Der langweiligste Junge der Welt entdeckt eine magische Welt: Jason Segel als Peter in „Dispatches From Elsewhere“. Foto: AMC/Pamela Littky

Marshall Eriksen lebt hier nicht mehr: Neun Jahre lang war Jason Segel der liebenswert-unbeholfene Held der Sitcom „How I Met Your Mother“. Nun wagt er sich mit der Serie „Dispatches From Elsewhere“ raus aus der künstlerischen Sackgasse, in der er nach dem Ende der Erfolgskomödie steckte.

Berlin - In „Dispatches From Elsewhere“ spielt Jason Segel den langweiligsten Jungen der Welt: Peter lebt ein trist routiniertes Leben, bis er durch kuriose Bekanntmachungen eines ominöses Instituts aus seinem Alltagstrott gerissen wird. Die schrullige Dramedyserie, die am 8. Mai bei Amazon startet, erinnert wunderbar an die Filme von Charlie Kaufman und Michel Gondry und droht immer wieder ins Absurde abzurutschen. Wir haben Jason Segel kurz vor der Corona-Krise in Berlin getroffen.

Mr. Segel, Sie sind der Erfinder, Autor, Produzent, Regisseur und einer der Hauptdarsteller von „Dispatches From Else­where“. Gibt es eigentlich auch etwas, das Sie nicht können?

Ehrlich gesagt, glaube ich, meine ganze Karriere baut darauf, dass ich vieles irgendwie ein bisschen kann, aber alles ausprobiere. Ich wusste nicht, wie man Lieder schreibt und habe trotzdem den Song „Inside Of You“ für den Film „Nie wieder Sex mit der Ex“ geschrieben. Ich habe nicht gewusst, wie man Regie führt, und habe trotzdem den Piloten von „Dispatches From Elsewhere“ inszeniert. Mir macht es Spaß, dieser inneren Stimme zu trotzen, die dir ständig sagt: Du kannst das nicht!

Haben Sie keine Angst zu versagen?

Nein, ich habe keine Angst vor dem Scheitern. Oder zumindest fürchte ich mich mehr davor, ein Leben zu leben, in dem ich nur verpassten Chancen nachtrauere. Ich bin schon einige Male gescheitert, und das ist okay. Es schmerzt, es macht Angst, aber, wenn du es überstanden hast, hast du etwas fürs Leben gelernt.

Eine deutsche Redensart heißt „Probieren geht über studieren“.

Das stimmt. Ich liebe zum Beispiel Amateur-Talentshows. Ich mag Menschen, die Dinge ausprobieren, von denen sie nicht wissen, ob sie gut darin sind. Wenn ich beruflich oder privat unterwegs bin, ende ich oft in irgendwelchen Käffern. Und da schaue ich mir dann gerne Kleinstadt-Events an, bei denen Menschen mutig Sachen machen, in denen sie vielleicht zu zwanzig Prozent gut drin sind. Und ich schaue mir so etwas nicht ironisch an, um mich über diese Leute lustig zu machen, sondern ich bewundere Leute, die sich hinstellen und sagen: Hey, schau, ich kann ein bisschen singen. Ich finde diese Haltung großartig!

Was zum Beispiel können Sie selbst noch einigermaßen gut?

Schwimmen.

Was mögen Sie am Schwimmen?

Keiner kann mit dir reden. Oder wenn er es tut, geht er unter.

Hollywood hat eigentlich nichts fürs Herumprobieren übrig. Stattdessen geht es stets darum, sich keine Blöße zu geben und in allem, was man tut, der Beste zu sein.

Ja, deshalb bin ich da auch weggezogen. Ich hatte mich sowieso immer irgendwie als Außenseiter gefühlt und hatte den Eindruck, versehentlich auf diese Party eingeladen worden zu sein.

Was denken Sie, wenn Sie beim fernsehen über eine alte Episode der Sitcom „How I Met Your Mother“ stolpern, in der sie neun Jahre lang Marshall Eriksen spielten?

Je länger das zurückliegt, um so lieber blicke ich auf diese Zeit zurück. Ich schaue mir selbst sehr ungern zu. Allerdings kommt mir der Typ, der damals Marshall spielte, heute wie eine völlig andere Person vor. Ich erkenne mich in Marshall überhaupt nicht mehr wieder. Und das macht das Anschauen nach und nach einfacher.

Sie haben eine Weile gebraucht, um sich vom Erfolg der Serie zu erholen, die von 2005 bis 2014 lief.

Ja, ich war 33 als „How I Met Your Mother“ zu Ende ging. Und auf einmal wurde mir klar, dass ich seit zehn Jahren künstlerisch nichts mehr gewagt hatte. Ich habe dann in dem Film „The End Of The Tour“ den Schriftsteller David Foster Wallace gespielt, viel über existenzielle Krisen nachgedacht und angefangen „Dispatches From Else­where“ zu schreiben. Eigentlich erzählt die Serie metaphorisch von mir und meiner Hoffnung, etwas Außergewöhnliches zu schaffen

Die Serie basiert aber auf einer wahren Geschichte.

Ja, es gab vor ein paar Jahren eine geheime Organisation in San Francisco, die Menschen anzog, die das Gefühl hatten, dass es irgendwie mehr in ihrem Leben geben sollte. Sie haben daraufhin versucht, das Stadtleben magisch aufzuladen.

Peter, den Sie spielen, lässt sich mit einer kindlich-naiven Begeisterung auf diesen Zauber ein.

Ja, das hat er glaube ich von mir. Ich denke eine meiner besten Eigenschaften ist, dass ich immer ein bisschen hoffe, dass mich irgendwer zur Seite nimmt und mir zeigt, dass gleich um die Ecke etwas ganz Magisches passiert, eine andere Welt auf mich lauert.

Das heißt, Sie glauben an Magie?

Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir nicht erklären können. Nicht unbedingt weil sie magisch sind, sondern weil unser Wissen zu beschränkt ist, um sie zu verstehen. Was meinen Sie hätten Menschen vor 100 Jahren gesagt, wenn wir Ihnen eine Fernbedienung vorgeführt hätten? Sie hätten es für Magie gehalten.

Was fasziniert Sie so an Magie?

Wenn du in der Welt Magie entdeckst, wird diese viel schöner. Und ich glaube, dass es wichtig ist, sich diesen Glauben an das Magische zu erhalten, wenn man älter wird. Du selbst entscheidest, in welcher Welt du lebst, indem du entscheidest, wie du die Welt betrachtest.

Peter hat sich zu Beginn von „Dispatches From Elsewhere“ allerdings häuslich in seinen Routinen eingerichtet und scheut jedes Risiko. Er scheint damit, das Gegenteil von Ihnen zu sein.

Ich hoffe es. Die Serie zu machen, war auf jeden Fall ein Risiko. So mutig war ich nicht mehr, seit ich in „Nie wieder Sex mit der Ex“ diese Nacktszene hatte.

Jason Segel und die Serie „Dispatches From Elsewhere“

Person Jason Segel (40) ist Schauspieler, Komiker, Musiker, Autor und Produzent. Außerdem stand er als Jugendlicher kurz davor, eine Karriere als Profibasketballer einzuschlagen.

Karriere Seine erste Hauptrolle hatte Jason Segel im Jahr 1999 in Judd Apatows Highschoolserie „Freaks & Geeks“. Seinen größten ­Erfolg verdankt Segel der Sitcom „How I Met Your ­Mother“ (2005–2014). Er spielte in Filmen wie „Beim ersten Mal“ (2007) oder „Die Muppets“ (2011). Für die Komödie „Nie wieder Sex mit der Ex“ (2008) schrieb er auch das Drehbuch.

Streaming In der von Jason Segel geschriebenen und produzierten Serie „Dispatches From ­Elsewhere“ spielen neben ihm Sally Field, der Musiker André 3000 (Outkast) und die trans­sexuelle Eve Lindley Hauptrollen. Die zehn Episoden der Serie sind von Freitag, 8. Mai, an bei Amazon Prime verfügbar.

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