Ein jazziger Wind blies am Wochenende durch die Stadt. Im Pavillon veranstaltete die IG Kultur die Sindelfinger Jazztage, während am Samstag die STB Big Band in der Stadthalle ihr Jahreskonzert lostrat.
Dieses Jazzwochenende war nicht von schlechten Eltern. Immerhin standen mit dem Gitarristen Christoph Neuhaus und dem Saxofonisten Jakob Manz die Landesjazzpreisträger von 2021 und 2022 auf dem Programm des Pavillons in Sindelfingen, ergänzt durch die Bodensee-Groover „Jazz + Rock Kommando“ aus Konstanz.
Seit über drei Jahrzehnten Aushängeschild der Stadt Sindelfingen in Sachen Bigband-Jazz, lockte die STB Big Band zudem über 300 Besucher in die Stadthalle, was sicherlich auch dem Ausnahmetrompeter Chris Mehler geschuldet war. Schließlich hat der ehemalige AEG-Schüler auf seinem Instrument Karriere gemacht. Als Gastsolist der WDR- und der SWR Big Band, Musikhochschuldozent und Spielpartner zahlreicher internationaler Jazzgrößen ist der 31-jährige ehemalige Gärtringer inzwischen ein gefragter Solist.
Jazz zum Anfassen im Pavillon
Rund 60 Besucher sitzen am Freitagabend an den locker platzierten Bistro-Tischen des Pavillons. Die Club-Atmosphäre stimmt schon mal und ist für Jazz zum Anfassen bestens ausgelegt. „Ich mag den Laden total“, lässt der Protagonist Christoph Neuhaus in der Pause denn auch wissen.
Nach fünf Jahren ist er zum zweiten Mal hier. Diesmal in einer komplett neuen Formation mit Martin Sörös (Piano), Jens Loh (Kontrabass), Daniel Mudrack (Drums) und Caro Trischler, die mit ihrer wunderbar facettenreichen Stimme das Publikum sofort im Griff hat. Mit Jazz pur hat der Abend nicht viel zu tun. Dafür sind zu viele Singer/Songwriter-Elemente mit im Spiel, doch auch dem Blues wird gehuldigt. Neuhaus zollt mit einer originellen „Purple Haze“-Bearbeitung sogar Altmeister Jimi Hendrix Tribut. Improvisation und Spielfreude kommen ebenfalls nicht zu kurz. Ein Feuerwerk an unglaublich intensiven Gitarrenriffs und Besucher, die auch nach mehreren Zugaben kaum genug bekommen können.
Groovefabrik vom Bodensee
Das „Jazz + Rock Kommando“ lockt am Samstag ungefähr so viele Gäste in den Pavillon wie Neuhaus am Vorabend. „Wer heute einschläft, muss schon sehr müde sein!“, schmunzelt IG Kultur-Mitarbeiter Pit Bäuerle bei seiner Anmoderation, Und er sollte recht behalten. Die Bodensee-Groovefabrik kommt umgehend auf Hochtouren. Exakt getimte Bläsersätze mit zwei Saxofonen und Trompete sowie feine Sologitarrenlicks und ein alles verbindendes Piano, melodiöses sechssaitiges E-Bassspiel und einfühlsames Trommeln; das kommt richtig gut an! Der Gesamtsound erinnert ein wenig an Blood, Sweat & Tears. Nebenbei erfährt man, dass die Formation 2012 beim Hohentwiel-Festival eben auch Vorgruppe besagter Band war. Der Eindruck des Besuchers Klaus Zimmermann aus Nebringen: „Sehr versiert und toll gespielt und das alles intensiv und dennoch angenehm unaufgeregt!“
Raffinierte Arrangements
Messerscharfe Bläsersätze wehten zur selben Zeit auch den Stadthallenbesuchern um die Ohren. Die STB Big Band scheint trotz fortgeschrittenen Alters noch ungeahntes Entwicklungspotential in sich stecken zu haben. Blitzsauber werden da die raffinierten Arrangements von Bandleader Magnus Mehl in die toll illuminierte Halle geschmettert. Mehl, ebenfalls ehemaliger Landesjazzpreisträger, hat die Truppe spürbar im Griff und seine Handschrift scheinen die Musiker hervorragend lesen zu können. Der Trompeter Chris Mehler war Teil seines Quartetts mit dem er 2020 eine CD veröffentlichte. Die beiden kennen sich also aus dem Effeff, was an diesem Abend in grandiose Duette von Altsaxofon und Trompete mündete. Glückselige Besucher verlassen gegen 23 Uhr die Stadthalle.
Ein Finale der Extraklasse
Am Sonntagabend ist der Pavillon beim „Jakob Manz Project“ schließlich brechend voll. Wer den 21-jährigen Saxofonisten Jakob Manz schon mal erlebt hat, wird wohl auch zum Wiederholungstäter. Was er mit seinen kongenialen Spielkameraden auf die Bühne zaubert, ist denn auch schier unbeschreiblich – Weltklasse! Den jüngsten Landesjazzpreisträger aller Zeiten darf man getrost als Wunderkind bezeichnen. Bereits in Vorschulalter machte er mit seiner musikalischen Begabung auf sich aufmerksam. Doch die gesamte Combo mit Hannes Stollsteimer (Piano), Frieder Klein (6-saitiger E-Bass) und Paul Albrecht (Drums) überzeugt mit fantastischem Zusammenspiel und ebensolchen Soli! Frischer junger Jazz mit komplexen Eigenkompositionen, funky Grooves mit ekstatischen Impro-Ausflügen und unbändige Spielfreude; das war es, was das Publikum außer Rand und Band geraten ließ.
Im Rückblick auf die drei Jazztage konstatierte IG Kultur-Mitarbeiter Klaus Haidle: „Das war ein grandioser Erfolg; wir hatten total verschiedene Musik und jeder Abend war klasse!“. Dem ist nichts hinzuzufügen.