Tanzbarer Jazz: Markus Bodenseh, Markus Birkle, Adn.Y und Oli Rubow (v. l. im Uhrzeigersinn) im Bix Foto: Jörg Becker

Wenn das Stuttgarter Jazz-Trio Netzer mit dem Gast And.Y – dem für die Begleitmusik zuständigen Viertel der Fantastischen Vier – um tanzbare Loops eine unerhörte Form des Disco-Punk aufziehen, müssen selbst Bewegungsverächter mitwippen.

Stuttgart - Als hätte sich kollektiv ein Schalter in den Köpfen umgelegt, brodelt es plötzlich am Samstagabend im Jazzclub Bix: Nicht nur ums Zuhören, sondern ums Mitmachen geht es beim Auftritt des Stuttgarter Jazz-Trios Netzer mit dem Gast And.Y, dem für die Begleitmusik zuständigen Viertel der Fantastischen Vier. Wenn diese Vier um tanzbare Loops eine unerhörte Form des Disco-Punk aufziehen, können selbst hartgesottene Bewegungsverächter nicht anders, als mitzuwippen.

Hinter einem Pult mit analogem Korg-Synthesizer und viel Kabelei beginnt And.Y alias Andreas Rieke, auch ein Stuttgarter, den Netzer-Song „Miniloop“ mit einer wuchtigen Klangschleife, zum dem die virtuos ausformulierten ­Arpeggios von Gitarrist Markus Birkle ebenso passen wie der beharrlich pumpende Bass von Markus ­Bodenseh und die aus der elektronischen Tanzmusik ins Analoge zurückgeholten Beats von Drummer Oli Rubow.

Bei einem Stück von Rieke, „das wir beim Proben in seinem Studio auf seinem Rechner entdeckt haben“ (Bodenseh), entfalten Netzer nicht zum ersten Mal an diesem Abend ein sehnsuchtsvolles West­coast-Feeling. Auch Fusion, Funk und Rock verschmelzen in der dynamischen Darbietung der Band, der And.Y den Klangraum tapeziert mit grollenden, zirpenden, ­zischenden Elektro-Sounds.

Der elektronische Rahmen hemmt den Jam des Trios kein bisschen

Bemerkenswert, dass Netzer überhaupt an diesem Abend konzertieren, während parallel bei der Fußball-EM eine frisch aufspielende englische Mannschaft sich gegen bräsige Russen ein Unentschieden zuzieht. Das Trio benannte sich während der WM 1998 nach Ex-Nationalspieler Günther Netzer „wegen seiner genialen Kommentare“ (Birkle). Das Netzer-Debütalbum hieß „Pressing“ (2000), der Nachfolger „Mailand, Madrid“ (2008) erinnerte an eine Aussage des Weltmeisters Andy Möller („Hauptsache Italien“) – und an unterhaltsamere Zeiten, als noch nicht jeder Spieler ein Rhetorik-Seminar besucht hatte.

Beim etwas anderen Heimspiel im Bix nun entsteht nie der Eindruck, als würde der elektronische Rahmen des Gastes den Jam des Trios hemmen, das jedes Mal anders aufspielt – auch wenn Rubow streckenweise mit Kopfhörer-Klick spielt. Birkle, schon lange Tour- und Studio­Gitarrist der Fantastischen Vier, war schon immer ein Forscher, der dem Singen, Kreischen, Perlen seines Instruments nachlauscht. Und er hat den Blues wiederentdeckt, dem mit samtenem Ton frönt. ­Bodenseh bedient zwischendurch einen Moog-Synthesizer, der die Klangräume der 1970er wieder heraufbeschwört. In deren kosmischen Dimensionen wurde auch die technoide Ästhetik analoger Synthesizer-Schleifen geboren, die Rieke und Rubow sehr unterschiedlich, aber doch gemeinsam in die Gegenwart holen.

Tosender Applaus ist der Lohn nach einem Konzertabend der Grenzüberschreitungen, der im weiteren Sinne letztlich eben doch war, wofür der Ort steht: Jazz.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: