2000 gestorben: „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt Foto: dpa

Noch bis März 2016 zeigt das Kunstmuseum Stuttgart die Schau „I Got Rhythm – Jazz und Kunst seit 1920“. Für einen Tag wandelte sich das Haus jetzt in eine Bühne für eine Hommage an den „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt.

Stuttgart - Der Engagierte

„Das hat mit Kunst überhaupt nichts mehr zu tun“, sagt eine Stimme. Sie gehört Theodor W. Adorno, sie hallt wieder und wieder, hüpft von einem Lautsprecher zum anderen, wird Teil der Performance. Die freilich huldigt nicht dem Frankfurter Philosophen, sondern seinem schärfsten Gegner in der Sache des Jazz, Joachim-Ernst Berendt.

Berendt (1922-2000) war der leidenschaftlichste Befürworter des Jazz; er war mehr als 40 Jahre Redakteur beim SWR Baden-Baden, Verfasser eines Standardwerks, der Bibel seines Genres, ein Jazz-Papst, Botschafter der Weltmusik und des transzendenten Hörens ganz zuletzt. Für ihn war Jazz eine Schule der Aufmerksamkeit – für Adorno, man erinnert sich, das Gegenteil: ein Produkt der Kulturindustrie, dazu bestimmt, die Massen einzuwickeln, zu verdummen. „Pseudoindividualismus“, nörgelt der Theoretiker. „Das ist das Ende aller Musik“.

Militär gegen Jazz

„Reinventing J. E. B - ein Jazzpapst wird remixt“ heißt der dritte Konzertabend der Reihe, die die Ausstellung „I got Rhythm - Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum begleitet. Der Sounddesigner Martin Ruch, die beiden Vokalisten Andreas Schaerer und Michael Schiefel spielen mit Klängen, Stimmen, Rhythmen und den O-Tönen der Jazz-Kontroverse zwischen Berendt und Adorno. Ihre Performance ist verblüffend, äußerst abwechslungsreich, abenteuerlich und sehr humorvoll. Der Jazzfeind Adorno wird hier einmal gründlich veräppelt – schlimmer noch: Er findet sich wieder in Gesellschaft von Leserbriefschreibern, die dem SWR der Nachkriegszeit in übelstem Ton zusetzten, weil sie den Jazz für ganz verwerflich hielten: „Wir lassen uns das nicht mehr bieten, und wir sind in ansehnlicher Zahl!“, tönt es. „Wenn wir erst wieder Militär haben...“ Ja, dann wäre Schluss mit Lustig. Man hört, wie Berendt, im Rundfunk, diese Briefe heiter in Stücke riss.

Brücken zur Weltmusik

Der Auftritt von Ruch, Schiefel und Schaerer widerlegt Adorno ganz von selbst: denn er ist unterhaltsam, ganz ohne Unterhaltungsmusik zu sein. Jeder Schlagerfreund würde hier ausrufen: „Kunst!“ – und die Flucht ergreifen. Martin Ruch sitzt mittig an seinem Instrumentarium, Andreas Schaerer und Michael Schiefel, preisgekrönte Jazzvokalisten beide, spielen sich im elektronisch verbundenen Klangraum ihre Stimmen zu – harsche, schnelle Beat-Box-Rhythmen, überraschend schöne Gesangsmelodien, wütend ekstatische Schreie. Ihr Auftritt ist Dialog, Improvisation, pantomimisches Körperkonzert, eine gewaltige Palette vokaler Techniken und Ausdrucksformen; sie suchen nach den afroamerikanischen Wurzeln des Jazz, spielen mit den Elementen von E-Musik und Avantgarde, scheinen fremde Sprachen zu sprechen, schlagen Brücken zur Weltmusik.

Und sie greifen an. Andreas Schaerer schreitet dem Publikum entgegen und sagt, immer wieder, in bedrohlich komischem Ton: „Haben wir einen Jazzgegner hier?“ Michael Schiefel windet sich daneben, röchelt, würgt, will sich beinahe übergeben. Jazzfeinde jedoch zieht es nicht in ein Museum, das dieser großen Musik huldigt und sie neben die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts stellt. Hans-Joachim Berendt spottet von Ferne noch über die „Adornoitis der moderen Wissenschaften“ – Andreas Schaerers Stimme wird derweil zum Flügelhorn, Michael Schiefel verwandelt sich in einen Kontrabass, ein wunderbares Trio entsteht – und der Jazzfreund ist glücklich.

Die Schau „I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ ist im Kunstmuseum Stuttgart noch bis zum 6. März zu sehen. Mehr: www.kunstmuseum-stuttgart.de

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