Tom Jones, die große Stimme aus Wales, bei den Jazz Open: fit wie in seinen alten Hitparadentagen. Foto: Reiner Pfisterer

Schon in den Sechzigerjahren hat Tom Jones die Hitparaden gestürmt. Die Jahre haben ihn keinesfalls leiser gemacht. Bei den Jazz Open in Stuttgart legt der 77-jährige Sänger einen großen Auftritt hin.

Stuttgart - Vor einem halben Jahrhundert führte Tom Jones die Hitparaden an. Er sang in Las Vegas, trat mit Elvis Presley auf. Er bot glitzernde Schmachtfetzen mit großer Stimme, schwärmte von Delilah und den grünen Gras der Heimat. Burt Bacharach schrieb ihm Lieder auf den Leib, die die Damen der Welt aufforderten, sich zu bedienen. Brusthaar quoll urwaldgleich aus seinen offenen Hemden; sein Verschleiß an Groupies war so legendär wie sein unverkennbarer, geschmeidiger Bariton. In den späten achtziger Jahren kehrte er zurück, coverte Prince, coverte die Talking Heads, landete erneut einen Hit nach dem anderen. Am Samstagabend füllen 3500 Besucher den Schlossplatz nur zu etwas mehr als der Hälfte - sie erleben die große Stimme aus Wales, das männliche Sexsymbol der sechziger Jahre, in bester Altersform: Ein Mann, der souverän und lässig auftritt, sich jenseits aller Moden als Grandseigneur des Pop beweist. Jones ist 77 Jahre alt; seine Energie scheint sich nur mehr verdichtet zu haben, er strahlt noch heller.

Neun Musiker stehen hinter ihm, spielen mit großem Druck, zupackend; Jones singt fast alle seine großen Erfolge, streunt die Straße der Erinnerung hinab, sucht nicht nur große Momente seiner eigenen Karriere wieder auf - aber er tut es ohne jede Sentimentalität, lässt alle seine Lieder neu klingen. Tom Jones, ein Mann mit weißen Haaren, lächelt verschmitzt.

Blues, Gospel und erotische Raserie

Der Blues wird seine Rolle spielen an diesem Abend. Er beginnt mit einem zornigen, stampfenden Klassiker von John Lee Hooker, „Burning Hell“; der junge Gitarrist Scott McKeon, lässt die Seiten scharf und trocken knallen. „I’m going down to the Crossroads“, singt Tom Jones mit voller, gespannter Stimme, sein Blick geht geradeaus. Er steigt ein in sein Konzert mit Stücken, die in seine eigene Jugend zurückführen, zu seinen Wurzeln, singt zwischendurch Randy Newmans „Mama told me not to come“, huldigt dem Rhythm 'n' Blues und dem Gospel, den auch sein alter Freund Elvis schätzte. Geht er dann über zu „Sexbomb“, dem Riesenhit, den der deutsche Produzent Mousse T. 1999 für ihn schrieb, beginnt er seine erotische Raserei langsam und andächtig, gerade so, als verrichte er da ein Gebet.

Tom Jones hat eine starke Band mit nach Stuttgart gebracht, die seine Hits stilsicher in die Gegenwart holt. Scott McKeon wechselt zum Banjo, wechselt zur akustischen Gitarre, wenn Jones „It’s not unusual“ singt, das Stück, das ihn berühmt machte, mit dem er 1965 monatelang den ersten Platz der Hitparade besetzte, unter das sich nun flott ein lateinamerikanischer Rhythmus legt. Beim Countryhit „The green green Grass of Home“ leuchtet die Bühne in tiefem Grün; das Schlagzeug von Gary Wallis steht quer zu ihr, das Publikum sieht den Drummer im Profil vor diesem Gleißen sanft den Rhythmus schlagen, und McKeon lässt die Steel-Guitar weinen. Notenblätter treiben über die Bildwände im Rücken des Sängers, Rosen explodieren, als Tom Jones „Delilah“ singt, auch in Deutschland die Nummer Eins für viele Wochen, vor 49 Jahren - hier klingt die Gitarre dramatisch, schneidend, und ein Akkordeon umtanzt nun die Stimme.

Vor einem Meer aus Kerzen

Das Akkordeon hat seinen Auftritt auch bei „What’s new Pussycat“, Tom Jones sang es für Woody Allens gleichnamigen Film - in Stuttgart wird er bei diesem trunken schunkelnden Liebesgeständnis sonst nur von McKeons akustischer Gitarre begleitet. Ganz sparsam instrumentiert kommt auch der Song daher, den Jones sich von Leonard Cohen lieh, Gebet des alten Sängers, der Hank Williams husten hört, einhundert Stockwerke über ihm, im „Tower of Song“: nur die leise gezupfte Gitarre zuerst, der vorsichtige Bass, dann eine Melodie, wenige Noten auf dem Keyboard. Im Hintergrund ein Meer aus Kerzen; weit vorne Tom Jones, der die Arme ausbreitet, Cohens Lakonie in Pathos verwandelt.

Aber die Nacht kommt, die Zeit zu beten ist vorbei. Noch einmal bedient Tom Jones sich bei Randy Newman - „You can leave your Hat on“ kennt man vor allem in der Interpretation von Joe Cocker, und ihr hat Jones die schweren Bläsersätze fraglos abgeschaut. „If I only knew“ ist ein weiterer Jones-Hit aus den frühen Neunzigern, zieht das Tempo noch mehr an, verwandelt die kleine Zeitreise in eine große Tanzparty. In der Zugabe schließlich kommt, lange vorbereitet von einem funkigen Gitarren-Intro, „Kiss“ von Prince. 1988 brachte dieser Song für Tom Jones das große Comeback - nun singt er es noch einmal: „You don’t have to be rich to be my Girl.“ Er verabschiedet sich mit einem Spiritual, geht noch einmal weit zurück, in der Geschichte des Rock 'n' Roll - bei „Strange Things happening everday“ spielt auch das weiße Sousaphon mit, stampft die Bühne und stampft das Publikum den schnellen Rhythmus.

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