Auch im Corona-Sommer gibt es im Theaterhaus viel Kultur zu erleben. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kann Jazz politisch sein? Das beweisen die Herren Eberhard Budziat, Magnus Mehl und Hans Fickelscher beim Konzert im Innenhof des Stuttgarter Theaterhauses.

Stuttgart - Der Schlagzeuger Hans Fickelscher lässt die Becken metallisch zischen, während aus Eberhard Budziats Tuba ein tiefer Ton wie eine mächtige Schiffshupe dringt, ein Ton, der mittels Zirkularatmung ins Unendliche zu reichen scheint.

Das Fundament ist gelegt für Magnus Mehls fantasievolles Saxofonsolo, das mit seinem klaren eindringlichen Ton in den Abendhimmel hinaufsteigt wie ein großer Vogel. Nun wird aus dem Dauerton der Tuba eine schaukelnde Bassfigur, und der sich in den Hüften wiegende Perkussionist inszeniert dazu einen quicklebendigen funky Rhythmus. Das Konzert des Trio Blastonal am Samstagabend im Innenhof des Theaterhauses, der sich mit Klinker und Efeu als rot-grüne spätsommerliche Konzertkulisse präsentiert, beginnt. „Unser Jazz“, sagt Budziat, der die meisten Stücke geschrieben hat, „soll nicht wie ein Rostbraten verkonsumiert werden. Er soll politisch sein.“

Es geht um Klimawandel und Diversität

Geht das? Kann Jazz politisch sein? „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, dessen Vater im KZ Dachau starb, weil er den Hitlergruß verweigert hatte, bejahte diese Frage einst kategorisch. Aber er wusste selbst, dass der swingende Jazz in den USA vor allem der Unterhaltung diente, bis der Bebop in den 1940-er Jahren ihn zur Konzertmusik gemacht hat. In den wilden Sechzigern dann zertrümmerte er unter dem Namen Free Jazz musikalische Ordnungen und reflektierte damit gesellschaftliche Umbrüche.

Budziat geht es auch ums große Ganze, um Klimawandel und Diversität. „Refugees Welcome“ etwa heißt eine orientalisch angehauchte Nummer mit phrygischer Tonleiter. Budziat, nun an der Posaune, changiert zwischen Gemütlichkeit und Provokation. Der im Remstal lebende Musiker schätzt bei seinen launigen Ansagen das schwäbische Idiom. „A lose Gosch“ und „Swab Soul“ nennt er zwei Nummern, die schwäbische Eigenarten in die Sprache eines mitunter recht stacheligen Jazz übersetzen.

Ein Stück ist dem Blechbläserkollegen Vincent Klink gewidmet

Und da zeigt sich, was württembergische Kenner längst wissen: In einer rauen Schale steckt bei Schwaben „hälingen“ ein süßer Kern. Es werden „Fleischküchle und Maultaschen“ gereicht, eine Komposition, die Budziat dem Blechbläserkollegen und Sternekoch Vincent Klink widmet. Der mitreißende Bebop des vor hundert Jahren geborenen Saxofonisten Charlie Parker markiert einen anderen Konzertschwerpunkt von Blastonal.

Doch am Ende bleibt die Frage offen, ob dieser Jazz tatsächlich politisch ist, oder ob das bloß mit Titeln und Ansagen behauptet wurde. Eine mögliche Antwort: Die Improvisationen des modernen Jazz wirken, wenn sie gut sind, stets als flammende Zeichen der Freiheit.

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