Das New Yorker Trio Moon Hooch – Wenzl McGowan, Mike Wilbur und James Muschler (von links) – brachte am Samstag das Bix zum Kochen Foto: Opus /Peter Steinheißer

Besucherrekord: Im 25. Jahr steht das Festival Jazz Open so gut da wie noch nie. Eine Schalte ins All und ein spektakuläres Finale auch im Bix waren nur die Krönungen eines stimmigen Programms.

Stuttgart - 45 000 Zuschauer, 99 Prozent Bühnenauslastung: Im 25. Jahr ist das Festival Jazz Open erfolgreicher denn je. Einen echten Coup hatte es beim Kraftwerk-Konzert am Freitag zu bieten mit der Live-Schalte ins All zur internationalen Raumstation ISS und dem deutschen Astronauten Alexander Gerst – eine Weltpremiere und ein kleines technisches Wunder. Denn die Verzögerungen in der Bild- und Tonübertragung wurden trickreich ausgeglichen, und es wirkte so, als nähme der Mann im All in Echtzeit, im Rhythmus der elektronischen Rhythmen, am Konzert der deutschen Elektropioniere teil.

Neben den zahlenden Zuschauern konnten erstmals auch viele andere eintrittsfrei an den Jazz Open teilhaben. Die freien Bühnen mit lokalen Jazz-Größen im Stadtpalais oder im Musikpavillon haben sich schon im ersten Jahr bewährt und verdienen es, fortgeführt zu werden. Rund 80 000 Menschen verfolgten zudem die erstmals eingerichteten Live-Streams von den Club-Bühnen. „Wir suchen Partner, um mehr als einen Stream gleichzeitig anbieten zu können“, sagt der Festival-Leiter Jürgen Schlensog, der nicht glaubt, dass ihn das Zuschauer vor Ort kosten wird: „Das Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen.“

Der Charme der Plätze

Festivals definieren sich maßgeblich über Orte. Die Jazz Open haben den ihren am Schlossplatz gefunden: mit der Pop-Bühne vor dem Neuen Schloss und der Jazz-Bühne im atmosphärischen Innenhof des Alten Schlosses. Der Stuttgarter Jazzpianist Wolfang Dauner, 82, schafft am Freitagnachmittag überdies, was sonst nur an den ganz hohen Feiertagen gelingt: Die katholische Domkirche St. Eberhard in der Königstraße, zum zweiten Mal Festival-Schauplatz, ist voll bis auf den letzten Platz. Der Stadtdekan Christian Hermes liest zwei Bibelstellen und hat auch das Pfingstwunder ausgewählt, das daran erinnert, dass die Menschheit heute nur eine einzige universelle Sprache kennt: die Musik.

Dauner greift in die Tasten, seine Moll-Fantasie „Drachenburg“ erfüllt das Kirchenschiff, die perlenden Arpeggios von „Wendekreis des Steinbocks“, die Fusion-Energie von „Trans Tanz“. Der Applaus ist groß nach einer Stunde, die Domkirche wird dem Festival erhalten bleiben. Jürgen Schlensog indes hat schon den nächsten spektakulären Spielort im Blick: „Wir arbeiten daran, in Zusammenarbeit mit der Oper Stuttgart einen Abend im Opernhaus zu realisieren“, sagt er. „Ich bin mit dem neuen Intendanten Viktor Schoner bereits in guten Gesprächen.“ Allerdings wird es nicht ganz einfach werden, kurz vor der Sommerpause 2019 einen Termin zu finden: Da es kein Fußballturnier gibt, finden die Jazz Open wieder eine Woche früher statt, vom 5. bis zum 14. Juli.

Rauschhaftes im Bix

Im Jazzclub Bix gibt es beim Festival immer viel zu entdecken. Den israelischen Kontrabassisten Omer Avital etwa mit seinem Quintett, dessen knackiger Modern Jazz sich durch fein eingewobene nahöstliche Einflüsse abhebt, harmonische wie rhythmische. Oder die Echoes of Swing, die am Freitag nicht nur ihrem eigenen Namen alle Ehre machen, sondern auch dem des Clubs: Zwei Stücke des US-Kornettisten Bix Beiderbecke (1903–1931) hat das nach alter Schule fröhlich swingende Ensemble im Programm, das auch dem letzten Griesgram ein Grinsen ins Gesicht zaubern könnte.

Der Knüller dieses Festivaljahres aber lässt diesmal bis zum letzten Bix-Abend am Samstag auf sich warten: Das New Yorker Trio Moon Hooch (übersetzt etwa: schwarz gebrannter Fusel) bietet eine einstündige Performance von unglaublicher Intensität, die das stehende, überwiegend jüngere Publikum förmlich einsaugt. Grundiert mit funky HipHop- und Techno-Beats, inszeniert das Trio eingängige, mitunter durchaus satirische Mitwipp-Hymnen, die es sehr unaufdringlich mit komplexen Jazz-Elementen auflädt. Ein rauschhafter Zustand breitet sich nach wenigen Minuten aus im Bix, auf der Bühne wie davor.

Die Saxofone brüllen, sprechen und kreischen

Die Saxofonisten Mike Wilbur und Wenzl sind unter Dauerstrom, finden aber trotzdem Zeit für Rapper- und Rockstar-Posen. Sie wechseln sich ab, einer übernimmt die pulsierenden Bass-Lines, manchmal am Moog-Synthesizer, der andere die Lead-Stimme und die Improvisation. Die Saxofone brüllen, sprechen, kreischen und grollen, in den klug gesetzten Verschnaufpausen wiederum singen sie lyrisch. Der ultragelenkige Drummer James Muschler ist ein Polyrhythmiker, er wirbelt mit der Präzision eines Uhrwerks, schüttelt übergangslos stilisierte HipHop-, Techno- und Metalbeats aus den Handgelenken und platziert jeden einzelnen Schlag genau da, wo er hinmuss.

Da ist sie, die nächste Generation des Jazz, die den Klang von morgen schon heute nach Stuttgart gebracht hat.

Fernsehen Der SWR zeigt am 18. August um 22.35 Uhr eine 90-minütige Festivaldoku. Im Fokus: Jamie Cullum, Joss Stone, Gregory Porter, Till Brönner, Jamiroquai und die Fantastischen Vier.
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