Das Peter Lehel Quartet – Träger des Landesjazzpreises – ehrt den im vergangenen Jahr verstorbenen Schriftsteller mit jazzigen Noten in der gut gefüllten Schönaicher Zehntscheuer.
Es hat sich unter den Jazzfans herumgesprochen, dass man es sich nicht entgehen lassen sollte, wenn die Kontrabassistin Judith Goldbach zusammen mit der Musikschule Schönaich mit Jazz vom Feinsten auffährt. Das passiert derzeit dreimal jährlich, und die Bassistin nutzt ihre Kontakte zur Szene, zu der sie und ihr Mann Andreas Francke letztendlich ja selbst gehören. „Es ist schön, auch mal auf der anderen Seite zu stehen“, sagt sie und meint damit: lauschenderweise im Publikum und nicht auf der Bühne. Diesmal gastierte das Peter Lehel Quartet angesagt – mit einem sehr besonderen Abend.
Im Jahr 1997 mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet, sowie mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik, gehört Lehel längst zur Crème de la Crème der deutschen Jazz-Saxofonisten. Neuland betrat er mit seinen CD-Aufnahmen zu „Paul Auster Jazz“. Inspiriert von den Romanen, Erzählungen und Personen des 2024 verstorbenen amerikanischen Autors, widmet Peter Lehel diesem sein aktuelles Werk. Und das beginnt in der Zehntscheuer mit „Mr. Vertigo“.
Zu Beginn kommt ein lyrisch-flächiges Piano/Bass Intro von Ulli Möck und Dirk Blümlein, bevor Lehel mit warmem Tenorsax-Ton und einer Lehel-typischen Phrasierung den bunten Reigen eröffnet. Jakob Dinnebier an den Drums sorgt für die rhythmische Würze. Die musikalische Umsetzung Austerscher Gedanken ist auch in den Folge-Nummern hörbar, nicht zuletzt, weil Lehel erklärt, was den einzelnen Stücken zugrunde liegt. Nach „Kitty Wu’s Moon Palace“, „Quinn“, „Jim Nashe Blues“ und „Blue Smoke in the Face” verabschiedet sich das Quartett kurz vor der Pause von Auster.
Mit allen Saxofon-Wassern gewaschen
Bis dahin fällt optisch die entspannte, ruheausstrahlende Körperhaltung Lehels und Dinnebiers, sowie die bewegungsreich-mimische und lächelnde Kommunikation zwischen Möck und Blümlein auf; musikalisch die über die Tasten tanzenden Finger Möcks, die innovativ-harmonische Verbindungen schaffen. Lehel lässt seine „Kanne“ die Geschichten erzählen mit gelegentlichen aufschreienden High Note-Licks, die er spielerisch intoniert. Und dann plötzlich, wie aus dem Nichts auftauchende haarscharfe Unisono-Phrasen der vier Akteure, sowie zwischendurch ein zärtlich bis treibendes Sopransax-Solo. Blümleins facettenreiche melodiöse Basslinien erinnern bisweilen an den Weather Report- E-Bass-Virtuosen Jaco Pastorius (1951-1987).
Dinnebier stellt sich ganz in den Dienst von Lehels Kompositionen, unaufdringlich, filigran und technisch versiert. Lehel selbst ist mit allen Saxofon-Wassern gewaschen und es gibt kaum Luft nach oben, einfach nur schön mit einer strahlenden Dynamik vorgetragen.
Es bleibt nicht bei einer Hommage an Auster; man erweist dem großen Jazz-Saxofonisten John Coltrane (1926-1967) die Ehre. „Trane’s Mood“ beginnt mit Solo-Sax, effektvoll in den aufgeklappten Flügel geblasen. An der Schwebestimmung mit nachfolgender dichter Intensität und Lehels Klappenakrobatik hätte Coltrane vermutlich seine helle Freude gehabt. In Anlehnung an Coltranes „Naima“ hat Lehel „Anima“ für seine Tochter geschrieben, eine wunderschöne Ballade mit expressivem Piano-Solo. Mit voller Schubkraft beendet „Der Husarenritt“ den rund zweistündigen Konzertabend – fast. Bei soviel Klasse hat das Publikum auch noch ein Wörtchen mitzureden. Den „Celebration Blues“ und „Loosing My Mind“ haben die Vier als Zugaben noch im Köcher. Diese stammen wie alle anderen Stücke aus der Feder Lehels.