Der Harry Potter des Rockpopjazz: Jamie Cullum weint in Stuttgart Freudentränen. Foto: Reiner Pfisterer

Wie es ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, haben Norah Jones und Jamie Cullum gezeigt. Der Europapolitiker Rainer Wieland muss dagegen noch üben, meint Lokalchef Holger Gayer.

Stuttgart - Die Nachricht der Woche kommt von Rainer Wieland: Helmut Kohl ist tot! Und Wieland, dieser Rainer-Dampf-in-allen-Gassen, war tatsächlich dabei, als „einer der wichtigsten Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts“ mit einem „bisher einzigartigen Staatsakt“ gewürdigt wurde.

Diese Depesche des Stuttgarter CDU-Europaabgeordneten erreichte seine Adressaten per E-Mail bereits am vergangenen Mittwoch. Man muss sich das mal vorstellen: Nur elf Tage nach dem Ereignis, das am 1. Juli 2017 stattgefunden hatte, erfährt das Volk von seinem Vertreter, was geschehen ist: „Politiker und Interessenvertreter aller Gesinnungen kamen zusammen, um sich gemeinsam von einem Europäer zu verabschieden, der als Protagonist der Wiedervereinigung und Kämpfer für Frieden und Demokratie unseren Kontinent gestaltete. Europa ist ein Friedensprojekt, zu dem Helmut Kohl sein Leben lang einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Nicht nur dafür bin ich sehr dankbar, sondern auch für die Einladung zu diesem historischen und vereinenden Staatsakt.“

Es ist alles gesagt, und jetzt auch von jedem

Mit diesen Worten hat Wieland unter dem Motto „Es ist alles gesagt, und jetzt auch von jedem“ nicht nur einen beeindruckenden Arbeitsnachweis erbracht, sondern darüber hinaus belegt, dass die elektronische Post in puncto Schnelligkeit eine echte Chance gegen den berittenen Boten hat. Vielleicht ergattert er mit dieser Leistung sogar ein Plätzchen in einem der Jahresrückblicke, die zeitgleich mit der Wiederkehr der Schoko-Weihnachtsmänner nach den Sommerferien auf Sendung gehen werden. Wir drücken ihm die Daumen!

Wie es dagegen ist, wirklich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, davon können Norah Jones und Jamie Cullum ein Lied singen. Bei den Jazz Open haben die beiden in einem Wahnsinnskonzert den Ehrenhof des Neuen Schlosses in ein Himmelbett der Musik verwandelt. Unfassbar, was Menschen mit Tönen anstellen können. Und als Cullum, dieser Harry ­Potter des Rockpopjazz, inmitten seines Zaubers plötzlich selbst Freudentränen weinte, beschied er dem Publikum: This is because of you. Das ist wegen Euch.

Die Kultur bemächtigt sich der historischen Orte

Merkwürdigerweise wird man auch ein paar Tage später das Gefühl nicht los, dass der Kerl das ernst gemeint hat. Und allmählich wird einem wieder bewusst, was inzwischen in dieser Stadt samt ihren Trabanten passiert: Die Kultur bemächtigt sich der historischen Orte, macht sie zugänglich und gibt sie den Menschen zurück. Die Jazz Open ziehen mit Leuten wie Tom Jones und Bob Geldof in die Höfe des Neuen und des Alten Schlosses ein, Haindling und Barclay James Harvest (ja, die gibt’s auch noch!) folgen am kommenden Wochenende auf der Burg in Esslingen, Silbermond und Andreas Bourani geben sich danach im Hof des Ludwigsburger Schlosses die Ehre. Dazwischen tanzt Eric Gauthier in der Wilhelma, und bereits am heutigen Samstag zelebriert das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele auf der Wiese des Seeschlosses Monrepos sein Klassik-Open-Air mit anschließendem Feuerwerk.

Was ein besonderer Ort mit einem Menschen macht, hat ein gewisser David Gilmour vor einem Jahr kundgetan. Er wolle nur noch an magischen Flecken konzertieren, sagte der Gitarrist von Pink Floyd. Danach spielte er drei Stunden lang auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

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