Jo Nesbø zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Foto: IMAGO/NTB

Jo Nesbøs neuer Thriller "Minnesota" spielt im polarisierten Amerika und folgt Ermittler Bob Oz auf der Jagd nach einem Serienkiller. Wie gelungen ist der Hardboiled-Krimi?

Gelegentlich beweisen Autoren mit ihren Geschichten ein fast intuitives Gespür für Aktualität – oder haben einfach (zweifelhaftes) Glück. Als Frank Schätzing 2004 „Der Schwarm“ veröffentlichte, war das Phänomen Tsunami für viele bestenfalls abstrakt, bis im Dezember desselben Jahres Hunderttausende einer solchen Horrorflutwelle zum Opfer fielen.

 

Im wesentlich kleineren Maßstab ist es nun dem norwegischen Thrillerautor Jo Nesbø so ergangen: Sein neuester Krimi spielt in Minneapolis und erschien in Deutschland nahezu zeitgleich, als eine Frau auf offener Straße im Auto sitzend von Einsatzkräften der US-Einwanderungsbehörde ICE erschossen wurde – Minneapolis wurde wie so viel anderes in den vergangenen Jahren zu einem weiteren Symbol für den Kulturkampf der polarisierten Gesellschaft der USA.

Auf der Jagd nach einem Serienkiller

Der Konflikt zwischen Trump-Ultras und Demokraten bildet im neuen Thriller „Minnesota“ von Jo Nesbø den Hintergrund, angesiedelt ist er im Minneapolis des Jahres 2016, als die erste Amtsperiode von Donald Trump anrollt. Im Kern geht es aber vor allem um Trauer und Rache. Der Ermittler Bob Oz, seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter traumatisiert und von seiner Ehefrau getrennt lebend, jagt einen Serienkiller, der offenkundig auf einem Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler unterwegs ist. Als der Bürgermeister von Minneapolis ins Visier gerät, jagt ein Großaufgebot hinter dem Unbekannten her.

Wie „Minnesato“ ausgeht, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Jo Nesbø hat sich mit seinen Thrillern über den brillanten, aber persönlich disparaten Osloer Detektiv Harry Hole ein Millionenpublikum erschrieben, und in seinem jüngsten Streich schwingt viel von Nesbøs Expertise mit: Auch Bob Oz hat mit Dämonen (unter anderem in Gestalt des Alkohols) zu kämpfen und steht sich meistens selbst im Weg. Die wesentlichen Geistesblitze, die den Mörder letztlich entlarven, kommen aber von ihm.

Nesbø-Twists bringen Tempo, doch das Ende gerät reichlich sonnig

Lange Zeit plätschert „Minnesota“ auf hohem Niveau routiniert vor sich hin. Ein paar Nesbø-mäßige Twists in der Handlung geben dem Thriller dann Tempo und machen ihn durchaus lesenswert. Das Ende allerdings ist dem Autor ein bisschen zu sonnig geraten und will nicht so recht zu den knapp 400 Seiten Hardbolied-Krimi zuvor passen. Denn auch wenn Nesbø, der dieser Tage in Stuttgart für seinen neuen Roman geworben hat, die Ambivalenz und Grenzen von Trauer und Rache auslotet, bleibt immer klar, auf welcher Seite „die Guten“ stehen – auf der der Verfechter von Vernunft, Anstand, Demokratie und Waffenkontrolle.

Jo Nesbø: Minnesota. Kriminalroman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein, Berlin 2026. Gebunden, mit Schutzumschlag, 24,99 Euro.