Der Stuttgarter Regisseur Joachim Lang stellt Hitler und seinen Propagandaminister ins Zentrum seines neuen Spielfilms „Führer und Verführer“. Das letzte Wort jedoch gibt er den Holocaust-Überlebenden.
Wenn er ein Projekt anfasst, dann gründlich. Ob es das Spoken Arts Festival in Stuttgart ist oder ein opulenter Kinofilm wie 2018 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“: Der Stuttgarter Journalist und Regisseur Joachim Lang verbindet zeit- und kulturhistorische Kenntnisse mit künstlerischem Können. In „Führer und Verführer“, der am 4. Juli seine Premiere beim Münchner Filmfest feiert und eine Woche später in die Kinos kommt, unternimmt der bald 65-jährige Allrounder eine hochriskante Reise ins Herz der Finsternis.
Herr Lang, „Führer und Verführer“ ist ein Film über Nazis. Davon gibt es schon viele. Wie unterscheidet sich Ihrer von allen anderen?
„Führer und Verführer“ ist der einzige Spielfilm, der die führenden Nazis – Hitler, Goebbels und Konsorten – ins Zentrum stellt und die Zeit von 1938 bis 45 behandelt, die Zeit, in der sie die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte in die Tat umgesetzt haben: Holocaust und Zweiter Weltkrieg.
Mit Verlaub, Hitler und seine Helfer standen auch schon früher im Zentrum von Filmen: „Der Untergang“, „Die Wannseekonferenz“, „Zone of Interest“.
Mein Film ist grundsätzlich anders. Der „Untergang“ schildert die letzten Tage im Führerbunker, der Holocaust kommt nicht vor. Und die beiden anderen Werke setzen sich mit der zweiten Befehlsebene auseinander. Mir ging es um den allerengsten Führungskreis und die Frage, wie es Hitler gelungen ist, die Mehrheit der Deutschen hinter seine verbrecherischen Ziele zu bringen. Das ist eine Frage, die mich beschäftigt, seit ich politisch denken kann.
Wenn Sie den „Führer“ und seinen Propagandaminister zu Protagonisten Ihres Films machen, gehen Sie da nicht ein enormes Risiko ein? Droht eine Identifizierung mit den Jahrhundertverbrechern?
Nein, denn ich zeige konsequent, was die Folgen ihres Handelns waren, und ich lasse Holocaust-Überlebende direkt die Zuschauer ansprechen. Mir geht es darum, die Mechanismen der Propaganda aufzuzeigen, heute sagt man Desinformation und Manipulation. Wenn wir erkennen, wie das damals funktioniert hat, ist man auch kritischer gegenüber den Verführern von heute. Mein Ziel ist es, den Demagogen der Gegenwart die Maske vom Gesicht zu reißen. Es ist ein Film gegen Verführung.
Trotzdem: Ihr Ansatz bleibt riskant.
Ja, aber er ist unverzichtbar. Wir haben uns in Filmen daran gewöhnt, Hitler und Goebbels als plakative Monster zu zeigen, die zu Karikaturen ihrer selbst werden. Diese Methode dient dazu, uns die Verbrecher vom Leib zu halten, aber sie erklärt rein gar nichts. Dazu muss ich die Figuren verstehen, nur so kann ich sie dekonstruieren. Ich befinde mich da in einer Tradition von Thomas Mann bis Margot Friedländer: Nicht Dämonen haben die Verbrechen begangen, sondern Menschen. Und Menschen sind es, die sie auch verhindern können.
Wie schaffen Sie es, Hitler und Goebbels nicht als Dämonen zu zeigen?
Zunächst gelingt das meinen herausragenden Schauspielern: Fritz Karl als Hitler, Robert Stadlober als Goebbels und Franziska Weisz als Magda Goebbels. Sie zeigen die obersten Nazis als Menschen aus Fleisch und Blut, aber vor allem als verabscheuungswürdige Verbrecher – und sie weisen auf die Gefahr hin, die von solchen Menschen ausgeht. Um eine Figur vollständig zu erfassen, muss ich ansatzweise auch auf das private Umfeld eingehen, umso mehr, wenn es für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Aus historischen Quellen weiß man, dass Hitler und Goebbels im persönlichen Umgang charmant sein konnten, das findet man auch bei heutigen Demagogen und Populisten. Auch deswegen sind sie so gefährlich.
Liefern Sie uns eine Nazi-Homestory?
Nein, gerade nicht. Aber ich muss zeigen, dass Goebbels als einer der ersten seine angeblich heile Familie zu Propagandazwecken eingesetzt hat. Er hat hier ebenso gelogen wie bei seiner politischen Arbeit, auf die ich vor allem eingehe. Seine Rede im Sportpalast, in der er zum „totalen Krieg“ aufruft, ist ein Paradebeispiel der NS-Propaganda. Der ganze Auftritt wurde von ihm inszeniert. Zunächst das Liveevent, alles einstudiert mit Parteigenossen und Sprechchören; dann die Rede selbst, im Film sehen wir, wie Goebbels sie mit kalkuliertem Versprecher vorm Spiegel einstudiert. Ferner die Presse, das Radio und schließlich die Wochenschau. Er hat die ganze Klaviatur der Propaganda bedient: ein moderner, multimedial denkender Demagoge, der heute Tiktok und alle anderen Social-Media-Kanäle kapern würde. Wie die AfD.
Aber ist Fiktion nicht Gift für einen Film über Nazi-Größen, wenn er wie „Führer und Verführer“ im Dienst der Aufklärung stehen möchte?
Das Gegenteil ist der Fall. Alle offiziellen Dokumente und Filme von damals sind mit dem Ziel entstanden, die Wahrheit zu verschleiern. Goebbels wollte den Zeitgenossen und der Nachwelt sein Bild des Nationalsozialismus als Wirklichkeit ausgeben. Wenn wir diese Dokumente benutzen, besteht die Gefahr, dass wir uns zu Sklaven des Materials machen. Um der Wirklichkeit näher zu kommen, muss ich neue Bilder schaffen, das können nur fiktionale Bilder sein. Aber das mache ich nicht im freien Raum, ich verwende zum Großteil belegbare Zitate für die Dialoge, denn der Film muss im Einklang mit der wissenschaftlichen Forschung stehen.
Und wie kommen die Opfer vor?
Wie gesagt: Ich lasse sieben Überlebende, darunter Eva Szepesí und Margot Friedländer, mit ihren Erfahrungen und Mahnungen zu Wort kommen. Ohne diese Opferperspektive hätte ich das Projekt nie gemacht. Anders als im „Untergang“, in dem Hitlers Sekretärin Traudl Junge zur Identifikation einlädt, biete ich sonst keine positiven Gegenfiguren an. Wo sollte ich sie hernehmen? Im Nazi-Führungszirkel saßen ausnahmslos Verbrecher. Bei mir haben die Opfer das letzte Wort, sie sind meine Helden!
Nazi-Stoffe sind im Ausland begehrt. Auch „Führer und Verführer“?
International ist das Interesse groß und die Resonanz sehr positiv, der Film wird in vielen Ländern zu sehen sein, auch in Frankreich und den USA. Aber die für mich noch wichtigere Bestätigung bekomme ich von den Holocaust-Überlebenden, deren sehr positive Reaktionen mich bewegt haben.
Der Regisseur Joachim Lang
SWR
Geboren 1959 in Spraitbach bei Schwäbisch Gmünd, studierte Joachim Lang Germanistik und Geschichte. An der Stuttgarter Uni wurde sein Denken vom Literaturwissenschaftler Volker Klotz und dem Historiker Eberhard Jaeckel geprägt, Koryphäen ihres Fachs. Seit 1986 arbeitet er beim SDR, dem Vorläufer des SWR, als Regisseur, Autor und Redakteur. Dort erfand und leitete er unter anderem den „Tigerenten-Club“.
NS-Geschichte
Immer wieder trat Lang mit Spielfilmen hervor: 2013 mit „George“, worin Götz George seinen Vater, den Schauspieler Heinrich George, spielte; 2018 mit „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, für den er Lars Eidinger als Titeldarsteller gewinnen konnte. Mit „Führer und Verführer“ setzt Joachim Lang seine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte fort.