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Während der Niedrigzinsära galten Anleihen als unattraktiv. Doch seit der Zinswende erlebt die Anlageklasse ein fulminantes Comeback – das zeigt sich auch am ETF-Markt.

Seit Jahren boomen börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, kurz ETFs) – doch mit der Zinswende hat sich der Markt stark verändert. Den meisten Anlegern dürften ETFs bislang vor allem als kostengünstige Aktienfonds bekannt sein, mit denen man in einen marktbreiten Index wie den MSCI World oder ein weit gestreutes Portfolio von Einzelwerten investieren kann. Seitdem die großen Notenbanken die Leitzinsen im Kampf gegen die Inflation rasant erhöht haben, ist jedoch auch die Bedeutung von Anleihen für ETF-Investoren kräftig gestiegen.

 

Das zeigt sich eindrucksvoll am jährlichen ETF-Marktbericht des Fondsanbieters Amundi. Demnach steckten europäische Anleger 2023 eine Rekordsumme von 61,5 Milliarden Euro in Anleihe-ETFs – fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Mit Neugeldern von 90,3 Milliarden Euro dominieren Aktien-ETFs der Statistik nach zwar weiter, aber der Boom bei Anleihefonds ist beachtlich.

Im Sommer könnten die Leitzinsen schon wieder sinken

In der rund anderthalb Jahrzehnte andauernden Niedrigzinsphase war mit Anleihen nicht viel zu holen. Doch das hat sich geändert. „Mit der Zinswende sind Anleihen wieder zu einer relevanten Anlageklasse geworden”, sagt Julius Weller von der Onlinehandelsplattform Scalable Capital, die Anleihe-ETFs für private Kleinanleger anbietet.

Mittlerweile bereiten sich die Finanzmärkte schon wieder auf sinkende Leitzinsen vor – angesichts von Rezessionsrisiken sowohl im Euroraum als auch in den USA scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed die Geldpolitik wieder lockern. EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Bundesbankchef Joachim Nagel dämpften zuletzt zwar die Hoffnung der Märkte, dass die Zinsen bereits im Frühjahr sinken. Doch im Sommer könnte es soweit sein.

Wie kann man sich jetzt noch die hohen Zinsen sichern?

Für Anleger stellt sich somit vor allem die Frage: Wie kann ich mir die jetzt noch hohen Zinsen sichern? Anleihen konkurrieren hier mit anderen festverzinslichen Angeboten wie Tages- oder Festgeld. Tagesgeldkonten können für Neukunden noch immer rund vier Prozent Zinsen abwerfen, allerdings kann sich das – wie der Name schon sagt – täglich ändern. Längerfristig ist das also keine Option. Wer mit Festgeld vom aktuellen Zinsniveau profitieren will, muss wegen längerer Mindestlaufzeiten bereit sein, monate- oder jahrelang auf sein Geld zu verzichten.

Anleihen können deshalb im derzeitigen Marktumfeld attraktiv sein. Allerdings ist die Anlageklasse traditionell vor allem institutionellen Investoren, also finanzstarken Großanlegern wie Versicherungen oder Pensionskassen vorbehalten. Besonders bei Firmenanleihen gibt es strenge regulatorische Auflagen und hohe Mindestanlagesummen – dadurch ist der Kauf einzelner Anleihen für Kleinanleger zumeist kein Thema.

Blackrock: „Wir machen Investitionen in Anleihen für alle möglich“

Anleihe-ETFs machen die Anlageklasse besser zugänglich und sorgen durch die breitere Streuung der Anlegergelder über ein großes Portfolio an festverzinslichen Wertpapieren für eine bessere Risikoverteilung. Bislang gab es im Vergleich zu einzelnen Anleihen jedoch den wichtigen Unterschied, dass die Fonds kein von vornherein klar definiertes Laufzeitende hatten, an dem Investoren ihr Geld mit einem festkalkulierbaren Ertrag zurückerhalten. Da die Anleihen im ETF-Portfolio unterschiedliche Fälligkeiten haben, laufen immer wieder welche aus, die dann durch neue ersetzt werden müssen. Dadurch entstehen erhebliche Kursrisiken.

Seit vergangenem Jahr gibt es jedoch Anleihe-ETFs mit fester Laufzeit, die berechenbare Erträge und einen klaren Anlagehorizont versprechen. Der weltgrößte Vermögensverwalter und Fondsanbieter Blackrock brachte die Produkte im August unter der Marke iBonds auf den Markt. „Wir machen Investitionen in Anleihen für alle möglich und erschwinglich“, verkündete Blackrock-Manager Christian Bimüller . Die neuen ETFs seien so konzipiert, dass sie wie eine Anleihe feste Fälligkeiten haben und zugleich wie eine Aktie gehandelt werden können.

Experten raten bei iBonds zur Vorsicht

Ob diese Fonds tatsächlich eine Revolution im Markt darstellen, bleibt aber abzuwarten. Der Vergleich mit Festgeld hinkt zumindest etwas. Zwar bieten die ETFs mehr Flexibilität, weil man sie jederzeit an der Börse verkaufen kann. Experten raten dennoch zur Vorsicht. Bei Festgeld komme man zwar kaum vorzeitig an sein Geld, dafür seien die Renditen ähnlich hoch wie bei iBonds – bei deutlich geringerem Risiko, heißt es beim Geldratgeberportal „Finanztip“.