Der Ulmer Trompeter Joo Kraus Foto: Veranstalter

Wo steht der Jazz 2016? Vor dem Festival im Thaterhaus suchen Veranstalter und Musikmanager Werner Schretzmeier und Trompeter Joo Krau nach Antworten.

Stuttgart – - Herr Schretzmeier, Herr Mehl, eines Ihrer Projekte dieses Jahr ist ein Jazz-Poetry-Slam – was kann man sich darunter vorstellen?
Schretzmeier: Solche Kombinationen mit Jazz werden vom Publikum gut angenommen, vor zwei Jahren gab es Jazz und Lyrik. Der Unterschied beim Poetry-Slam ist, dass Redner und Musiker nicht abwechselnd spielen, sondern nun parallel aktiv werden, das läuft ineinander oder stört sich ganz bewusst im kreativen Sinne.
Mehl: Wir gehen spontan auf die Texte ein, auch auf den Sprachrhythmus, und wiederholen zum Beispiel lautmalerisch Worte. Wir spielen tatsächlich mit denen zusammen, das ist ähnlich wie Film- oder Theatermusik.
Hoffen Sie, damit auch die Generation Smartphone zu erreichen, die viele Veranstalter schmerzlich vermissen?
Schretzmeier: Schon Kleinkinder lernen, dass heute auch die entlegensten Klänge des Urwalds sofort verfügbar sind. Deshalb glauben viele, sie wüssten alles und bräuchten sonst nichts. Aber irgendwann kommt vielleicht doch der Punkt, wo man denkt: Beweg dich mal wohin und entdecke selbst etwas! Und der eine oder die andere braucht vielleicht 35 Lebensjahre, um zu merken, dass Jazz emotional berühren kann. Ich habe gar keine Angst vor dem Publikum der Zukunft.
Herr Kraus, Sie haben mit Tab Two schon Ausflüge in den Pop gemacht – wie erreicht man mit Jazz ein größeres Publikum?
Kraus: Mein Vorsatz, mein Credo, mein Anspruch war immer, Menschen zu berühren. Live suche ich immer nach dem Moment, in dem ich Leute anzünden kann. Darauf verwende ich mehr Energie und Zeit als auf das Üben von Skalen; insofern war ich vielleicht nie ein typischer Jazzer.
Wie sehr kollidieren für Sie der künstlerische Anspruch und der Anspruch des Publikums?
Mehl: Heute ist man sehr gut ausgebildet und weiß, dass man flexibel sein muss. Man darf keinen engen Fokus setzen, auch wenn man als Künstler gern nur mal eine eigene Vorstellung verwirklichen würde. Diese Luxussituation gab es ja offenbar mal. Da hat man den Jazzern aber auch Arroganz vorgeworfen, weil sie die Leute nicht mitgenommen haben.
Wie frei waren die Altvorderen wirklich?
Schretzmeier: Der eine oder andere konnte sich den Luxus leisten, auf einer Wolke zu existieren. Aber selbst Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff haben bei den Amis Swing gespielt, Wolfgang war lange als Trompeter mit Marika Rökk unterwegs. Man verdrängt das, aber es gehört dazu zum Erlebniskosmos und Erfahrungsschatz. Und wenn andere im Beisein von Albert über James Last abgelästert haben, dann konnte der fuchsteufelswild werden, denn er kannte Hans Last, hatte selbst mit ihm gespielt und ließ gar nichts auf ihn kommen. Albert konnte sich richtig aufregen, wenn man despektierlich über Unterhaltungsmusik und Kollegen gesprochen hat – obwohl er eigentlich das schlechte Gewissen vieler war, weil er so konsequent sein Ding gemacht hat.
Womit wir bei der unseligen Unterscheidung zwischen E- und U-Musik wären, die es nur in Deutschland gibt und sonst nirgends . . .
Kraus: Meine Vorbilder haben alle in der „Tonight Show“ im Fernsehen gespielt, die Roots und Questlove haben jetzt solche Gigs, das ist in den USA völlig normal.
Mehl: Amerikaner denken nicht so sehr in Schubladen, das ist typisch deutsch. Sie sehen Vielschichtigkeit als etwas Positives. Man kann alles ausprobieren, und solange es auf einem gewissen Niveau ist, wird das respektiert. Das ist positiv für die künstlerische Entwicklung. Bei uns passt jeder früh auf, dass er nicht irgendwo eingeordnet und womöglich schief angeschaut wird.
Kraus: Man führt ja nicht Krieg, sondern macht immer Musik. Einmal hat mich Friede­mann Leinert mit einer guten Gage in seine Tanzband gelockt. Das war ein Ball, und ich dachte: Hoffentlich sieht mich keiner! Aber dann haben wir nachts um eins einen Cha-Cha gespielt, vor mir tanzten zwei 90-Jährige, und ich dachte: So sinnvoll habe ich lange keine Musik mehr gemacht! Beim Abschied des langjährigen Ulmer Oberbürgermeisters Gönner dachte ich auch erst: Was mache ich hier? Aber dann habe ich ein langsames Stück von Piazolla gespielt und gemerkt, dass es die Menschen berührt.
Herr Schretzmeier, Sie haben wiederkehrende Gäste wie Joo Kraus und Wolfgang Haffner – wie wichtig sind Konstanten für ein Festival?
Schretzmeier: Joo und Wolfgang gehören zu denen, die international antreten können und inspirierend wirken auf die nationale Jazz-Szene. Diese Generation tritt ja das nicht leichte Erbe von Leuten wie Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger und Wolfgang Dauner an. Die müssen nun junge Musiker wie Magnus inspirieren, Jazz zu spielen. Der Sog darf nicht aufhören. Ich bin mir inzwischen sicher, dass diese Generation um die 50 das kann. Das ist ein gutes Gefühl.
Herr Kraus, spüren Sie diese Verantwortung?
Kraus: Ich sehe mich nicht in der Tradition, aber die Verantwortung spüre ich schon. Volker Kriegel, Wolfgang Dauner, United Jazz + Rock, das waren unfassbare Typen, so eine klare Kante habe ich nie gehabt und Wolfgang Haffner auch nicht. Wir sind ja die Generation Golf, wir mussten nicht so rebellieren gegen unsere Väter, uns nicht so abgrenzen. Ich war musikalisch immer offen und suche bis heute neue Einflüsse. Ich mache mit dem Bassisten Veit Hübner viel an Schulen, und das gibt mir wirklich Hoffnung, wie viele junge Menschen in Combos und Big Bands spielen, wie sie improvisieren. Denen müssen wir zeigen: Hey, Jazz ist nichts mit Cordhose, wie ich in eurem Alter dachte, sondern ganz schön cool!
Herr Mehl, wo steht der deutsche Jazz?
Mehl: Deutsche Studenten wissen schon, was für ein Künstler sie sind, wenn sie an die Hochschule kommen, und die Lehrer sagen: Hallo, was willst du denn lernen? In den USA ist die Haltung die, dass man Musikmachen auch ohne Hochschule lernen kann, also bringt man den Studenten zuerst etwas bei, was jeder können sollte, und zeigt ihnen dann die große Freiheit. Das wird hierzulande oft als „verschult“ belächelt. In der Konsequenz sind US-Instrumentalisten immer noch deutlich flexibler und handwerklich top, auch wenn Deutschland aufgeholt hat.
In dem Spielfilm „Whiplash“ triezt ein Musiklehrer einen Drummer so, dass der beinahe hinwirft – wie weit darf das gehen?
Mehl: Dieses Gezwungenwerden ist mir in den USA aber viel passiert, und ich habe es als positiv empfunden, denn es gibt ja den Reflex, Dinge abzulehnen, bei denen man sich nicht so sicher ist. Anstatt das einfach zu machen und zu schauen, wo es einen hinführt. Dabei lernt man wahnsinnig viel.
Kraus: Ich habe mich über den Film aufgeregt, als ich drinsaß, aber er hat etwas mit mir gemacht. Als ich nach Hause kam, bin ich in den Keller gegangen und habe noch eine Stunde geübt.
Was bedeutet es, im Theaterhaus zu spielen?
Mehl: Das Theaterhaus ist ein Ort, an dem man Ansprechpartner findet. Ich habe damals einen Brief geschrieben, ob ich spielen darf, und es hat mich gewundert, dass sich jemand gemeldet hat – das passiert nicht oft.
Kraus: Wenn man Jazz an die Leute bringen will, müssen die Typen und der Kontext cool sein. Das sehe ich an meinen Kindern. Das Theaterhaus ist für mich ein cooler Kontext. Manche Festivals setzen auf große Namen, andere auf Experimente, bei denen mir die Sinnlichkeit fehlt. Das Theaterhaus bietet einen guten Mix, vielleicht gar nicht bewusst.
Schretzmeier: Inzwischen schon! (Lacht) Auch im Gesamtprogramm, ich wollte immer Kunst, Unterhaltung und Politik nebeneinander. Als Carlos Santana gefragt wurde, warum er so unterschiedliche Sachen macht, hat er gesagt: „Ganz einfach, ich bestehe aus ungeheuer vielen Interessen.“ Man muss das nur zulassen, dass man im Grunde wie ein Kiosk ist. Das hat nichts damit zu tun, dass man nicht weiß, was man will. Da kann Häme aufkommen, das Theaterhaus wurde früher auch schon als Juxbude bezeichnet. Ich höre aber gerade aktuell von Leuten, auch politisch engagierten, dass sie gerade das Leichte bei uns schätzen, weil man es in solchen Zeiten mehr denn je braucht.
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