Während Firmen wie VW, Bosch oder ThyssenKrupp gerade Tausende Stellen streichen, sucht die Energiebranche dringend Personal. Die Energiewende steht auf dem Spiel – und die Aussichten für Bewerber sind glänzend.
Die Energiewende droht hierzulande am Fachkräftemangel zu scheitern. Einer neuen Studie zufolge berichten 92 Prozent der Unternehmen aus dem Energiesektor von Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Das entspricht einem Anstieg von 29 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn 2024, wie aus einer Umfrage des Personaldienstleisters Manpowergroup unter mehr als 1000 Arbeitgebern im Land hervorgeht. Vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum großen Energieversorger treffen die Personalengpässe Firmen jeder Größenordnung. Der Knackpunkt: Sie konkurrieren quasi alle um dieselben Arbeitskräfte, um dieselben Qualifikationen.
Während wichtige deutsche Großkonzerne wie Volkswagen, Bosch oder Thyssenkrupp in den vergangenen Wochen angekündigt haben, Tausende Stellen zu streichen, suchen Unternehmen in der Energiebranche händeringend Personal. Das sind gute Aussichten für angehende Auszubildende und Jobwechsler – in einer Wirtschaft, die sich in der Rezession befindet. „Die Energiewende ist ein gewaltiges Konjunkturpaket. Hierzu werden qualifizierte Fach- und Arbeitskräfte benötigt“, sagt die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae.
Bedarf an Hunderttausenden Arbeitskräften
Einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge dürften in den nächsten Jahren mehr als eine halbe Million Fachkräfte fehlen. Rund 250 Berufe sind demnach für den Ausbau von Solar- und Windenergie sowie Wasserstoff wichtig. In diesen fehlten branchenübergreifend bis zum Jahr 2035 rund 560 000 Mitarbeiter. Eine Analyse der Unternehmensberatung Deloitte macht deutlich, dass der Fachkräftemangel in der Energiewirtschaft keine Momentaufnahme ist: In den nächsten 10 bis 15 Jahren gehen demnach voraussichtlich rund 70 Prozent der Mitarbeitenden in Ruhestand.
Den Personalengpass bekommt auch die EnBW zu spüren. Bis 2027 will Deutschlands drittgrößter Energieversorger konzernweit 7800 neue Stellen schaffen. Das Recruiting laufe auf Hochtouren, sagt Personalvorständin Colette Rückert-Hennen. „Ich bin guter Dinge, dass wir unser Ziel erreichen werden“, gibt sich die Managerin zuversichtlich. Sie räumt aber ein: „Es ist tatsächlich herausfordernd, die richtigen Talente zu finden – insbesondere im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich.“ Um zu verhindern, dass der Fachkräftemangel die Energiewende ausbremst, geht der Konzern neue Wege: „Bei der Personalplanung stellen wir uns auch auf Digitalisierungseffekte – insbesondere der Künstlichen Intelligenz – ein“, sagt Rückert-Hennen.
Welche Stellen am meisten gesucht werden
Knapp 3500 neue Mitarbeitende haben die Karlsruher 2024 eingestellt. „Unser größter Bedarf liegt im Bereich der Energie- und Netztechnik“, sagt die EnBW-Vorständin. Die Branche braucht vor allem Ingenieure und Handwerker, die ...
- ... Windparks planen und bauen
- ... Solaranlagen und Batteriespeicher installieren
- ... Strom-, Gas- und Wärmenetze ausbauen
- ... Ladeangebote für E-Autos optimieren
- ... neue Heizungen einbauen
„Und es braucht Personal, das an der Schnittstelle zum Kunden Gesicht zeigt, um über die vielfältigen Fragen zur Energiewende aufzuklären“, sagt BDEW-Chefin Andreae.
Der Energiekonzern RWE ist auf Fachkräfte und Nachwuchs aus derselben Richtung angewiesen. 2023 hat das Unternehmen rund 3500 neue Mitarbeiter eingestellt. „Auch 2024 haben wir über 2000 neue Kolleginnen und Kollegen an Bord geholt“, sagt eine RWE-Sprecherin. Ob beim Netzausbau oder der Energiespeicherung – der technologische Wandel in der Energiewirtschaft verlange spezifisches Know-how, sagt eine Sprecherin von Deutschlands größtem Stromversorger Eon. Das Problem: „Dieses Fachwissen ist auf dem Arbeitsmarkt oft nicht in ausreichendem Maße vorhanden.“
Damit locken die Energiefirmen neues Personal
Eon setzt sich deswegen unter anderem im Rahmen lokaler Ausbildungsinitiativen dafür ein, Interessierten den Berufseinstieg mithilfe von Schulprojekten, Praktika, Lehrgängen und fachkundiger Begleitung an ihren Ausbildungsplätzen zu erleichtern. „Um auch für Positionen ohne Homeoffice-Möglichkeit attraktiv zu bleiben, setzen wir auf eine hohe Flexibilität in anderen Bereichen“, sagt die Sprecherin. So locken Energiekonzerne wie EnBW und Eon etwa mit Vorzügen wie einer betrieblichen Altersvorsorge, Jobtickets, Leasing-Modellen für Fahrräder sowie Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.
EnBW-Personalvorständin Rückert-Hennen wirbt mit einem „sicheren Arbeitsplatz mit einer fairen Bezahlung“ um Mitarbeiter. Und sie nennt noch ein weiteres Argument: „Wir bieten sinnstiftende Jobs und ermöglichen die Mitarbeit bei einem der größten gesellschaftlichen Projekte – der Energiewende.“ Das ist schon heute ein wichtiges Thema bei jungen Menschen. Als Erfolg verbucht die Vorständin, dass für das im Herbst beginnende Ausbildungsjahr mit 97 Prozent so gut wie alle der mehr als 300 Ausbildungsstellen besetzt seien. „Für das nächste Jahr liegen wir aktuell bei 85 Prozent Zusagen – im Marktvergleich sehr gute Werte“, sagt Rückert-Hennen.
BDEW-Chefin nimmt Politik in die Pflicht
Damit der Hochlauf der Erneuerbaren nicht scheitert, nimmt der BDEW die Politik in die Pflicht: „Auch der neuen Bundesregierung wird klar sein, dass ohne ausreichende Fachkräfte die Energiewende ins Stocken gerät“, sagt die BDEW-Chefin Andreae. „Sie kann nur gelingen, wenn genügend Hände mit anpacken. Dafür müssen alle Register gezogen werden“, fügt sie hinzu. Aus Sicht des Verbands sollte man schon in der Grundschule ansetzen, um Kinder frühzeitig an technische Themen heranzuführen – „denn wir brauchen sie als Ingenieure, Mechatroniker, Elektriker und Schlosser für die Energiewende“.