Komme, was wolle: Joachim Löw bleibt Bundestrainer. Foto: AP

Der Bundestrainer hat entschieden – er bleibt Bundestrainer. Trotz des deutschen Desasters bei der WM macht Joachim Löw weiter.

Frankfurt - Es ist also tatsächlich so gekommen. Joachim Löw, der bei der Weltmeisterschaft in Russland so krachend gescheiterte Weltmeistercoach von 2014, macht weiter. Der Bundestrainer hat das Angebot des DFB angenommen.

Er ist also, wenn man so will, tatsächlich über den roten Teppich geschritten, den ihm der Verband trotz des peinlichen Auftretens seiner Elf bei der WM ausgerollt hatte. „Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das der DFB weiterhin geschlossen in mich setzt, und ich spüre trotz der berechtigten Kritik an unserem Ausscheiden auch generell viel Rückhalt und Zuspruch“, ließ Löw, dessen Vertrag schon vor der WM bis 2022 verlängert worden war, in einem Verbandsschreiben mitteilen.

Zuvor war es am Dienstag in Frankfurt zu einem Gespräch zwischen der WM-Delegation um DFB-Präsident Reinhard Grindel, Löw und Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff gekommen. Und was der DFB hinterher verkündete, passte irgendwie ins Bild der vergangenen Tage, in denen die Verbandsoberen mit Nachdruck bei Löw um eine Fortsetzung seiner Tätigkeit geworben hatten. „Wir sind der festen Überzeugung, dass wir mitJogi Löweinen Bundestrainer haben, der sehr genau analysieren, die richtigen Schritte einleiten und unsere Mannschaft zurück in die Erfolgsspur führen wird“, ließ der DFB-Präsident Reinhard Grindel im selben Schreiben verlautbaren.

Dann folgten Sätze von Grindel, die im Zuge der Ereignisse bei der WM in Russland zumindest etwas verwundern: „Wenige Tage nach einem solchen Turnier-Aus eine umfassende Analyse einzufordern, wäre verfrüht. Der Bundestrainer und Oliver Bierhoff sollen sich jetzt die notwendige Zeit nehmen, um das Turnier sportlich aufzuarbeiten und dem Präsidium vor dem Länderspiel am 6. September gegen Frankreich, in dem wir in der Nations League gleich gefordert sind, eine umfangreiche Analyse vorzustellen.“

Eine Analyse soll erst im September folgen

Keine umfassende Analyse ist also zeitnah erforderlich. Nach dem historischen und blamablen Ausscheiden der deutschen Elf in der WM-Vorrunde. Joachim Löw bekommt weiter den Freifahrtsschein. Als wäre nichts gewesen. Löw ist der Richtige, komme was wolle. Einen Plan B für den Fall des Scheiterns hatte es schon vor der WM nicht beim DFB gegeben. Und es gab ihn nun offenbar weniger denn je. Dass Löw seinen Freifahrtschein fast wörtlich zu nehmen scheint, wurde schon am vergangen Wochenende offensichtlich, als er lässig in seinem Cabrio-Oldtimer durch seine Heimstadt Freiburg fuhr und hinterher mit seiner obligatorischen Sonnenbrille im Straßencafé saß. Natürlich darf ein Bundestrainer Cabrio fahren, genauso wie er gemütlich einen Café trinken gehen kann. Wie solche Bilder aber in der Öffentlichkeit wirken und wie sie rüberkommen, was womöglich in sportlich hochprekären Situationen angebracht ist und was nicht, das ist Löw schon länger egal. Warum das so ist? Löw kann sich diese Haltung leisten – weil er vom Verband nach wie vor die volle Unterstützung erfährt.

Der Rückhalt für den Coach und auch für den Manager der Nationalelf, Oliver Bierhoff, aus den eigenen Reihen allerdings bröckelt offenbar gewaltig. Löw und Bierhoff erfahren massive Kritik: Aus „Spielerkreisen“ sowie von zwei „erfahrenen Kennern der sportlichen und organisatorischen Verhältnisse“ beim DFB-Team werden in der „FAZ“ Stimmen laut, die das Bild des Führungsduos erschüttern. Demnach sei die Mannschaft bei der WM in Russland in zwei Lager gespalten gewesen – in das der etablierten Kräfte um die Weltmeister von 2014 und in das der jüngeren.

Vor allem aber habe die Sorglosigkeit der Verantwortlichen Löw und Bierhoff zum Desaster Vorrunden-Aus geführt. Dass Löw dem Kapitän Manuel Neuer etwa nach dessen langer Verletzung einen Sonderstatus einräumte, soll für einige Spieler ein Problem gewesen sein. Löw, so die namentlich nicht genannten Informanten aus dem inneren Zirkel des Teams, habe damit „dem Leistungsgedanken und der Leistungsgerechtigkeit geschadet“.

Am 6. September geht es weiter

Überhaupt habe der Coach alten Verdiensten den Vorrang eingeräumt, jüngere Spieler seien für ihren Einsatz im Training nicht honoriert worden. Weitere Kritikpunkte sind die Auswahl der Testspielgegner in der Vorbereitung und die Hybris Bierhoffs bei der Quartierwahl im ungeliebten Moskauer Vorort Watutinki ( den „Spielplan von hinten gedacht“). Bierhoff begründete die Entscheidung für Watutinki mit weniger Reisestress im Falle des Gruppensiegs von einem möglichen Halbfinale an.

Der Besuch der Kanzlerin im Trainingslager in Südtirol am Vorabend der Kader-Benennung für die WM ist ein weiteres Ärgernis für die Kritiker – und dazu auch der angeblich zu lasche Umgang mit Mesut Özil nach der Erdogan-Affäre.

Am 6. September nun geht es für die deutsche Nationalmannschaft in München mit dem ersten Spiel in der neu gegründeten Nations League gegen Frankreich weiter. Drei Tage später steht in Sinsheim das Testspiel gegen die Auswahl Perus an. Spätestens dann wird sich zeigen, ob der Bundestrainer seine bereits kurz nach dem WM-Scheitern selbst ausgerufenen radikalen Veränderungen umsetzt.

Ob er verdienten Weltmeistern von 2014 im Zweifel tatsächlich ins Gesicht sagen kann, dass er sie nicht mehr braucht? Ob er wirklich bereit ist für den nötigen Neuanfang – und dafür, neue Denkweisen zuzulassen? Bei sich selbst und von außen, in taktischer Hinsicht oder auch was seine Spielerauswahl angeht?

Joachim Löw, der Weltmeistertrainer, hat enorme Verdienste rund um den deutschen Fußball. Jetzt, nach der komplett missratenen WM in Russland, steht er unter Druck. Auf den Bundestrainer und den DFB warten spannende Wochen.

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