Superschwergewichtler Jello Krahmer will in Paris eine Medaille holen. Auf die Frage, was dafür in der Vorbereitung investiert werden muss, gibt es unterschiedliche Antworten und eine Kontroverse mit dem Verband.
In genau zwei Monaten, am 6. August, würde Jello Krahmer (28) in der Arena Champ-de-Mars unweit des Eiffelturms gerne um eine olympische Medaille kämpfen. Was der Superschwergewichtler (bis 130 Kilogramm, griechisch-römisch) bis dahin benötigt, liegt auf der Hand: eine perfekte, intensive, verletzungsfreie Trainingsphase, mentale Stärke, Zeiten zur Regeneration. Und: möglichst wenige Störgeräusche. Dies zu gewährleisten ist nicht ganz einfach. Denn während Jello Krahmer alles gibt, um in Topform zu kommen, findet hinter den Kulissen ein Ringen der anderen Art statt. Es geht um Geld und die richtigen Worte.
Bundesligist ASV Schorndorf, dessen Kapitän Krahmer ist, hat vor Kurzem eine Spendenaktion gestartet – verbunden mit einem aufrüttelnden Instagram-Post („SOS! Jello in Not! Olympia-Medaillenchance in Gefahr!“). Die Summe, die zusammenkommt, soll dem Ringer dabei helfen, sich optimal auf Paris vorbereiten zu können. „Unserem Verband fehlt, wie den meisten deutschen Sportverbänden, das Geld, um den Kaderathleten durchweg professionelle Betreuung und Trainingsbedingungen bieten zu können“, erklärte Sedat Sevsay, der Stiefvater, Mentor und Heimtrainer von Jello Krahmer, zuletzt gegenüber unserer Zeitung. Es war eine Aussage, die beim Deutschen Ringer-Bund (DRB) alles andere als gut ankam.
Der Verband ist verwundert
Der Verband reagierte mit einer Stellungnahme auf seiner Homepage, in der von „großer Verwunderung“ die Rede ist und auch davon, dass es „keine Finanzierungslücken“ gebe: „Wir möchten in aller Deutlichkeit klarstellen, dass die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen für eine optimale Vorbereitung von Jello Krahmer auf die Olympischen Spiele gesichert sind.“ Auf Nachfrage erklärte DRB-Präsident Jens-Peter Nettekoven, von der Spendenaktion in Schorndorf nichts gewusst zu haben. Und er fügte hinzu: „Diese Aktion rückt den Verband in ein schräges Licht. Kein deutscher Ringer muss Spenden sammeln, um sich auf Olympische Spiele vorzubereiten.“ Das bestätigte Michael Carl. „Durch die Erfolge der Vergangenheit steht uns für den Olympia-Zyklus bis Paris mehr Geld als früher zur Verfügung“, erklärte der Bundestrainer für den griechisch-römischen Stil, „alle Maßnahmen, die wir in den nächsten zwei Monaten für Jello Krahmer geplant haben, sind finanziert.“
Dazu gehören laut Carl unter anderem Trainingslehrgänge in Heidelberg, Saarbrücken und Bulgarien sowie ein internationales Turnier in Madrid. „Dieses Programm ist absolut ausreichend“, sagte er, „wichtig ist aber zugleich, dass Jello Krahmer im Heimtraining weiter an einigen Schwerpunkten arbeitet. Das werden aber keine hochintensiven Einheiten sein, es geht eher um Details.“ Was der Superschwergewichtler und sein Coach offenbar etwas anders sehen.
Ist ein ausländischer Trainingsgegner nötig?
Krahmer und Sevsay wollen einen starken ausländischen Sparringspartner nach Schorndorf einladen und zudem eine alte Lagerhalle oder ein ähnlich geeignetes Gebäude anmieten, um es zur Trainingsstätte umzufunktionieren. Die Kosten (Reise, Unterkunft, Verpflegung, Hallenmiete, Umbau) sollen durch die Spendenaktion gedeckt werden. „Zwischen 15 000 und 20 000 Euro sind nötig, damit Jello Krahmer sich in Bestform bringen kann“, erklärte Sedat Sevsay – und erhielt auch nach dieser Aussage kräftigen Widerspruch.
„Wenn der Bundestrainer der Meinung ist, dass ein Gegner eingeflogen werden muss, wäre das von uns finanziert worden“, meinte BDR-Präsident Nettekoven. Und Carl erklärte: „Ich bin nicht gefragt worden, doch ein Gegner aus dem Ausland ist aus meiner Sicht nicht notwendig, Das Sparring ist abgedeckt. Aber wenn ich ja gesagt hätte, wäre das Geld zur Verfügung gestellt worden.“
Der Bundestrainer sagt: „Wer in Paris fit sein will, darf im Vorfeld nicht überziehen“
Wollen Jello Krahmer und Sedat Sevsay folglich zu viel? Übertreiben sie mit Blick auf die womöglich einmalige olympische Chance des Athleten? „Ich bin ein Freund von Eigeninitiative“, sagte Bundestrainer Michael Carl, „es geht in der Vorbereitung um maximale Intensität, aber auch um optimale Entspannung. Wer in Paris fit sein will, darf im Vorfeld nicht überziehen.“
Die Frage, ob er und sein Athlet übers Ziel hinausschießen, wollte Sevsay nicht beantworten. Am Ende des Ringens um Geld und den besten Plan fürs Training übte er sich in Diplomatie. „Wir haben keinerlei Kritik am Ringer-Bund geübt und auch nicht üben wollen“, sagte er, „es geht uns einzig und allein um eine professionelle, optimale Olympia-Vorbereitung im Heimbereich und eine harmonische Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Wir haben alle dasselbe Ziel – erfolgreiche Olympische Spiele.“ Ob die dafür nötige Ruhe nun einkehrt?