Die Rückkehr des Weltmeisters Thomas Müller für die EM 2021 scheint sicher zu sein – doch was bedeutet das konkret für die DFB-Elf? Eine Analyse.
Stuttgart - Seit Monaten gibt es diese so verheißungsvolle wie romantische Vorstellung. Der Bundestrainer Joachim Löw holt den Weltmeister Thomas Müller zurück zur Fußball-EM, und da müllert es dann einfach wieder. Müller gibt den Müller und damit viele Vorlagen, trifft obendrein selbst und führt eine vorher so verunsicherte, junge deutsche Elf, auf dem Platz und außerhalb.
Radio Müller sendet also wieder bei der Nationalelf, gibt ständig Kommandos. Und sagt dabei, so wie das zu stillen Coronazeiten im Stadion beim FC Bayern immer zu hören ist, nicht nur das Pressing an, sondern auch den nächsten Pass des einen Mitspielers – und zuvor den Laufweg des anderen.
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An diesem Mittwoch um 12.30 Uhr nun wird Bundestrainer Löw seinen Kader für die EM (11. Juni bis 11. Juli) offiziell bekannt geben. Und das, was seit Tagen tröpfchenweise inoffiziell durchsickert, hat sich inzwischen längst zu einer Art Gewissheit entwickelt: Müller wird dabei sein beim Turnier. Längst soll Löw den Münchner nach dessen überragender Saison beim FC Bayern telefonisch darüber unterrichtet haben.
Viele Fragen rund um Müller
Was aber macht dieser Müller dann konkret mit diesem deutschen Team? Wie wirkt er, auf dem Platz und daneben? Wie reagiert diese deutsche Elf, die seit Jahren ohne Müller spielt, auf die Rückkehr der Führungsfigur? Und: Wie realistisch ist es, dass diese verheißungsvollen Vorstellungen und Erwartungen, die Müller zu schultern hat, beim Turnier Wirklichkeit werden?
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Klar ist: Fußballerisch ist Müller nach seinen konstant starken bis überragenden Leistungen der vergangenen Monate über jeden Zweifel erhaben. Seine Vorlagen, sein noch einmal verfeinertes Gespür für Räume, sein Spielverständnis und seine verbale Führung auf dem Platz setzten Maßstäbe – und würden wohl jeder Fußballmannschaft auf diesem Planeten guttun. Doch so groß die Chance mit dem 31-Jährigen ist – es gibt mit Blick auf die DFB-Elf auch Risiken, die mit seiner Nominierung für die Europameisterschaft einhergehen.
Neue Ausrichtung
Da ist etwa die sportliche Ausrichtung, die sich mit Müller ändern würde. Die Offensive war zuletzt selten das Problem im deutschen Spiel ohne Müller, der sein bisher letztes Länderspiel vor der Ausbootung durch Löw im November 2018 absolvierte.
Der Bundestrainer verschrieb sich zuletzt dem Tempo in der Offensive und dem fußballerischen Überfall, setzte also auf Konter und pfeilschnelle Angreifer wie Serge Gnabry, Leroy Sané oder Timo Werner. Einiges erinnerte ein bisschen an die Zeit um die WM 2010 in Südafrika herum, als Löw eine junge Elf mit einer ähnlichen Ausrichtung von der Leine ließ.
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Müller dagegen ist kein klassischer Konterspieler, auch wenn er das – siehe WM 2010, bei seinem ersten großen Turnier – auch im Repertoire hat und das Spiel nicht langsamer macht. Müller aber liebt es, Lücken auszuspähen gegen tief stehende Gegner und seine berühmten Räume, die wohl nur er sieht, zu bespielen.
Ein Sprinter wie Gnabry, Sané und Werner dagegen war Müller nie, so dass Löw sein in den vergangenen Jahren nach dem WM-Desaster 2018 modifiziertes Offensivspiel hin zum Umschaltfußball wieder ein Stück weit zurückentwickeln müsste: zurück zu mehr Ballbesitz rund um den ständig rotierenden Müller herum.
Knappe Zeit
Fakt ist: Die Zeit der gemeinsamen Vorbereitung wird mit insgesamt zweieinhalb Wochen vor dem ersten Gruppenspiel gegen Weltmeister Frankreich am 15. Juni knapp sein. Und in dieser Zeit wird es spannend zu beobachten sein, wie Müller auf das Mannschaftsgefüge einwirkt. Denn der Münchner ist ja nicht nur auf dem Platz ein Anführer, er ist es auch außerhalb.
Als er bis vor ein paar Jahren noch dabei war im Kreise der DFB-Elf, da war es die Regel, dass Müller auch in der Freizeit die Räume deutete. Hatten die Nationalspieler mal einen freien Tag, da gab Müller meist den Laufweg vor, und die meisten Teamkollegen trotteten ohne große Nachfragen hinterher. Und als Müller etwa das passende Kino gefunden hatte, da war auch schnell klar, wer den Film aussuchte: Müller.
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Was also macht seine Rückkehr nun mit dem Binnenklima dieser noch immer neuen DFB-Mannschaft, die sich trotz arg holpriger Auftritte zuletzt intern immer mehr gefunden hatte, in der sich neue Führungskräfte aus dem Schatten wagten und von ehemaligen Führungsfiguren wie Müller oder Mats Hummels emanzipiert haben?
Müller ist gesetzt
Wie also gefällt das Ilkay Gündogan oder Antonio Rüdiger, wenn Müller (und womöglich auch dessen bester Kumpel Hummels) plötzlich wieder da ist, auf dem Platz die Richtung vorgibt und daneben in der Freizeit darüber entscheidet, wer gegen wen Tischtennis spielt oder ob der Basketball hart genug aufgepumpt ist? Und, so ganz nebenbei: Wie gefällt es den Offensivkräften Gnabry, Sané, Havertz oder Werner, die nun wissen, dass Müller einen von ihnen auf die Bank verdrängen wird, weil er gesetzt ist bei der EM?
Wie auch immer – Müller war und ist dabei alles andere als ein klassisches Alphatier. Er ist kein bissiger, rechthaberischer Anführer aus der früheren Zeit. Er ist weder ein Effenberg noch ein Kahn, Müller ist kein Matthäus und auch kein Ballack.
Herausforderung für Löw
Der Bayer führt meist mit Charme und Witz, mit der ihm eigenen Müller-Art. Aber er wird, wenn er zur EM zurückkommt, qua seines forschen Naturells der Chef sein – mehr, als es die bisher verbliebenen Weltmeisterkollegen Manuel Neuer und Toni Kroos zuletzt jemals waren. Diese Gemengelage im deutschen Team zu moderieren wird eine von Joachim Löws Hauptaufgaben sein.