Joachim Kròl legt sich überschwenglich ins Zeug. Foto: dpa

Im Theaterhaus hat Joachim Król aus Albert Camus´ posthum erschienenem Entwicklungsroman „Der erste Mensch“ gelesen – ein emotionaler, zu bequemer Abend.

Stuttgart - Eine gute Geschichte funktioniert auch ohne Kulissen und großes Brimborium. Angenehm schlicht erscheint dann auch die Bühnengestaltung für Joachim Króls Lesung von Albert Camus´ Entwicklungsroman „Der erste Mensch“ im Theaterhaus. Ein paar Podeste, bestückt mit farbigen Sitzkissen, auf denen das fünfköpfige Orchestre du Soleil Platz nimmt, ein Barhocker für Król. Im Hintergrund leuchten stilisierte Projektionen auf schwarzem Aushang: Ein Honigmond und Silhouetten von Palmen, Fensterrahmen, und die Gitterlinien einer Jalousie. Der Rest ist Kopfkino, befeuert von Albert Camus´ klarer, melodischer Sprache.

Um dessen autobiografische Erzählung zu verstehen, braucht es kein Hintergrundwissen. Trotzdem ist es schade, dass der Regisseur Martin Mühleis die Einführung zum Dichter auf einen kurzen Videoeinspieler von dessen Ehrung mit dem Nobelpreis 1957 beschränkt. Nur drei Jahre später starb der Autor und Philosoph bei einem Autounfall. Das noch unvollendete Manuskript von „Der erste Mensch“ trug er damals bei sich. Publiziert wurde es allerdings erst 1994, weil Camus´ Tochter lange zögerte, den persönlichen Text der Öffentlichkeit preiszugeben.

Begeisterung mit grollendem R

Joachim Król erzählt nichts davon, sondern stürzt sich ohne Umschweife in die Kindheitserinnerungen von Jacques Cormery, Camus´ Alter Ego; eine „Rückkehr zum Geheimnis aus Licht und warmherziger Armut.“ Jacques ist neun Jahre alt, Kind prekärer Schwarzfüßler, wie die französischen Siedler in der Kolonie Algerien genannt werden. Der Vater fällt 1914 im „großen Krieg“, da ist Jacques gerade ein paar Monate auf der Welt. Nun wächst der Junge in einem Frauenhaushalt auf.

Während die Mutter als Hausbedienstete arbeitet, führt die Großmutter ein hartes Regiment. Voll Anteilnahme liest Król, wie das Kind die Züchtigung mit dem Ochsenziemer erlebt. Mit dem sprachbehinderten Onkel Etienne, der es trotz Handicap zum Böttcher bringt, geht Jacques auf die Jagd, Elend und Idylle liegen nah beieinander.

Król durchlebt die wechselnden Zustände mit Haut und Haar, wiegt und streckt sich, gestikuliert und zappelt mit einem Bein, wenn ihn ein Satz besonders trifft. Mit Begeisterung und vollmundig grollendem R liest er, wie Jacques, Spross von Analphabeten, mit Hilfe eines Lehrers die Literatur entdeckt und wie besessen Bücher verschlingt. Dem Pädagogen verdankt der Schüler die Aufnahme am weiterführenden Gymnasium. Doch mit dem Eintritt ins Lycée vollzieht sich für Jacques der Bruch mit dem ruppigen, zugleich behütenden Familienumfeld. Der zweite Teil des Abends behandelt die Entdeckung der Scham, beschreibt die Kluft, die Jacques von den betuchten Mitschülern trennt. Während die Kinder von Offizieren und musizierenden, stickenden Müttern im Bewusstsein einer Familiengeschichte aufwachsen, fühlt sich Jacques als Kind ohne Historie, eben als erster Mensch, der seinen Werdegang selbstbestimmt gestalten kann und muss.

Harmonie von Sprache und Musik

In dieser Erkenntnis liegt der Kern von Camus´ Werk, der in seinen Dramen, Romanen und theoretischen Schriften die Auflehnung des Menschen gegen starre Herrschaftsstrukturen propagierte. Die hinter der reinen Erzählung stehende Ideenwelt kann Joachim Król mit den ihn begleitenden Musikern jedoch nicht abbilden. Statt der tiefergehenden Botschaft vermittelt der Abend vor allem das Emotionale und Rührende der Prosa. Das liegt nicht nur an Króls überschwänglichem, aufrichtig bewegtem Vortrag, sondern auch an der vom maghrebinischen Rai und vom französischen Valse Musette inspirierten Musik des Komponisten Christoph Dangelmaier. Akkordeon, Gitarre, Oud, Klarinette und Schlagwerk schwelgen mit Króls sonorer Stimme um die Wette. In manchen Passagen stellt das Ensemble die Form über den Inhalt, berauscht von der Harmonie der Sprache und Musik. Die Absicht, die Atmosphäre der Prosa zu verstärken, wird deutlich. Doch es ist streckenweise zuviel des Guten. Vor lauter Atmosphäre kippt die Darbietung ins gemütlich Sentimentale. Ohne Frage, Camus´ Literatur ist stimmungsvoll, aber eines ist sie ganz gewiss nicht: bequem.

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