Jazztage im Theaterhaus So sexy kann Jazz sein

Von Bernd Haasis 

Sie könnten als Botschafter des Jazz direkt auf Tournee gehen:  Dieter Ilg, Joo Kraus, Wolfgang  Haffner,  Magnus Lindgren und Nils Landgren Foto: Jörg Becker
Sie könnten als Botschafter des Jazz direkt auf Tournee gehen: Dieter Ilg, Joo Kraus, Wolfgang Haffner, Magnus Lindgren und Nils Landgren Foto: Jörg Becker

Festivals können wahre Wundertüten sein – wie die Internationalen Jazztage im Theaterhaus, bei denen über Ostern all jene viel entdecken konnten, die mit offenen Ohren durch die Welt gehen.

Stuttgart - „Die 30. Jazztage im Jahr 2017 werden stattfinden“, das hat Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier schon am Donnerstag gesagt. Rund 6500 Besucher sind gekommen, deutlich mehr als zuletzt, viele Säle waren ausverkauft. „Unser Konzept geht langsam auf“, glaubt er. „Zum einen bieten wir eine gewisse Kontinuität bei den Musikern, zum anderen Dinge wie den Jazz Poetry Slam, bei dem an drei Abenden rund 1000 Zuschauer waren – es macht den Leuten offenbar Spaß, so etwas zu entdecken.“ (ha)

Sieben große Erzähler

Alte Freunde des Hauses führen am Samstag vor, wie sexy Jazz sein kann: Wolfgang Haffner und Nils Landgren feiern Geburtstag, mit fünf anderen großen Musik-Erzählern interpretieren sie Bebop, Balladen und Disco-Funk. Silberne Schirmblüten illuminieren geschmackvoll die Bühne.

„Wolfgang 50, ich 60, das macht 110 – und das ist unser Motto, wir geben immer 110 Prozent“, sagt Landgren auf Deutsch; an der posaune formt er dunkle Melodien. Breit grinsend lässt Haffner sein Schlagzeug zirpen, donnern, klappern, rascheln, und er schlägt Beats, zu denen niemand stillsitzen kann. Kontrabassist Dieter Ilg sorgt mit flinken Fingern und klarem Ton für ein klangvolles Rückgrat, Magnus Lindgren lässt das Saxofon jubilieren und die Flöte singen, Joo Kraus seine Trompete klagen und befreit aufschreiben. Im Verbund erreichen die drei Bläser eine grandiose Klang- und Farbtiefe.

Roberto Di Gioia an Flügel und E-Piano ist der eleganteste Begleiter, den Geburtagskinder sich nur wünschen können, und Vibrafonist Christopher Dell spielt sich in furiosen Soli wiederholt in eine Art Rausch. Er schlägt schneller, als menschliche Augen sehen können – die Klöppel werden unscharf.

„Wolfgang und ich haben fast alles erlebt und noch ein bisschen mehr“, sagt augenzwinkernd Landgren, der viel singt an diesem Abend mit seiner suchenden Phil-Collins Stimme, „Stars In Your Eyes“ etwa oder „Believe Beleft Below“, die Über-Ballade des verstorbenen Esbjörn Svensson. Sie alleine rührt fast stärker an als das gesamte E.S.T.-Programm zum Festival-Auftakt.

Man möchte diesen glorreichen Sieben stundenlang zuhören, die als Botschafter des Jazz auf Tournee gehen und Hallen füllen könnten. Das Publikum im vollen Saal T1 singt „Same Old Story“ aus voller Kehle mit, spendet minutenlang Ovationen und genießt das durchweg positive Gefühl, mit dem es in die Stuttgarter Nacht entlassen wird. (ha)

Pulsierendes Gemisch

Die Musik der Filmkomponisten Nino Rota und Ennio Morricone, voller Lebensfreude und Melancholie, hat einen folkloristischen Kern. Luciano Biondini, Rosario Giuliano, Enzo Pietropaoli und Michele Rabbia verwandeln sie am Samstag in sehr freien Jazz. Biondinis Finger fliegen über die Tasten des Akkordeons, Giuliani entreißt dem Saxofon knappe, clevere Phrasen, Pietropaolis Bass singt dazu. Und Michele Rabbia zeigt sich als gewitzter Minimalist, klappert mit den Stöcken, wühlt perkussiv in ausgestreuten Instrumenten, nutzt um elektronische Effekte.

Melodien aus „La Dolce Vita“, „La Strada“, „Cinema Paradiso“ und „Es war einmal in Amerika“ stehen neben Eigenkompositionen. In der Zugabe überraschen Giuliani und Biondini mit dem Thema aus Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“: Musik, die ein gewaltiges Panorama vor Augen ruft, tritt plötzlich ganz konzentriert auf, mit feinen leidenschaftlich gestalteten Nuancen.

Auch Joachim Kühn (72) geht mit seinem neuen Trio fantastische Wege. Seinen kantigen, zupackenden Melodien antworten die Cellistin Asja Valcic und der indische Tablaspieler Prabu Edouard, ein pulsierendes, farbenprächtiges Weltmusikgemisch entsteht, das mit immer neuen Einfällen überrascht. Der Mann am Flügel, lacht, wirft den Kopf hin und her, versprüht jugendliche Begeisterung – und erzählt, wie er im Theaterhaus auftrat, schon bevor es zu internationalen Jazztagen lud. Nach 30 Jahren entschließt Kühn sich am Samstag, sein Stuttgarter Publikum zu duzen – ein großartiges Ende eines großartigen Abends. (mora)

Jenseits der Schubladen

Musik neu denken – diese hohe Kunst beherrschen auch die beiden jungen Österreicher Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (Violine). Mal schlägt Bartolomey am Sonntag headbangend deftige Heavy-Metal Akkorde aus seinem Cello, das man schon auf Funken wartet, mal entlockt er ihm zupfend Harfiges, mal streicht er entrückte Melodien – während Bittmann neben ihm tänzelt, mit Motive um sich wirft und sein Instrument in den höchsten Tönen singen lässt.

Geschmeidig und rhythmisch ausgefuchst besiedelt das Duo eine Sphäre jenseits stilistischer Schubladen. Immer wieder bewegen sie sich elastisch voneinander weg, um im nächsten Moment in rastlos flirrenden, zweistimmigen Skalen vollständig synchron zu laufen. Kein Schmetterlingsflügel passt zwischen diese beiden klassisch ausgebildeten Virtuosen, die im Geiste Jazzer sind und im Herzen Rock’n’Roller. (ha)

Feines Vorspiel, wilde Party

Mit fein gewobener Trio-Musik weitab des Mainstreams beginnt der Sonntagabend im vollen T1: Der israelische Pianist Shai Maestro improvisiert in dichtem, lyrischem Fluss, sehr melodisch und klar, mit flirrendem ­Anschlag, begleitet von Jorge Roeder am Bass und Ziv Ravitz am Schlagzeug – ein virtuoses Vorspiel zur wilden Party, die dann folgt. Denn während Shai Maestro ein kleineres, enthusiastisches Jazz-Publikum begeistert, verwischt Lisa Simone die Grenze zum Pop und reißt die Menge mit.

Sie fordert ihr Publikum auf, für Stücke Daumen zu heben oder zu senken. Aber jeder würde dieser energiegeladenen Frau jeden Song abkaufen. Spät singt sie Leonard Cohens „Suzanne“ als schnellen Soul-Funk – und es funktioniert. Die Tochter von Nina Simone, 53 Jahre alt, trat in Broadway-Musicals auf; nun steht sie regungslos am Mikrofon, breitet die Arme aus, füllt mit ihrer großen Stimme den Saal. Hervé Samb spielt Akustik-Gitarre mit hartem Schlag und vielen Effekten, Reggie Washington am Bass und Sonny Troupé am Schlagzeug feiern mit. (mora)

Kränze aus Worten

Poetry Slams, Wettstreit mit Versen, sind extrem populär. Sie bescheren der Lyrik Aufmerksamkeit unterhalb der Bildungsbürgerschwelle und ziehen an drei Abenden junges Publikum ins Theaterhaus zu einem Experiment: Vier Musiker reagieren in Echtzeit auf die Texte der Dichter. Die sind Twentysomethings, alle bereits arriviert in ihren Kreisen und sehen aus wie direkt vom Sofa. Tatsächlich lümmeln sie in einer Sitzgruppe, während Conferencier Thomas Geyer, in Stuttgart eine treibende Kraft in Sachen Poetry Slam, geschmeidig durch den Abend führt.

Die selbstreflexive Jule Weber bezeichnet sich selbst als „Ein-Mann-Theater“, ihren Text als „Fassade“. Beim Blick in den Spiegel kann „der eigene Anblick genug des Guten“ sein – oder eben „zuviel“. Tino Bomelino schreibt „über Dinge, von denen ich nichts verstehe“, etwa Makler: „Provision, aber keine Vision – was für ein Job!“ „Mach doch mal was zu Ende!“, fordert Toby Hoffmann in einer Ermahnungskette, er sagt auch: „Ich werfe keine Steine – jedenfalls nicht den ersten.“ Zum Rap tendiert Jason Bartsch, wenn er Alt („So jung kommen wir nicht mehr zusammen“) gegen Neu („Nice, Alter!“) hält. Ein großer Sprachspieler ist Max Kennel, er windet Kränze aus Worten um Gewitterstimmungen und den abgründigen Glanz eines festlichen Balls.

Die Jazzer lautmalen, unterstreichen, täglich souveräner. Was ihnen einen liebevollen Text Bomelinos nicht erspart, der findet, die Tuba (Eberhard Budziat) klinge „wie eine „Magenverstimmung“, das Saxofon (Magnus Mehl ) sei der „nervige Bruder der Flöte“, der Bass (Sebastian Schuster) „wie eine Gitarre, nur ohne den Respekt“ und das Schlagzeug (Andreas Fickelscher) das Instrument, das „man durch einen Drum-Computer ersetzen kann“. Das Publikum jedenfalls hat das Programm goutiert – Experiment geglückt. (ha)

Offenheit auf beiden Seiten

Dass Jazz ein Generationenprojekt ist, zeigen exemplarisch Wolfgang Dauner (80) und sein Schlagzeug spielender Sohn Florian (45). Sie haben sich einander angenähert, 2014 ein gemeinsames Album veröffentlicht. Am Karfreitag beim Festival begleitet der Vater den Sohn, wenn er coole, Beats ausspielt, unterstützt der Sohn den Vater, wenn er am Flügel lyrische Klassiker wie „Wendekreis des Steinbocks“ zur Entfaltung bringt.

Offenheit auf beiden Seiten haucht dem Jazz neue Lebenskraft ein. Dessen Freunde dürfen sich schon auf Ostern 2017 freuen.

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