehalt nicht das Wichtigste, aber sie erwarte von ihrem Arbeitgeber moderne Arbeitsbedingungen und eine offene Unternehmenskultur.
Nicht alle Wünsche können und dürfen erfüllt werden, führte Michael Traub, einer der Podiumsgäste, aus. Der Vorstandsvorsitzende der Stihl AG kritisierte die „Wohlfühloase Deutschland“. Ein Ingenieur oder eine Ingenieurin stünden ihrem Arbeitgeber in der Bundesrepublik gerade einmal 1380 Stunden im Jahr zur Verfügung. In China werde dagegen in zwei Schichten an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Da kämen 2100 Arbeitsstunden zusammen. Es sei ein Wunder, wie Deutschland bei solchen Voraussetzungen in puncto Produktivität bisher weltweit habe mithalten können.
Immer mehr Benefits wie Job-Bikes für Arbeitnehmer
Begehrt, gesucht und umworben sind Fachkräfte aufgrund der sich aus dem Arbeitsmarkt verabschiedenden Babyboomer und des demografischen Wandels dennoch. 2019, rechnete Moderator Thorben Reimer vor, wurden in Stellenausschreibungen noch bis zu vier Benefits für Arbeitnehmer wie Job-Bikes oder Essenszuschüsse angegeben. Im laufenden Jahr seien es bereits zehn und mehr solcher Vorteile.
Für die Mitarbeiter wird denn auch etwas getan. Podiumsgast Rosemarie Amos-Ziegler von der WGfS GmbH für Pflege, Betreuen und Wohnen berichtete von der Nutzung aller möglichen auch technischen Hilfsmittel, um das Personal gesund zu halten. Es würde zudem Angebote wie Yoga geben, um das Team fit zu halten. Alles, was angeboten werde, werde von den Mitarbeitenden gerne genutzt, denn alles sei von Führungskräften getestet und für gut befunden worden.
Stihl setzt auf Linsen und Spätzle für die Mitarbeiter als auf Bällebäder
Bei solchen Programmen sei das Scheitern vorprogrammiert, fasste Michael Traub seine Erfahrungen zusammen. Nach Corona habe Stihl die Mitarbeitenden wieder heraus aus dem Homeoffice und in die Firma locken wollen. Doch die Reaktionen auf Bällebäder, Sportangebote oder Trainingsfahrräder seien sehr verhalten gewesen: „Solche Programme funktionieren nicht.“ Mit Linsen und Spätzle am Montag oder Maultaschen am Freitag könnten die Mitarbeitenden dagegen in die Firma gelockt werden.
Doch abseits solch kulinarischer Lockmittel: Fehlt der Generation Z bei Überbetonung individueller Freiheiten der Hunger nach Karriere, Leistung und Einsatz für den Job? Es würde immer wieder Ausreißer unter ihnen geben, doch die meisten würden dem Arbeitsmarkt als Fachkräfte erhalten bleiben, meinte Rosemarie Amos-Ziegler. Viele ihrer Mitarbeitenden kämen aus dem Ausland, und sie seien begierig darauf, etwas zu lernen und etwas zu bewegen. „Die Generation ist da. Mit der müssen wir uns beschäftigen“, ergänzt Tobias Spannbauer, Geschäftsführer von Mosolf Logistics & Services. Wichtig seien ein offener Umgang und Erklärungen, warum etwas getan und gemacht werde. Nadja Palmer , Geschäftsführerin der Fiku Fischinger GmbH, berichtete von Zusatzversicherungen etwa im Gesundheitsbereich, die für Mitarbeitende abgeschlossen würden. Auch eine Physiotherapie stehe dem Personal zur Verfügung.
Das Entgegenkommen gegenüber Arbeitnehmern habe aber auch ihre Grenzen, so Michael Traub. In Vorstellungsgesprächen würden manche Bewerber sagen, dass sie aufgrund besonderer Hobbys, persönlicher Vorlieben oder bevorzugter Freizeitaktivitäten lieber von Asien oder Frankreich aus arbeiten würden. Dann müsse man ihnen eben sagen, sie mögen auf Bali oder in Biarritz bleiben – den Job würde ein anderer bekommen. Viele Jugendliche und junge Erwachsene würden gerne für Non-Profit-Organisationen arbeiten. Da müsse man einfach sagen: „Unternehmer bleibt bei euren Leisten“. Eingestellt werden müssten Leute, die nicht davon träumten, die Welt zu retten. Es gelte für Arbeitgeber, klare Kante zu zeigen und sich gegen den Trend zu stemmen.
Aichtal verbindet sich
Veranstalter
Organisiert wurde der Abend bei der Arnold Group neben der Stadt Aichtal auch vom örtlichen Bund der Selbstständigen. Er wurde im Mai 1993 gegründet, verfügt über eine Mitgliedschaft von etwa 100 Unternehmen und vertritt die Interessen kleiner und mittelständischer Betriebe auf Ortsebene. Der BDS versteht sich auch als wichtiges politisches Sprachrohr in der Stadt und er setzt sich für eine unabhängige lokale Infrastruktur ein.
Veranstaltung
Das Thema des Abends lautete „Zwischen Erwartung und Realität: Die Next Generation als Chance und Herausforderung für die Personalsuche“. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Aichtal Connect – Wirtschaft im Dialog“ statt. Dieser Wirtschaftsempfang wurde in den Jahren zuvor in der Festhalle in Aichtal veranstaltet. Doch mit Blick auf das neue Industriegebiet wurde 2025 bewusst ein neuer Rahmen in den Räumlichkeiten der Firma Eugen Arnold gewählt.